Wird das Ding eine Muzicant-Story?“ „Hoffentlich nicht!“

„Berufsjude“, „Elder Statesman“ , Ehren- und Vizepräsident: Dr. Ariel Muzicant ist 70 geworden. Zeit für eine Tour d’Horizon auf Geleistetes, ein ambitioniertes zeithistorisches Projekt und auf die Zukunft der Kultusgemeinde

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Ariel Muzicant war von 1998 bis 2012 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. © Daniel Shaked

Gegenüber seinem Schreibtisch im Innenstadtbüro, also immer im Blick, hängt ein riesiges Foto seiner großen Familie. Kinder, Schwiegerkinder und jede Menge Enkel. Wie viele es sind? „Viele, aber wir zählen nicht“, lächelt der Patriarch. Privates will Ariel Muzicant überhaupt nicht gern preisgeben und auch seinen 70er womöglich ignorieren. Ein neues Leben, das fing für ihn mit 60 an und davon erzählt er gern.

WINA: Was hat sich im letzten Jahrzehnt konkret für dich verändert?
Ariel Muzicant: Ich hab die Präsidentschaft der Kultusgemeinde abgegeben und die Firma meinem Sohn übergeben. Aus dem Tagesgeschäft bin ich komplett heraus und entwickle nur noch große zusammenhängende Immobilienprojekte mit tausenden Wohnungen, zurzeit ein Projekt am Handelskai. Und auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen als „Berufsjude“ hab ich im European Jewish Congress (EJC) und im World Jewish Congress versucht, einige Dinge, die mir wichtig sind, weiterzubringen. So wurde 2012 die Sicherheit der jüdischen Gemeinden mit einer neu geschaffenen Institution überregional verstärkt und wird heute von lokalen Regierungen und Gemeinden unterstützt. Außerdem haben wir Ende 2018 eine EU-Ratsresolution mit konkreten Maßnahmen gegen Antisemitismus erwirkt, die zum ersten Mal Zähne hat. Plötzlich haben alle EU-Regierungen begonnen, eigene Aktionspläne zu erstellen und Antisemitismus-Beauftragte zu ernennen, mittel- oder langfristig werden wir also hoffentlich einen Unterschied sehen. Weiters haben wir uns bemüht, die EU aus ihrer Israel-feindlichen Position herauszuholen, und haben das bei etwa 15 der 27 langsam gemeinsam geschafft. Als „Elder Statesman“ hat man natürlich internationale Beziehungen und Kontakte und kann Einfluss nehmen, und das tun wir, das heißt der EJC auch.

Vor einigen Wochen hast du in einem Schreiben die etwas älteren IKG-Mitglieder, genauer gesagt, die Generation 55 plus, zur Mitarbeit am Forschungsprojekt Die Geschichte der IKG und der jüdischen Gemeinde von 1945 bis 2012 eingeladen. Wie ist es dazu gekommen?
I Als wir um die Mitte der 1970er-Jahre in der IKG angetreten sind, hatten wir eine Art Aktionsplan für die Gemeinde, den wir abgearbeitet haben. Nach meinem Rücktritt blieben auf meiner Checkliste aber noch einige unerledigte Punkte, die mir persönlich wichtig sind. Einer davon betrifft die Geschichte der IKG. Leider sterben die Leute, die sie mit aufgebaut haben, alle weg. Ich konnte zwar das Archiv von Alex Friedmann retten und die Archive der „Heruth“ und vom „Bund“ in die Kultusgemeinde einbringen, aber vor allem die Menschen verschwinden ja. Deshalb wollte ich ein historisches Projekt initiieren, das sich mit der Geschichte der Kultusgemeinde nach 1945 auseinandersetzt und zu diesem Thema einzelne Bereiche erforscht und entsprechende Publikationen herausbringt. Da ich kein Historiker bin, hab ich Professor Klaus Davidowicz mit der wissenschaftlichen Leitung beauftragt. Außerdem wurden einige Positionen ausgeschrieben und etwa sechs bis sieben Leute mit verschiedenen Themenkreisen betraut: Die geschichtliche Aufarbeitung der knapp 70 Jahre, Bildungswesen und Erziehung, Sozialwesen, Juden und Film nach 1945 in Österreich, weiters 200 wesentliche jüdische Persönlichkeiten nach 1945 und ihr Einfluss auf die österreichische Gesellschaft. Ein letztes Thema beschäftigt sich mit Sammlungen von Judaica aus dem österreichischen Raum und hat auch mit meiner eigenen Sammlertätigkeit zu tun. Wir hoffen, nach insgesamt drei Jahren einige Publikationen in Buchform veröffentlichen zu können.

