„Wir sind nicht feministisch, sondern zionistisch“

Die temperamentvolle Israelin Anat Vidor stammt von Pionieren der ersten Alija ab und ist seit Januar 2024 die achte Präsidentin von World WIZO. Anlässlich der jährlichen Gala One Night for Israel im Wiener Rathaus sprach sie mit Marta S. Halpert.

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Foto: Reinhard Engel

WINA: Als WIZO-Aktivistin kann man sehr unterschiedliche Studien absolviert haben oder Berufe ausüben: Sie haben nach dem Militärdienst einen Bachelor in Archäologie und jüdischer Geschichte von der Hebrew University in Jerusalem erworben sowie einen Master in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit an der University of Sydney abgeschlossen. Während Ihres Aufenthalts in Sydney waren Sie auch Vortragende für jüdische Geschichte und den arabisch-israelischen Konflikt an der Universität. Wollten Sie keine akademische Laufbahn einschlagen?

Anat Vidor: Die akademische Welt wirkt im engeren Rahmen, vielleicht bin ich zu neugierig und extrovertiert dafür, weil ich immer wieder Veränderung brauche. Schon als Kind habe ich Geschichts- und Archäologiebücher verschlungen, war besessen von allem, was in der Vergangenheit war. Am liebsten las ich über Länder, die wir Israelis damals nicht besuchen konnten, z. B. Ägypten und Jordanien. Zum Geburtstag wünschte ich mir immer Artefakte, die ich von meinem Vater auch bekam, denn er war selbst Historiker und Spross einer Gelehrtenfamilie in Jerusalem. Beim Militärdienst war ich der Education Force zugeteilt, das war sehr erfreulich, denn so konnte ich mit unseren Soldaten und Soldatinnen Führungen in unsere vielen Museen machen.

 

Sie haben auch drei Jahre als Schaliach (Emissär) für die Jewish Agency in Queensland, Australien, gearbeitet. Mit der Rückkehr nach Israel waren Sie Sprecherin des Council for Conservation of Heritage Sites in Israel. Eine interessante Aufgabe.

I Ja, nicht nur das: Die Erhaltung von Kulturerbstätten in Israel ist sehr wichtig, denn als archäologisch geschützt gilt alles nur bis 1800. Danach gibt es keinen Schutz für bedeutende historische Anlagen. Das heißt, alles kann theoretisch verkauft werden, auch Gebäude, die Wahrzeichen zionistischer Geschichte sind. Das war ein Wildwest-Eldorado für Bauherren, sie haben historischen Besitz einfach zerstört, um Neues zu bauen. Zum Glück konnten wir gesetzlich schon einiges bewirken und auch erhalten, zum Beispiel Kol Bo Shalom, das allererste moderne Kaufhaus in Tel Aviv, oder komplett restaurieren, wie das heutige Sarona-Viertel*, das größte, jemals durchgeführte Denkmalpflegeprojekt in Tel Aviv.

 

Was brachte Sie 2018 von Australien nach Israel zurück?

I Ich fuhr ja oft hin und her, aber 2018 war mein Sohn schon fünfzehn und meine Tochter achtzehn Jahre alt, und ich wünschte mir, dass beide in Israel leben. Außerdem wollte auch mein australischer Mann Alija machen (als Jude einwandern).

 

Ihre Wahl zur achten Präsidentin von World WIZO war Anfang Januar 2024, also nur knappe drei Monate nach dem unvorstellbaren Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Es war sehr mutig von Ihnen, zu dieser Zeit dieses herausfordernde Amt zu übernehmen.

I Ich wollte schon vor diesen schrecklichen Ereignissen Präsidentin werden, denn die WIZO ist in meiner DNA. Mein Weg bei WIZO begann noch in Australien bei einer Ortsgruppe; anschließend wurde ich Präsidentin von WIZO Sydney. In Israel zurück, wurde ich Mitglied des Executive Boards von World WIZO, wo ich die Leitung des Marketings übernahm. Ich war fasziniert von der Arbeit der WIZO in Israel und wollte viele junge Menschen für uns gewinnen.

 

Wie wollten Sie das anstellen?

I Da half mir eine wichtige Entdeckung beim Studium der WIZO-Verfassung: Ihre erste Mission lautet nämlich, „jüdische Frauen in aller Welt miteinander zu verbinden“. Als zionistische Organisation ist auch festgelegt, dass wir jüdische Menschen auf der ganzen Welt beschützen müssen. Und da ist nicht von Israel die Rede, sondern infolge der Schoa vom Fortbestehen des jüdischen Volkes weltweit – mit dem klaren Hinweis, dass wir die Community Leaders nicht verlieren dürfen, sondern aufbauen und fördern müssen. Denn wenn es keine jüdischen Führungskräfte gibt, Männer und vor allem Frauen, dann sieht es schlecht aus.

