Wunschloses Unglück

Eine junge Frau schließt mit ihrem Leben ab und zieht sich in ein Altersheim zurück. Zuversicht ist ein trügerischer Titel für diesen schicksalsträchtigen Roman der großen Menschenkennerin Mira Magén, der im hebräischen Original ganz unverdächtig Die Schwester des Tischlers heißt.

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Mira Magén: Zuversicht. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. dtv, 432 S., € 24,70

Das große „Erdbeben“, der „Urknall“, der Albtraum aller Albträume hat bereits stattgefunden. Bei einem Autounfall verlor Nava ihren Ehemann und ihren kleinen Sohn. Wo war Gott in diesem Augenblick, ist eine der großen Fragen, die sich die junge Witwe immer wieder stellt. Sie hat nichts mehr zu verlieren und will nichts mehr gewinnen. Ihren Beruf hängt die Innenarchitektin an den Nagel, setzt sich als Kassiererin in einen Supermarkt, verschließt ganz fest ihre Wohnung, wo sie noch den Atem ihrer Toten zu spüren meint, und übersiedelt in ein gepflegtes Altenheim. Vom Rest der Welt abgeschottet, will sie sich dort in ihrem wunschlosen Unglück einnisten, doch nicht alle Alten heißen die junge Neue willkommen. „Das Leben hat Ihnen etwas weggenommen, na und? Es gibt hier Menschen, die in Lagern waren, die 1948 gekämpft haben, wem in diesem Land wurde nicht etwas weggenommen?“
Ihr Beharren aufs Unglück provoziert in ihrer Umgebung verschiedene Reaktionen. Viele rücken von ihr ab, „ich bin so etwas wie eine Unnahbare geworden, eine, die das Leben geschlagen hat.“ Ihr stiller Bruder, der Tischler, packt Nava in Watte, die toughe, lebenstüchtige Schwägerin will sie verkuppeln, mit einem anderen Unglücklichen, einem frommen, haftentlassenen Mörder, der vor einigen Jahren seine todkranke Schwester von ihrem Leid erlöste.

»Das Leben hat Ihnen etwas weggenommen,
na und?
[…] wem in diesem Land wurde nicht etwas weggenommen?«

Die Gezeichneten. Fast magisch zieht Nava vom Schicksal Gezeichnete an und wird von ihnen angezogen. Rund um sie, im Altersheim, im Supermarkt, in der Tischlerwerkstatt des Bruders, findet, fand Schicksal statt, Schuld wird lebenslang gesühnt, es wird verlassen und gestorben. Denn niemand hat, wie es die Alten wissen, einen „Vertrag mit Gott“, in Ruhe gelassen zu werden.
Und dennoch fordert das Leben sein Recht, es will nicht verfrüht zurückgewiesen und verachtet werden. Und so zieht die schöne einsame Witwe auch Männer in ihrem Umkreis an, zuweilen bricht die erotische „Lava“ in ihr aus, und sie kann sich dieser Urkraft nicht verwehren. Mit feinen Beobachtungen, diffizilen Metaphern, diskret und sinnlich zeichnet Magén diesen Kampf zwischen Lebensverweigerung und brodelnden Urgewalten auch in anderen, kontrastierenden Frauenfiguren nach. Da ist die elegante alte Künstlerin, die lebenslang für die „Sünden“ ihrer einstigen sexuellen Leidenschaft büßt, da ist die junge geschiedene Kollegin aus dem Supermarkt, unermüdlich auf der Suche nach Mr. Right.
Mit Empathie und Menschenkenntnis breitet die einstige Psychologin Mira Magén ihr breites Spektrum der menschlichen Spezies vor uns aus, das auch noch im Altersheim farbig schillert.
Das Alter mit seinen Zumutungen und stillen Freuden wird, wie bereits im Roman Zu blaue Augen, zunehmend ein Thema, dem sich die Autorin wohl auch biografisch annähert. Und in allen ihren Büchern ist sie, gleich ihrer Ich-Erzählerin Nava, von tragischen Schicksalen, von unschuldigen Opfern und schuldlosen Tätern angezogen. Menschen fallen, werden von Unglücksfällen niedergestreckt, stehen wieder auf und kämpfen weiter. Und gerade Zuversicht birgt Schicksalsstoff für mindestens 15 Romane.

Gottesfrage. Hinter der „Pornografie des Leidens“ steht bei der religiös sozialisierten Autorin aber immer, ausgesprochen oder nicht, die Gottesfrage. Mit Gott im Zwiegespräch rechten, sich wie Hiob ohnmächtig unterordnen, auf ihn vertrauen, sich erheben und wüten, ihn negieren. Alle Varianten des Glaubens und Unglaubens lässt Magén nebenei-
nander stehen. Doch „trotz allem“ müsse man ihn dafür loben, „dass er die Zukunft vor uns verborgen hält, und nur die Zeit […] wird uns zeigen, was sie uns bringt und was nicht.“ Mit dem Anklang an ihren Buchtitel Die Zeit wird es zeigen schließt Mira Magén einen Kreis und schließlich mit Zuversicht einen Roman, der nicht nur für ihre wunderbare Übersetzerin Mirjam Pressler zu einem ihrer schönsten zählt.

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