„Wo Kreisler draufsteht, ist auch Kreisler drin“

Sandra Kreisler, die vielseitige Tochter des Künstlerpaares Topsy Küppers und Georg Kreisler, pflegt nicht nur das jüdische Liedgut, sondern provoziert auch Diskussionen über Israel.

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Sandra Kreisler. „Mit Kreislerismen beschreite ich einen Gegenpol zur Ernsthaftigkeit meiner anderen musikalischen Arbeit.“

Auch im legeren Freizeitlook und mit keckem Sommerhut kann man sich Sandra Kreisler auf einer Bühne vorstellen. Es gibt Künstlerpersönlichkeiten, die in jedem Outfit bühnentauglich sind – dank ihrer Ausstrahlung. Die Interpretin literarischer und politischer Chansons urlaubte einige Tage mit ihrer Mutter Topsy Küppers am Attersee, wo sie mit „Chuzpe“, einer reizenden Pudelmischung, und Michael B. Orens neuestem Israel-Buch Ally* unterwegs war. Sogleich sprudelt es aus ihr heraus: „Ich bin immer wieder fassungslos über die Ungerechtigkeit, die Israel widerfährt. Ständig heißt es: ‚Israel muss das, Israel muss jenes.‘ Den Palästinensern sagt man das nicht, ich finde das einfach rassistisch: Man sagt nur ‚die armen Palästinenser‘ “, ereifert sich Kreisler, „aber das sind erwachsene Menschen, und die können sehr wohl die Chauffeure ihres eigenen Schicksals sein – wenn sie nur wollten. Auch andere Flüchtlinge mussten sich allein zurechtfinden.“
Sind diese Ansichten der Karriere einer jüdischen Künstlerin, die vorwiegend im deutschsprachigen Raum auftritt, heute zuträglich? Diese opportunistische Frage würde sich Sandra Kreisler nie stellen. „Ich bin ein politischer Mensch, und die Moderationen in meinen diversen Programmen sind es großteils auch.“ Woher kommt diese starke Affinität zu Israel? „Als großer Feind von Ungerechtigkeiten habe ich mich schon immer mit Fragen des Minderheitenschutzes, Frauenrechten u. a. beschäftigt. Denn tief im Herzen bin ich sehr links, deshalb bin ich so betroffen, wenn gerade die Linke so anti-israelisch agiert.“ Sie selbst habe schon in den letzten zehn Jahren eine stetige Meinungsänderung durchgemacht, bei der sie Punkt für Punkt historische Widerhaken fand, die zu ihrer jetzigen Haltung führten.

„Tief im Herzen bin ich sehr links, deshalb bin ich so betroffen, wenn gerade die Linke so anti-israelisch agiert.“
Sandra Kreisler

Derzeit konzentriert sich Sandra Kreisler auf drei Soloprogramme und die Auftritte von Wortfront, einem Projekt, das sie gemeinsamen mit ihrem Schweizer Lebensgefährten Roger Stein und der dazugehörigen Band betreibt. Wortfront? Klingt ein wenig kriegerisch. „Kämpferisch vielleicht“, gibt sie zu, „aber es geht bei dieser Popmusik an vorderster Front um die Sprache – und das ist ein Anspruch, den wir durchaus an uns stellen.“ Kreislers eigene Berufsbezeichnung lautet „Bühnenkraft“, die Ausführungen dazu lauten: Diseuse im klassischen Sinn, denn der Begriff „Chanson“ sei zuletzt zu inflationär und beliebig missbraucht worden. Weiters ist sie Autorin, Regisseurin, Schauspielerin, Moderatorin, Interpretationscoach und Mietstimme. Übrigens die Meistbeschäftigte im österreichischen Rundfunk, wenn es um Kultur, Literatur, Dokumentation und Religion geht. Als amerikanische Staatsbürgerin in München geboren, wuchs sie zweisprachig auf, nahm Gesangs- und Schauspielunterricht in Wien und Berlin und war sowohl in diversen Theaterproduktionen als auch im Film und in TV-Serien zu sehen. Zu ihren Kollegen zählten Größen wie Ben Kingsley, Sir John Gielgud, Jane Seymour, Robert Mitchum oder Caterina Valente. Seit 1994 geht Kreisler mit verschiedenen Soloprogrammen auf Tourneen durch die USA sowie mehrmals durch Deutschland, die Schweiz, Kroatien, Spanien, Polen und Österreich.