Anat Vidor ist seit 2024 die achte Präsidentin der Women’s International Zionist Organization (WIZO). Foto: Reinhard Engel

Was war nach Ihrem Amtsantritt, also während des Gaza- Krieges das Dringendste, das Sie tun mussten?

I Während der ersten Tage rannte ich nur von einem Begräbnis zum nächsten: Wir haben viele unserer WIZO-Absolventen, die in der Armee kämpften, verloren. Bereits in den Pionierzeiten hieß es immer wieder, dass WIZO die Offiziere für Zahal (IDF) produziert, denn mindestens drei Generalstabschefs waren WIZO-Graduates: Moshe Dayan, Shaul Mofaz, Rafael Eitan. Und viele mehr. Das ist klar, wenn man weiß, dass sie aus den landwirtschaftlichen Moschawim stammten: Wer den Boden des Landes bearbeitet, der kämpft auch dafür. Doch jetzt sind so viele junge „Kinder“ gestorben, mit 18 und 19 Jahren, manchmal am gleichen Tag; einer unserer WIZO-Lehrer wurde nach Gaza entführt.

 

Was war die erste positive Tätigkeit nach diesen traurigen Anlässen?

I Es war notwendig, schnell Geld für Schutzräume und Unterstände aufzutreiben, denn von unseren 165 Kindertagesstätten, in denen jährlich rund 12.000 Kinder betreut werden, waren bei Weitem nicht alle gerüstet für die Raketenangriffe – vor allem jenen aus dem Iran. Diese Kinder sind in unserer Obhut, und wir können sie nicht bei einem Raketenalarm nach Hause schicken. Ich bin sofort in die USA und nach Südamerika gereist, um geschützte Wohn-Container (Capsules), egal ob gebraucht oder neu, aufzutreiben, einer davon kostet 20.000 Dollar. Die Kinder mussten sicher untergebracht werden, damit sie insbesondere in Krisenzeiten eine gewisse Kontinuität ihres gewohnten Alltags haben, das erhöht ihre Stabilität und mildert die Traumata ein wenig. Ihre Familien sind in Kriegszeiten sowieso aus dem Lot.

 

„Während der ersten Tage rannte ich nur
von einem Begräbnis zum nächsten: Wir
haben viele unserer WIZO-Absolventen,
die in der Armee kämpften, verloren.“

 

Das Jessi Rubins WIZO Day Care Center in Kirjat Moshe bei Rechovot, 20 Kilometer südlich von Tel Aviv, besteht seit 1997 und betreut vor allem äthiopische Juden und deren Kinder im Alter von drei Monaten bis zu drei Jahren. Zurzeit sind es 74, deren Eltern alle Sozialempfänger sind. Das ist eines der wichtigen Projekt von WIZO Österreich, und von hier kam auch gleich Hilfe.

I Ja, WIZO Österreich kann stolz sein auf die warmherzigen, unglaublich aktiven Frauen – und auch Männer. Ich nenne nur die derzeitige Präsidentin, Yana Hauptmann, sowie die Ehrenpräsidentin, Hava Bugajer, doch mit ihnen sind noch Dutzende wunderbare WIZO-Aktivistinnen. Außerdem kommt Wien ständig auf gute Ideen, wie man Sponsoren für unsere Projekte gewinnen kann. Zum Beispiel: Die dringende Neugestaltung des Bunkers in Rechovot hat die Vorstandsvorsitzende Caroline Zelman- Shklarek aus Spenden ihrer Freundinnen anlässlich ihres Geburtstages ermöglicht.

 

Welche WIZO-Einrichtungen, im Norden oder Süden, wurden vom Krieg am meisten in Mitleidenschaft gezogen?

I Wir versorgten die Evakuierten entlang der libanesischen Grenze im Norden. Wir sammelten Uniformen ein, die ältere Reservisten noch zu Hause hatten und nicht mehr benötigten. Wir kochten für die Reservisten, betreuten die Verwundeten in unseren Kliniken. Und wir mussten uns um die Kinder in den Jugenddörfern kümmern, darunter viele Traumatisierte aus den Krisenherden in Aleppo, Syrien oder aus der Ukraine.

 

Die WIZO betreibt ein beachtliches Netzwerk mit 165 Kindertagesstätten, in denen jährlich rund 12.000 Kinder betreut werden. Darüber hinaus gibt es 18 Spezialzentren für gefährdete Kinder und fünf Jugenddörfer, die sowohl schulische als auch berufliche Ausbildung anbieten. Wie viele Mitarbeiter hat WIZO Israel?

I Wir sind mit 7.000 Mitarbeitern die größte NGO in Israel, es gibt nichts mit vergleichbarer Größe. Wichtig ist zu verstehen, dass wir der größte private Anbieter von sozialen Diensten sind. Unsere Stärke ist, dass wir schnell handeln können, weil die nötige Infrastruktur vorhanden ist, und zwar mit einer Bau- und Gebäudeabteilung sowie einem großem Fuhrpark, von wo aus täglich 250.000 Mahlzeiten ausgeliefert werden; das allein ist eine logistische Meisterleistung. Es rührt aus unserer 105-jährigen Vergangenheit her, dass wir noch immer mit dem Label „Für Frauen und Kinder ONLY“ versehen werden. Aber heute umfassen unsere Angebote viel mehr, natürlich auch Betreuung für Männern.

