Die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Wien Alles vergessen, realisiert in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems, widmet sich dem Thema des individuellen und kollektiven Vergessens wie des Erinnerns. Anhand von Objekten – Dokumenten, Artefakten und künstlerischen Interventionen – wird der Frage der Manifestation von Vergessen nachgegangen, wie es passiert, konstruiert und verordnet wird – und was sich darin einschreibt. Es geht um Verdrängung, Verlust, Überschreibung und Auslöschung von Erinnerung, das Sichtbarmachen von Lücken und Ambivalenzen – und von dahinterstehenden (Macht)Mechanismen.
Die kulturhistorisch-phänomenologische Bestandsaufnahme, die Vergangenheit und Gegenwart von Formen des Vergessens denkt und zur Diskussion stellt, wurde am Internationalen Holocaust-Gedenktag eröffnet. Dies ist als bewusstes Zeichen zu lesen, das unter anderem die Aufmerksamkeit auch darauf lenkt, dass Gedenk- und Erinnerungskultur sich – abgesehen von Verleugnung und Verdrängung – mit einer weiteren massiven Herausforderung konfrontiert sieht: dem zunehmenden Überschreiben und Neuschreiben von Geschichte mittels gefälschter, vorgeblich zeithistorischer Dokumente. Fake-Fotografien und -Filmmaterial aus der NS-Zeit, vermeintliche Szenen aus Konzentrationslagern, KI-generiert, fluten das Netz.
Was ist tatsächlich eine Originalquelle? Worauf können unsere Augen und Ohren bei Medieninhalten noch vertrauen? Woran können wir uns anhand von Desinformation und Deepfakes – auch in Bezug auf ein übergeordnetes Narrativ – orientieren? Was wirkt auf uns ein? Und welche Geschichte(n) prägen wir?
„I’m interested in what we believe, why we believe it, and how technology has shaped those beliefs.“
Shira Chess
2025 haben Google und andere Suchmaschinen den KIModus eingeführt. Seitdem ist ein zunehmendes Verschwinden von Primärquellen, bei gleichzeitiger Bricolage von im Netz auffindbarer Daten zu beobachten. Die Suchalgorithmen vernetzen Datenpunkte, vermengen relevantes Wissen mit parasitären Gemengelagen, Nonsense und Stereotypen, maschinengenerierte Halluzinationen inklusive; das Resultat sind akkumulierte Faktenkonglomerate, das Ausufern von Referenzen mit flexiblem Wahrheitsgehalt. Historisch Verbrieftes, Daten diverser Forschungsfelder, menschlich und maschinell Generiertes, Fakten und Fiktionen erfahren via Graphen die Verschmelzung zu unfassbaren Potenzialitäten. Zunehmend wird es schwieriger, die Seriosität von Quellen zu verifizieren. Altbewährte Orientierungsstrukturen („Leitmedien“, Journale, Bibliotheken, Archive etc.) greifen nicht mehr, neue haben sich noch nicht ausgebildet. Wir schwimmen im Fluss der digitalen Überkomplexität, befinden uns inmitten einer historischen Übergangszeit des algorithmusdefinierten Virtuellen.
Vor dem Hintergrund der Bedeutung von KI in unserem Alltag (auch dort, wo wir KI-Systeme gar nicht mehr als solche wahrnehmen) und der schieren Menge der zurzeit den Markt flutenden neuer KI-Apps lässt sich feststellen, dass sich Diskussionen zum Thema zumeist auf die Consumer- Anwendungen für Text, Bild/Video, Audio (ChatGPT, Midjourney, Suno etc.) und persönliche Erfahrungen mit generativen LLMs (Large Language Models) beziehen und dass selbst im akademischen Kontext der Diskurs zum Thema KI als Forschungsfeld und Schlüsseltechnologie oftmals unscharf bleibt und sich in einem Pro (u. a. in Bezug auf Kreativität, Effizienz, Innovation, Lösung globaler Probleme) und Kontra (u. a. hinsichtlich Arbeitsmarkt, Ressourcen, ethischen Frage, Copyright, Sicherheit) erschöpft.
Shira Chess, außerordentliche Professorin für Unterhaltungs- und Medienwissenschaften an der University of Georgia, stellt in Bezug auf KI und Mythenbildung fest, dass die Vorstellung, etwas Schreckliches/Wunderbares werde heraufbeschworen, das uns alle vernichten/retten wird, tief in den Horror-, Fantasy- und Science-Fiction-Werken verwurzelt ist, die die Tech-Elite seit dem 20. Jahrhundert konsumiert. Und an anderer Stelle fügt sie an: „Isn’t it weird that all of these tech bros that have been playing video games for most of their lives suddenly think they are all playing one at a cosmic level?“
Niemand kann voraussehen, wie KI und in weiterer Folge AGI (Allgemeine Künstliche Intelligenz) sich entwickeln werden. Wesentlich aber ist, in wessen Händen sich die Macht über die Daten und Algorithmen befindet, in welchem Interesse und mit welchen Zielsetzungen – und mit welchen planetaren Auswirkungen – technisch Machbares in der radikalsten Technologie(r)evolution der Geschichte implementiert wird.