Schum Davar – rein gar nichts? „Ich habe schon sehr lange nichts explizit Jüdisches mehr auf die Bühne gebracht. Und es fehlte mir“, erzählt Kreisler über ihr Programm Schum Davar, das sie zuletzt auch beim Jüdischen Kulturfestival in Wien mit großem Erfolg präsentierte. „Ich habe versucht, Lieder zusammenzustellen, die nicht von allen anderen Kollegen gesungen werden, selten gehörte Kabarettchansons, nicht in jiddischer Sprache, aber explizit von jüdischem Humor und der so typisch jüdischen humanistischen Grundhaltung getragen“, erzählt die vielseitige Künstlerin, die mit einer neuen musikalischen Besetzung arbeiten wollte.
So stieß sie auf einen russischen und einen ukrainischen Musiker, die zur Freude der jüdischen Gemeinden in Deutschland auch Lieder in deren Muttersprache präsentieren: Gennadij Desatnik an Geige, Bratsche und Gitarre sowie Valeriy Khoryshman am Akkordeon. „Von den insgesamt 20 bis 22 Liedern singen sie etwa 15 Prozent, z. B. die Kiewer Tramway in Jiddisch, Ukrainisch und Russisch.“ Kreisler definiert den Abend als modernes jüdisches Programm ohne Städtele Belz oder Jiddische Mame. „Wir haben uns bemüht, mit diesen Liedern Jung und Alt, jüdisch und nichtjüdisch, Deutsch- und Russischstämmige anzusprechen.“ Doch woher nimmt man heute moderne jüdische Lieder? „Ich habe immer jüdische bzw. israelische Lieder gesammelt, zum Beispiel von Freddy Dura. Außerdem habe ich selbst getextet, und dann hat der russische Komponist und Pianist Sergei Dreznin das für mich vertont.“ Weitere literarische Schmankerl fand Kreisler beim Verleger jiddischer Literatur Andrej Jendrusch (edition dodo).
Die zwei weiteren Soloprogramme kreisen um die einzigartige Kunst von Sandras Vater, den legendären Georg Kreisler: Unter dem Titel Kreislerismen vereint die Tochter auf leichtfüßige Weise Kompositionen von Kreisler und anderen Größen des literarischen Kabarettchansons: witzig, frech, bissig. „Mit Kreislerismen beschreite ich einen Gegenpol zur Ernsthaftigkeit meiner anderen musikalischen Arbeit. Deutlich dem Kabarett verpflichtet, aber natürlich wie immer mit Anspruch auf Perfektion.“ Als wahrer Klassiker entpuppt sich dann der dritte Abend mit dem Titel Kreisler singt Kreisler: Dieses Programm ist eine Hommage an den Künstler Georg Kreisler, an seine politischen und künstlerischen Gedanken.
Der Hinweis, dass dies alles eine Verbeugung vor dem künstlerischen Genie Kreisler ist und nicht vor der Vaterfigur, ist der Tochter besonders wichtig. „Nach der Scheidung meiner Eltern ist unsere Familie zerbrochen, und all meine Bemühungen, sie wieder zusammenzubringen, waren vergeblich. Der Kontakt zu beiden riss ab, und ich war bereits mit 14 Jahren auf mich allein gestellt“, klingt es noch wehmütig nach. Die autoritäre Unbeugsamkeit des Vaters machte es für Sandra und ihren Bruder noch schwieriger:„Wenn ein Mensch in erster Linie Genie ist, kann er nur in zweiter Linie Vater sein. Trotzdem: Ich möchte keine andere Kindheit haben, sie war aufregend und lehrreich. Ich könnte tausende Anekdoten erzählen, wie Georg Kreisler uns in der Volksschule gegen bornierte Lehrer unterstützte, wie wir auf langen Autofahrten Reim- und Wortspiele kreierten, wie er meinem Bruder zeigte, wie man am besten Mädchen anbaggert“, lacht sie erleichtert, denn zu Top­sy Küppers hat sich das Verhältnis nach vielen Jahren wieder eingerenkt.
Daher verbringt man auch gemeinsame Stunden am Attersee. Und nach einer kreativen Ruhephase mit Pudelmischung „Chuzpe“ pendelt sie wieder zwischen dem Hauptwohnsitz Berlin und dem zweiten Domizil Konstanz am Bodensee. „In der Schweiz produzieren wir unsere CDs, und ich schreibe an meinen diversen Texten. Denn wo Kreisler draufsteht, ist auch Kreisler drin. Man darf nichts Streichelweiches von mir erwarten.“

* Michael B. Oren: Ally. My Journey Across the American-Israeli Divide. Taschenbuch; September 2016; New-York-Times-Bestseller
© Simone Hofmann

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