Zivilgesellschaft

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Zehntausende Menschen flüchteten diesen Sommer nach Europa. Die Bilder von im Freien schlafenden Asylsuchenden werden noch lange in unserem Bewusstsein bleiben. Von Alexia Weiss

Dieser Sommer stand unter dem Eindruck der – wie so oft geschrieben wurde – Flüchtlingskatastrophe. Katastrophen sind ja aber mehr Naturgewalten, und die Ursache, dass sich in den vergangenen Monaten so viele Frauen, Männer, Kinder auf den Weg nach Europa gemacht haben, ist doch vielmehr mensch­gemacht. Krieg. Terror. Wenig wurde unternommen, um beidem ein Ende zu machen. Viel dagegen, um die Flüchtlinge in Europa nicht willkommen zu heißen.

„Analogien zum Dichtmachen der Grenzen in der NS-Zeit wurden wort- und bildreich in den sozialen Medien bemüht.“

Österreich hat es dabei mit den Berichten über die menschenunwürdigen Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen in die internationalen Medien geschafft. Als Beispiel für einen der Hotspots in Europa, was einerseits die Zahl der Menschen betrifft, die hierher flüchten, andererseits aber auch den schlechten Umgang mit der Situation.

Menschenunwürdig waren sie, die Zustände: Die Bilder von Menschen, darunter auch Kleinkinder, die im Freien auf dem Boden schlafen, werden uns noch lange im Gedächtnis bleiben. Analogien zum Dichtmachen der Grenzen in der NS-Zeit wurden wort- und bildreich in den sozialen Medien bemüht. Und postwendend als Nazikeule zurückgewiesen: Die Situation heute sei mit jener von damals nicht zu vergleichen. Nein, das ist sie nicht. Und dennoch: Wenn die Menschheit nach den millionenfachen Verbrechen des nationalsozialistischen Terrorregimes nicht gelernt hat, Flüchtlingen, die alles hinter sich lassen, um ihr Leben zu retten, die Türen weit zu öffnen, dann ist der Stehsatz, dass man aus der Geschichte lernen müsse, sinnentleert. Dann möge man ihn aber bitte auch umgehend aus allen Sonntagsreden streichen.

Die heimische Politik hat zunächst alles getan, um zu zeigen, dass Österreich nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen kann. Über Wochen. Ende Juli dann der Wendepunkt: Der Kanzler verkündet sinngemäß, man sei der Ausflüchte der Länder, warum die eigentlich geltenden Quoten, die Zahl von Asylsuchenden also, welche von den neun Bundesländern aufgenommen werden sollen, nicht eingehalten werden, leid. Nun nehme der Bund die Sache in die Hand.

Es war ein unwürdiges Schauspiel. Über Wochen machten Hilfsorganisationen wie die Caritas auf die unerträgliche Situation aufmerksam. Medien brachten Reportagen aus Traiskirchen, Flüchtlinge übermittelten mit Mobiltelefonen im Lager aufgenommene Fotos. Das führte zu zweierlei: einerseits zu Hilfsbereitschaft. Es wurden Spenden gesammelt: Geld, Hygieneartikel, Gewand. Viele fuhren selbst nach Traiskirchen. An manchen Tagen kamen Lieferungen im Minutentakt an, berichteten die Helfer vor Ort.

Andererseits aber kochte der Volkszorn über. Nicht nur auf Facebook und Twitter und in den Onlineforen der Medien, wo sich Fremdenfeindlichkeit wieder einmal ihren unakzeptablen Weg bahnte. In Wiener Neustadt schossen Jugendliche mit einer Softgun auf Asylwerber. Vor dem Lager in Traiskirchen sorgten Feuerwerkskörper für einen Flurbrand. Was wiederum jene, die für Menschlichkeit plädieren, empört kommentierten und sich in der Folge noch mehr engagierten. In Österreich gibt es in inzwischen eine Zivilgesellschaft, die funktioniert. Sie kann nichts auf Knopfdruck erreichen. Aber sie ist da und sie bewegt etwas. Auch wenn es mühsam ist, auch wenn es dauert. Dass es diese Zivilgesellschaft gibt, zeigt, dass Teile der Gesellschaft doch etwas aus der Geschichte gelernt haben. Und trotz all dem Leid und dem unwürdigen Umgang mit Menschen, der sich diesen Sommer vor unseren Augen offenbart hat, stimmt mich das doch hoffnungsfroh: Es ist genau diese Zivilgesellschaft, die im Fall von Fremdenhass, aber auch im Fall eines wider erstarkenden Antisemitismus dagegen anschreiben und ankämpfen wird. Das ist der Unterschied zur NS-Zeit. Heute verwandelt sich, um sich ein Bild von Eugène Ionesco auszuborgen, nicht einer nach dem anderen in ein Nashorn. Es gibt auch jene, die sie selbst bleiben. Und die Verbliebenen davor warnen, sich ebenfalls in Nashörner zu verwandeln. ◗

Zeichnung: Karin Fasching

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