Zarte Erinnerung, sezierende Gesellschaftsanalyse

Vor 150 Jahren wurde der große französische Romancier Marcel Proust geboren, von einer jüdischen Mutter in eine katholische Bürgerfamilie.

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© Albert Harlingue/Roger Viollet/picturedesk.com

Die Szene mit der Madeleine gilt als der Eintritt in die Erinnerungs-Erzählung. Der Ich-Erzähler, der erwachsene Marcel, er heißt wie der Schriftsteller, spürt nach dem Eintauchen eines muschelförmigen Gebäcks in eine Tasse Tee überfallsartig denselben Geschmack wie einst, als ihm, dem Kind, eine Tante diese Köstlichkeit das erste Mal offeriert hatte. Und mit dem sinnlichen Erleben wird schlagartig das ganze Panorama der Kindheit wieder lebendig, mit allen Freuden und vor allem den vielen Ängsten.
Eine andere kulinarische Erwähnung wird oft überlesen, und doch hat sie Marcel Proust ganz bestimmt bewusst gesetzt. Die Kindheit des Ich-Erzählers spielt sich in einem bürgerlich-kleinbürgerlichen, streng katholischen Milieu in der französischen Provinz ab, mit regelmäßigem Kirchgang und mit festen Regeln. Plötzlich wird da ein uraltes Rezept erwähnt, bei dem das Kitzlein nicht in der Milch der Mutter gekocht werden dürfe, ein eindeutiges Symbol für jüdische Speisegesetze.
Die geliebte Mutter im großen Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit füllt ihre Rolle in der rural-konservativen französischen Umgebung so aus, wie dies dort eben seit langer Zeit gefordert war. Prousts wirkliche Mutter Jeanne war allerdings eine Jüdin aus Lothringen, eine geborene Weil. „Sie leugnete ihre jüdische Herkunft nicht“, schreibt der deutsche Romanistik-Professor Karlheinz Biermann in seiner Proust-Monografie, „praktizierte aber nicht mehr die mosaische Religion im engeren Sinn“. Ihr Vater Nathé Weil hatte als Börsenmakler Karriere und Geld gemacht, ein Minister fungierte als Trauzeuge bei Jeannes Hochzeit mit dem katholischen Arzt und Wissenschaftler Adrien Proust. Die Söhne – auf Marcels Geburt 1871 folgte zwei Jahre später Robert – wurden getauft und katholisch erzogen. Biermann: „So koexistieren in dieser Familie – wie in dem sie umgebenden Milieu – die christlich-katholische und die jüdische Tradition, vereint im gemeinsamen Glauben an Kunst und Wissenschaft.“
Der kleine Marcel war ein sensibles und kränkelndes Kind, mit neun Jahren hatte er seinen ersten schweren Asthmaanfall, was zu wiederholten Genesungsaufenthalten auf dem Land und vor allem am Atlantik führte. Dennoch absolvierte er das Gymnasium, einen einjährigen Militärdienst und anschließend, als Kompromiss für den Vater, eine Kombination aus Rechts- und Literaturstudien.
Er sollte eigentlich eine Laufbahn als Diplomat einschlagen. Doch ihm waren die Künste näher, und auch die Pariser Salons. Unterstützt von den – relativ wohlhabenden – Eltern taucht er ein in die Jeunesse Dorée, macht als Dandy jungen Damen wie reiferen Frauen den Hof, erlebt aber heimlich wohl auch schon seine ersten homosexuellen Begegnungen. Er schreibt literarische und journalistische Arbeiten, übersetzt Werke des englischen Kunstkritikers John Ruskin, engagiert sich auch gemeinsam mit anderen Schriftstellern für den zu Unrecht verurteilten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus. Freuden und Tage wird sein erstes publiziertes Werk, und schon da zeigen sich laut Kritikern kreative Ansätze, die er dann später in der Verlorenen Zeit brillant ausarbeiten wird: Da findet sich etwa der Flaneur, der als einsamer Beobachter distanziert, aber genau und ironisch die Schwächen seiner Umgebung analysiert, das Setting ist meist der großbürgerlich-adelige Salon. Und auch große Gefühle wie sehnsüchtige, unerfüllte Liebe und die Qualen der Eifersucht werden bereits thematisiert.

»So koexistieren in dieser Familie – wie in dem sie umgebenden Milieu – die christlich-katholische und die jüdische Tradition, vereint im gemeinsamen Glauben an Kunst und Wissenschaft.«
Karlheinz Biermann

 

Literarische Aufgabe. Ab 1907 – Proust ist schon 26 und noch immer ohne eigenes regelmäßiges Einkommen – beginnt er etwas unstrukturiert mit der Arbeit an jenem gewaltigen Werk, das ihn letztendlich unter die ganz Großen der europäischen Literatur heben sollte. Noch wusste er nicht genau, ob er es eher essayartig oder als Roman anlegen wollte, und beriet sich darüber mit Schriftstellerkollegen, ehe er sich doch für die Fiktion entschied. 1913 erschien dann nach mehreren Ablehnungen durch Verlage, eine davon übrigens von André Gide, der das schon bald bedauern sollte, der erste Band bei Grasset (später wechselte Proust zum Verlagshaus Gallimard). Von diesem Band verkaufte Proust nicht mehr als 3.300 Exemplare. „Die Aufnahme des Werks in den Feuilletons ist gespalten“, so der Romanist Biermann. „Insgesamt lässt sich feststellen, dass die zeitgenössische Kritik die bahnbrechende Bedeutung des Romans nicht erkennt.“

