Wogen und Wege, um sie zu glätten

Immer mehr Menschen gehen auf die Straßen Israels und ringen um das Überleben der immer noch von der Hamas gefangen gehaltenen Mitmenschen. Wer wird, wer soll am kommenden Tag zum Gedenken der Gefallenen und Terroropfer zu diesen Menschen sprechen?

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Die Verzweiflung mischt sich mit Wut. Die Demonstationen nehmen wieder Fahrt auf: Demonstant:innen blockieren den Ayalon Highway in Tel Aviv und rufen auf, alles zu tun, um die Geiseln freizubekommen. © Oded Balilty / AP / picturedesk.com; Flash 90

Im Hafen im Norden Tel Avivs gibt es das überaus populäre Café Leuchtturm. Wer dort nicht unbedingt am Wochenende hingeht, findet einen wunderschönen ruhigen Ort direkt am Meer vor: schattige Sitzplätze auf Holzplanken, Bestellung online. Wenn alles fertig ist, kommt eine Nachricht auf dem Handy. Junge und Alte sitzen da. Eine Oase mit Blick auf die Wellen, zwei religiöse Familien fahren mit Tretautos an der Küste entlang. Es könnte so schön sein, wenn sich alles andere einfach ausblenden ließe. An einer Mauer gegenüber steht in riesigen Lettern „Bring them home“, an den Laternen sind Aufkleber mit Bildern von gefallenen Soldaten.

Sieben Monate nach dem 7. Oktober 2023 ist immer noch nicht klar, wie es weitergeht. Keiner weiß, ob doch noch ein Deal zur Geiselbefreiung zustande kommen oder ob es eine Militäroperation in Rafah geben wird. Offen ist, wie es an der Nordgrenze weitergeht. Niemand kann sagen, was es jetzt genau bedeutet, dass der Iran erstmals direkt Israel angegriffen hat. Die Nacht ist inzwischen fast schon wieder in Vergessenheit geraten. Mit gepackter Tasche, darin die wichtigsten Papiere und Wertsachen, hatte man – letztlich erfolgreich – darauf gehofft, dass die Angriffsdrohnen und Raketen rechtzeitig abgefangen würden. Die Ankündigung, dass sich die Geschosse bereits auf dem Weg befanden, hatte etwas Surreales. Man wusste, es war jetzt nur eine Frage der Zeit, bis sie uns erreichten.

Am Unabhängigkeitstag wird es diesmal keine
Militärparade am Himmel geben. Das Land ist
auf Sparflamme. Zu feiern gibt es nicht viel,
und die Piloten haben eh genug zu tun.

Wir wussten auch, Tel Aviv mit dem Hauptquartier der Armee, dem Verteidigungsministerium den vielen glitzernden Büro- und Wohntürmen, ist ein Premiumziel. Ein Treffer hätte möglicherweise genügt, um noch in der Nacht eine direkte Konfrontation auszulösen. Mit dem Schattenkrieg ist es vorbei.

Am Unabhängigkeitstag wird es diesmal keine Militärparade am Himmel geben. Das Land ist auf Sparflamme. Zu feiern gibt es nicht viel, und die Piloten haben eh genug zu tun. Niemand braucht auch den Lärm. Das Israel im Jahr 2024 ist ein anderes. Noch nie hat es in dieser Intensität einen so langen Krieg gegeben, und er ist immer noch nicht zu Ende. Auch könnte es zu einem weiteren Krieg kommen. Denn ein Abkommen mit dem Libanon, das die Hisbollah von der Grenze vertreibt, ist nicht in Reichweite. Dann sind da die vielen Geiseln, deren Angehörige inzwischen nur mehr mit starken Beruhigungsmitteln funktionieren können. Nicht alle sind für Verhandlungen mit der Hamas, sollte der Preis dafür ein vorzeitiges Ende des Gazakrieges sein.

© Oded Balilty / AP / picturedesk.com; Flash 90

Aber viele der Familien drängen auf einen Deal. Sie glauben, dass der Schicksalsmoment spätestens jetzt gekommen ist. Auch sie wissen, dass der Ausgang gewiss nicht allein von Israel abhängt und es vor allem auch auf die Hamas ankommt. Doch das Zeitfenster wird immer kleiner, keiner weiß, wie viele von den 133 Geiseln noch am Leben sind. Die jüngsten Videos, in denen drei Geiseln in die Kamera sprechen, geschickt von der Hamas inszeniert, brechen einem das Herz.

„Entweder die Geiseln oder (eine Militäroperation in) Rafah“, steht auf den Plakaten, die von den Demonstranten hochgehalten werden, die in diesen Tagen die Stadtautobahn blockieren. „Nach Rafah reinzugehen, bedeutet, die Geiseln aufzugeben. Nachdem sie uns sechs Monate lang versprochen haben, dass nur militärischer Druck die Geiseln nach Hause bringen wird, so wissen wir jetzt alle, dass nur ein Abkommen jene nach Hause bringen wird, die sich noch retten lassen“, hieß es in einer Erklärung, die vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem verlesen wurde.

Und da ist […] die Wut auf einen Regierungs- chef, dem viele schon vor dem 7. Oktober nicht mehr vertraut haben, dass er bei seinen Entscheidungen tatsächlich im Interesse des
Landes handelt.

Und da ist – vor allem hier in Tel Aviv – die Wut auf einen Regierungschef, dem viele schon vor dem 7. Oktober nicht mehr vertraut haben, dass er bei seinen Entscheidungen tatsächlich im Interesse des Landes handelt. Dass seine Gattin damit beschäftigt ist, ihr Image durch geschönte Fotos auf ihrem Instagram-Account aufzupolieren, auf denen sie 20 Jahre jünger aussieht, macht es nicht besser. Die Demonstrationen am Samstagabend auf der Kaplan-Straße, die sich inzwischen immer mehr mit denen der Geiselfamilien vermischen, haben wieder an Fahrt aufgenommen. Die Gräben in der Gesellschaft sind wieder da, auch wenn die Soldaten weiterhin Seite an Seite kämpfen.

Unmittelbar vor dem Unabhängigkeitstag wird es wie jedes Jahr zunächst den Tag zum Gedenken der Gefallenen und Terroropfer geben. Hunderte von betroffenen Familien haben jetzt die Politiker dazu aufgerufen, auf Reden zu verzichten und an deren Stelle lieber Vertreter aus ihren Kreisen dort das Wort zu geben.

In dem Versuch, die aufkommenden Wogen noch im Vorfeld irgendwie zu glätten, hat der Verteidigungsminister nun die Regierungsvertreter dazu aufgerufen, bei den Veranstaltungen teilzunehmen, diese aber „nicht als Bühne für andere Zwecke zu benutzen“. Mal sehen, wo wir in einem Monat stehen.

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