Ist auch an digitale Erscheinungsformen gedacht, und wer finanziert das Projekt?
I Ich bin ein konservativer Mensch, ich mag das Internet nicht. Das Projekt wird zur Gänze von mir finanziert.

In welcher Weise sollen nun die Gemeindemitglieder quasi als „Geschichte von unten“ in diese wissenschaftlichen Arbeiten integriert werden?
I Jeder Historiker schreibt und recherchiert natürlich subjektiv, daher erscheint es mir sinnvoll, zusätzlich Gemeindemitglieder zu befragen, die diese Zeit erlebt haben. Wir möchten Material, Geschichten und Dokumente dieser Personen einbauen. Bei geschichtlichen Narrativen geht es immer um die Vielseitigkeit der Blickwinkel. Objektivität gibt es ohnehin nicht, aber es sollte so distanziert und neutral wie möglich sein und keine Position beziehen. Ziel ist eine ausgewogene historische Darstellung, die auch einen Wert hat. Das Motto lautet: „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, hat keine Zukunft.“

Wie war die Reaktion auf deinen Brief?
I Von den geplanten 300 Interviews haben wir bereits ungefähr 200. Alle, die sich auf den Aufruf melden, werden interviewt, und wenn es geht, wird das eingebaut. Die Interviewten werden nach bestimmten Themenkreisen angesprochen bzw. kontaktiert. Zum Beispiel werden zum Kapitel Orthodoxie die noch lebenden Beteiligten der verschiedenen Konflikte in den 1960er- und 1970er-Jahren befragt.

 

© HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.com


„Weiters haben wir uns
bemüht, die EU aus ihrer Israel-feindlichen Position herauszuholen.“
Ariel Muzicant

 

 

 

Was geschieht mit den zur Verfügung gestellten Realien wie Fotos, Dokumente etc.?
I Wir haben einen Herrn eingestellt, der aus all dem eine Datenbank produziert, die für die gedruckten Bücher verwendet und dann als Geschenk an die Kultusgemeinde übergeben wird. Ich denke, dass eine Kultusgemeinde viel mehr in ihre Archive und ihre Datenbanken investieren sollte, das interessiert dort aber offenbar niemanden. Deshalb mache ich das vorerst mit diesen Dingen.

Einen Großteil der untersuchten Periode hast du bestimmend mitgestaltet. Wie bringst du dich persönlich in das Projekt ein?
I Als leidenschaftlicher Sammler hab ich sehr viele Dokumente, sehr viel Archivmaterial, das alles habe ich zur Verfügung gestellt. Außerdem hat man mich auch interviewt. Ich hatte natürlich genug Konflikte,und dazu muss man sich auch die Gegenseiten anhören. So gut es geht, hab ich mich aber aus dem Projekt herausgenommen, bin jedoch ein wesentlicher Zeitzeuge. Wird das Ding jetzt eine Muzicant-Story? Hoffentlich nicht! Sonst hätte ich eine Autobiografie geschrieben. Die Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde, so wie ich sie miterlebt habe, ist für mich eine Erfolgsgeschichte. I Richtig, aber es war eine Hochschaubahn! Es ging bergauf und bergab, es war also keine kontinuierliche Erfolgsgeschichte, aber über die ganze Periode gesehen natürlich schon.