Zeitdokument. Das letzte handgeschriebene Manuskript von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. © Albert Harlingue/Roger Viollet/picturedesk.com

Doch Proust lässt nicht locker. Inzwischen ist er durch den Tod des Vaters und sein Erbe finanziell unabhängig geworden (auch wenn er dieses durch einige riskante Spekulationsgeschäfte wieder verkleinert). Und er glaubt an seine literarische Aufgabe. Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1919, erhält Proust den prestigeträchtigen Prix Goncourt für den zweiten Band der Verlorenen Zeit. Nun ist er bekannt bis berühmt und arbeitet aufgrund seiner Krankheit immer öfter im Bett intensiv an den weiteren Folgen. Er soll diese nicht mehr vollenden, große Teil der Verlorenen Zeit erscheinen postum, manche erst Jahre später. Wenige Monate vor seinem Tod soll er seiner Haushälterin und Vertrauten Céleste Albaret gesagt haben, er habe in dieser Nacht das große Wort „Ende“ geschrieben, jetzt könne er sterben.
Was für ein Werk ist dieser Riesenroman? Es beginnt zwar mit der Erinnerung des Knaben an seine Kindheit, zieht den Leser oder die Leserin auch schnell hinein in einen sanften Erzählstrom. Doch dieser ufert mächtig aus, springt durch Zeitebenen, drängt hinein in das Innere der Figuren, zu ihren Spielereien, Bosheiten, Obsessionen und Ängsten, breitet die Äußerlichkeiten einer Umbruchszeit mit Luxus, Schein und Macht perfekt und reich geschmückt aus. „Hunderte von Personen treten in Prousts Verlorener Zeit auf“, schreibt Renate Wiggershaus in ihrer Monografie: „Herzoginnen und Diener, Grafen und junge Mädchen, Köchinnen und Schneider, Botschafter, Ärzte, Chauffeure, Kellner und Künstler.“ Proust kannte alle diese Typen von seinen Jahren, in denen er die Salons des Adels und des Großbürgertums frequentierte.
Was dabei nicht zur Sprache kommt – abgesehen von gedemütigten Dienstboten –, ist die gesamte Welt der Produktion, bemerkte einmal trocken der deutsche Kritiker und Philosoph Walter Benjamin. Und doch entwirft der Autor ein großes Panorama, analysiert präzise den in seiner geschwätzigen Pracht stagnierenden Adel, die karrierebewusst aufstrebenden bürgerlichen Juden (eine der Hauptfiguren, Swann, zählt zu dieser Kategorie), lässt die beiden gesellschaftlichen Gruppen durch Heiraten wenn nicht verschmelzen, so einander doch annähern. Schon zu Prousts Lebzeiten war es ein beliebtes Salonspiel zu mutmaßen, welche Dame, welcher Herr wohl als Schablone für die einzelnen Charaktere gedient haben möge. Bis heute erscheinen Bücher, die dem nachgehen, etwa Prousts Figuren und ihre Vorbilder. Der Autor selbst verwehrte sich gegen simple Einszu-eins-Muster. Die Romanfiguren setzten sich jeweils aus mehreren realen Personen zusammen, manchmal aus bis zu acht.
Diese fragmentarischen Persönlichkeiten finden sich auch direkt im Roman, sowohl bei Männern wie auch bei Frauen. Sie sind in unterschiedlichsten Zusammenhängen oder Lebenssituation jeweils andere, von stabilen selbstbewussten Langzeitprofilen könne man nicht mehr ausgehen. Prousts Analyse zielt also nicht mehr nur auf das zwischenmenschliche Funktionieren der – oberen – Gesellschaftsschicht, sondern längst auch auf die un- und unterbewussten tieferen Strukturen der Individuen.
Durchwoben, um nicht zu sagen dekoriert, ist dieser Erzählfluss mit einem breiten Wissen über Literatur, Musik und bildenden Kunst, Proust sparte trotz Salonglanz die moderne Technik nicht aus – sei sie zivil oder militärisch. Er ließ sich auch selbst mit einem offenen Auto durch Frankreich chauffieren – und verliebte sich dabei unglücklich in seinen jungen Fahrer. An der Frage, ob die vielen unerfüllten Liebesbeziehungen im Roman mit seiner eigenen sexuellen Ausrichtung zu tun haben, arbeiteten sich über die Jahre zahlreiche Kritiker ab. Es bleibt ein mächtiges, vielschichtiges, sensibles, kluges Werk – mit allen gewollten Unschärfen und dunklen, pessimistischen Regionen, die so einem Werk angemessen sind. Wer sich darauf einlässt, wird freilich reich belohnt.

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