
„Sogar die New York Times war hier“, freut sich der Pressechef der Wiener Albertina, Daniel Benyes. „Das ist nicht bei allen unseren Ausstellungen der Fall. Aber Lisette Model ist in den USA ein Star, und ihr Wiener Background war wohl nicht so bekannt.“
In einer umfangreichen Retrospektive, kuratiert von Walter Moser, würdigt die Albertina die Fotografin, zeigt Werke von 1934 bis 1979, von ihren ersten sozialkritischen Reportagen in Südfrankreich bis zum international stilbildenden Fotobuch über ihre Arbeiten aus dem Verlag Aperture.
Wer war diese Fotografin? Sie wurde 1901 in Wien als Elise Amélie Félicie Stern geboren, als Tochter eines jüdischen, später konvertierten wohlhabenden Privatiers, der zwar ausgebildeter Arzt war, doch seinen Beruf nicht ausübte. Die Mutter Francoise, eine Lehrerin, stammte aus Frankreich. Dr. Stern änderte wegen der Assimilation nicht nur seine Religion, sondern auch gleich seinen Namen – zu Seybert.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ging ein Gutteil des Vermögens der Familie verloren, man konnte aber dank Besitzungen in Italien Haus und Wohlstand halten. Elise/Lisette erbte das musikalische Talent des Vaters und lernte Klavier und Violine. Ab 1919 belegte sie Kurse an der von Eugenie Schwarzwald gegründeten Reformschule, auch Kurse von Arnold Schönberg. 1924 bis 1926 nahm sie Gesangsunterricht bei der Opernsängerin Marie Gutheil-Schoder.

Nach dem Tod ihres Vaters zog Lisette gemeinsam mit ihrer Schwester Olga und ihrer Mutter nach Nizza. Zunächst setzte sie ihre musikalische Ausbildung fort, doch nach auftauchenden Stimmproblemen war das nicht mehr möglich. Zwar gab es noch Einnahmen aus Italien, doch sie folgte Empfehlungen von Freunden, auch als Frau einen Beruf anzustreben, und wurde – nach dem Vorbild ihrer Schwester Olga – Fotografin. Eine erste Reportage- Serie über Reiche und Beleibte auf der Promenade des Anglais zeigte bereits ihr Talent. Sie präsentierte diese in ihrer ganzen hochmütigen, feisten Herablassung, punktete damit auch bei linken Medien. Die Serie wurde im angesehenen kommunistischen Magazin Regards abgedruckt.
Schon hier zeigte sich ihre Technik. Anders als die meisten Street-Fotografen ging sie nicht auf unmittelbare Tuchfühlung mit ihren Subjekten. Sie fotografierte mit der Rolleiflex aus einer gewissen Distanz und vergrößerte dann in der Dunkelkammer den ihr wichtigsten Ausschnitt, eng, wie mit dem Tele herangeholt. Später – in den USA – ging sie bei der Bearbeitung sogar noch weiter, kippte etwa die Bilder in die Schräge. Erst sehr spät sollte sie zur Kleinbildkamera finden – und dann auch über deren Einsatz junge Fotografen unterrichten.

(1939–1945, Beitragsbild o.). © ALBERTINA, Wien © Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman; Nachlass Gerd Sander, Galerie Julian Sander, Köln
Noch in Frankreich lernte Lisette den russisch-jüdischen Maler und Designer Evsa Model kennen und heiratete ihn 1937. Ein Jahr später emigrierten sie vor dem Hintergrund von Faschismus und Nazi- Expansion in die USA.
Hier taucht sie ganz ein in die pulsierende Großstadt New York. Die Albertina zeigt Beispiele aus zwei Reportage-Serien, Reflections (Spiegelungen) und Running Legs (Laufende Beine), Letztere mit einem ganz niedrigen Kamerastandpunkt aufgenommen, fast auf Gehsteighöhe. Im Ausstellungskatalog liest man zu diesen Serien: „Die dunklen Auslagen der Warenhäuser scheinen bedrohlich, und das dichte Gedränge der Beine wirkt klaustrophobisch. In aus Untersicht fotografierten Porträts von Menschen auf der Fifth Avenue und Wall Street kehrt Model die Arroganz der Vorbeieilenden hervor.“ Bald bildet sie auch die Armen New Yorks ab, in ihren Reportagen über die Lower East Side. Dadurch fällt sie der linksgerichteten Vereinigung New York Photo League auf und nähert sich dieser an. Aber auch für kommerzielle Kunden wird sie interessant, darunter sind große Medien, etwa PM’s Weekly oder Harper’s Bazaar. Diese wirken dann wiederum als Türöffner für Aufträge anderer Zeitschriften wie Vogue, Look, Cosmopolitan oder Popular Photography. Model wird eine etablierte Fotografin.
Nach dem Krieg folgt sie ihrem Mann, der einen Lehrauftrag an der California School of Fine Arts erhalten hatte, an die US-Westküste. Und auch dort bringt sie typische Beispiele mit vom Leben auf unterschiedlichen sozialen Etagen, etwa die herausgeputzten Opernbesucherinnen in San Francisco oder die frisch geschiedenen Farmersfrauen in Nevada.
Nun holt sie ihre politische linke Vergangenheit ein. Model gerät ins Visier der antikommunistischen Hexenjagd von Senator Joseph McCarthy. Man kann ihr nichts Konkretes nachweisen, nennt sie aber „unkooperativ“. Sie verliert in der Folge einen Großteil ihrer Auftraggeber und muss sich weitgehend auf das Unterrichten zurückziehen.

Ganz gibt sie das Fotografieren freilich nicht auf, in den 50er-Jahren entstehen Reportagen rund um die Jazzmusik, etwa vom Newport Jazz Festival oder aus unterschiedlichen New Yorker Clubs. Billie Holiday gehört zu ihren am öftesten porträtierten Musikerinnen, bis hin zu einem – in Wien zu sehenden – Bild der toten Sängerin im offenen Sarg.
Ab den 1970er-Jahren wird Model in Ausstellungen und Interviews wiederentdeckt, und 1979 erscheint im renommierten Verlag Aperture eine erste Monografie zu ihrem Werk, die geradezu vorbildhaft für künftige Fotobücher wird. Lisette Model starb 1983 in einem New Yorker Spital, die Stadt Wien ehrte sie 100 Jahre nach ihrer Emigration mit einer persönlichen Adresse, dem Lisette-Model- Platz im achten Bezirk.






