Welche Gründe gab es für diese Hochschaubahn?
I Sowohl innere Konflikte wie auch äußere mit Österreich. Viele Politiker der Zweiten Republik waren ja Antisemiten, sogar Leute, die aus dem Widerstand und aus den KZs gekommen sind. Dann gab es multiple Kreisky-Auseinandersetzungen, Waldheim, Blau-Schwarz etc. All das hat die Gemeinde massiv beeinflusst und auch dazu geführt, dass viele Juden aus Österreich weggegangen sind. In den frühen 1980er-Jahren hat uns eine Studie gezeigt, dass sich die Zahl der Wiener Juden auf 4.000 reduziert, wenn wir nichts tun. Wir haben etwas getan, die Schule und viel an Infrastruktur gebaut und auch mit Leben erfüllt, und die Gemeinde hat heute 8.000 Mitglieder. Aber auch heute haben wir eine ähnliche Situation, und wenn wir nicht jetzt verschiedene Maßnahmen setzen, so wird es in 30 Jahre eine jüdische Gemeinde, hier so wie fast in halb Europa, nicht mehr geben. Es wird zwar Juden geben, aber keine Gemeinde.

 

Leidenschaftlicher Sammler von Judaica aus dem österreichischen Raum © Daniel Shaked

„Ich bin ein konservativer Mensch,
ich mag das Internet nicht.“

Ariel Muzicant

 

Ein wesentlicher Faktor für deren Existenz ist die Einheitsgemeinde. Eine conditio sine qua non?
I Gemeinsam mit anderen hab ich immer um eine Einheitsgemeinde gekämpft, die gerade in einem feindlichen Umfeld – denn wir sind ja im Land, in dem die Schoah stattgefunden hat – so wichtig ist. Es gab aber immer zentrifugale Kräfte, die nur ihre partikularistischen Interessen und nie das Gesamte, die Allgemeinheit, gesehen haben. Und diese Spaltungstendenzen sind genauso gefährlich wie der Antisemitismus. Schließlich wurde das Israeliten-Gesetz verabschiedet, das eine Spaltung eigentlich nicht zulässt. Es wurde lange verhandelt und ausgestritten, diese Art des Streitens hat man eben beherrscht. Ob das weiter so gelingt, hängt von Geduld und Fähigkeiten der jeweiligen politischen Führung ab, aber auch von den Leuten in der Gemeinde, die wählen oder die nicht wählen und denen alles wurscht ist.

Was sind deiner Ansicht nach die wesentlichen Aufgaben zur Sicherung der Zukunft?
I Die Kultusgemeinde muss dafür sorgen, dass die Grundbedürfnisse abgedeckt werden, dass es Schulen, Synagogen, Friedhöfe, Sicherheit und dass es zu essen gibt. Das war der Job der Präsidenten in den letzten 70 Jahren, aber er erfordert viel Kraft und Durchsetzungsvermögen. Wesentlich ist, die finanzielle Situation der Gemeinde nicht zu gefährden. Weiters, und das gilt für alle, der Respekt vor den anderen, und wir haben in unserer Gemeinde die anderen in jeder Form. Die Bucharen sind die anderen für die Grusinen und so weiter. Der Respekt vor den anderen und ihren Lebensformen, ihren Traditionen und Bräuchen ist wesentlich und dass man sich als gleichwertig und als Juden und nicht primär eben als Bucharen, Aschkenasen etc. sieht. Es fehlt der nötige Respekt in alle Richtungen, und jeder schaut auf den anderen aus irgendeinem Grund herunter. Den Nazis und Antisemiten war es wurscht, welche Art Jude man war. Am Ende des Tages wird es wieder zu einem Konflikt in Wien kommen. Die Juden sind der natürliche Feind aller Extremisten, wir sind sichtbar, haben eine bestimmte Werteskala – und wir sind immer an allem schuld, und das wird sich nicht so bald ändern.

Welche Ziele hast du noch im Rahmen der Kultusgemeinde?
I Für mich ist die ZPC-Schule das Herzstück der Gemeinde. Eines meiner Ziele ist es, diese Schule für die Zukunft finanziell unabhängig zu machen und so lange wie möglich abzusichern, denn sie braucht jährlich 1,2 Mio. zusätzliche Mittel. Deshalb arbeite ich jetzt an einem Immobilienprojekt der IKG, aus dem zusätzliche Einnahmen lukriert werden sollen, die speziell gewidmet sind, um dieses Defizit abzudecken. Wenn das gelingt, dann ist die Schule wie ein Leuchtturm. Der Campus und die Seitenstettengasse mit allem, was dort dazugehört, sind die Herzstücke der Gemeinde. Wenn diese beiden Bereiche ordentlich gemanagt werden, kann der Gemeinde eigentlich nicht allzu viel passieren. An dieser Basis arbeite ich.

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