 

Was tun Sie für die Männer?

I Wir haben eine Hotline für Männer, die Gewalt erlebt haben, wir kümmern uns intensiv um das psychische Wohl der Reservisten (die zu Milu’im einberufen werden). Man muss verstehen, dass WIZO nicht Frauen- und Kinder-Wohlfahrt ist, es ist Israels privater Sozialdienst. Denn die Gesellschaft besteht nicht nur aus einem Geschlecht, unser Bestreben ist es, eine gleichberechtigte Gesellschaft zu fördern. Der Fokus ist auf den Frauen, weil sie in der Gesellschaft benachteiligt sind. Aber wir sind keine feministische, sondern eine zionistische Organisation.

 

„Unsere Stärke ist, dass wir schnell handeln
können, weil die nötige Infrastruktur vorhanden ist.“

 

Was hat es mit dem Projekt A Father Is Born (Ein Vater ist geboren) auf sich?

I Die Geburt eines Kinder bricht in eine Zweierbeziehung ein und bringt den gewohnten Alltag durch durcheinander. Die letzten zwei Jahre war es besonders schlimm: Inmitten von Krieg, Reservistenpflicht und traumatischen Erfahrungen ist es für die Männer besonders schwer, sich erneut Veränderungen zuhause zu stellen. Wir haben mit Ärzten und Psychologen ein Programm mit neun Sitzungen entwickelt, bei dem die Väter unter anderem für die Babys kochen oder diese wickeln; das entlastet sie etwas. Die Experten bestätigten uns, dass das Programm lebensrettend für diese oft ärmeren Familien ist. Manche Reservisten haben ihre Neugeborenen auch noch gar nicht gesehen und fremdeln, wenn sie heimkommen. Das Positive: Im Krieg gibt es einen Baby-Boom: Eine Frau erzählte mir, dass sie während sieben Jahren Ehe keine Kinder bekommen konnte. Zuletzt waren es sogar zwei nacheinander.

 

Musste die Regierung wegen des Krieges Zuwendungen kürzen?

I Nicht bewusst, aber Sie kennen Keren Hajessod (Israel National Fund). Das ist der finanzielle Arm der Sozialversorgung, von dem wir zum Teil gespeist werden. Aber Geld ist nicht immer das Problem: Wir müssen auf der operativen Seite funktionieren, schauen, dass die Leistungen immer besser und umfassender werden. Unser Ziel ist es, jene Lücken in der israelischen Gesellschaft zu finden, die keine Aufmerksamkeit bekommen, zum Beispiel finanzielle Hilfe an die Frauen der eingezogenen Reservisten: Viele dieser Soldaten wollten nicht zurück in den Dienst, weil ihre Familien auseinanderbrachen – vor allem, weil die Männer keinen Verdienst nach Hause bringen konnten. Natürlich gibt es auch tolle Nachbarschaftshilfe sowie Unterstützung von den jeweiligen Gemeinden, aber wir beraten u. a. auch die Armee, wie sie mit diesen traumatisierten Menschen umgehen soll. Wir haben gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium Studien dazu gemacht.

 

WIZO Chapters in Europa helfen viel, aber wegen der kleineren jüdischen Gemeinden müssen Sie sich auch weltweit um Sponsoren bemühen?

I Ja, für die Bedürfnisse von WIZO nach dem Massaker und dem nachfolgenden Krieg fuhr ich nach Brasilien; dort gibt es eine große Gemeinde, die wir leider viel zu lange vernachlässigt haben. Ich fand großzügige Spender in São Paulo für mehrere der benötigten Bunkerbefestigungen und Schutzräume. Auch in Panama, Mexiko und Australien war ich erfolgreich. Aber auch in Europa bekommen wir von zahlreichen Stiftungen in Deutschland und der Schweiz Unterstützung. Jetzt möchten wir uns der positiven Aufgabe widmen, viele junge, selbstbewusste Community Leaders auszubilden, damit die Zukunft der jüdischen Welt in der Diaspora auch gesichert ist – gemäß den Vorgaben von WIZO.

 


* Die Templergesellschaft kaufte 1871 dieses Stück Land, ein Jahr später besiedelten die
ersten Familien Sarona. Sie legten das Sumpfgelände mit Eukalyptusbäumen trocken, doch die Malaria dezimierte auch die 80 Bewohner. Das Ende von Sarona wurde 1950 mit der Ausweisung der Templerdeutschen vollzogen. Das Viertel hieß fortan Hakirya und war von 1948 bis 1955 der erste Regierungssitz Israels.

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