Geistreicher Fabulierer mit kritischer Tiefenschärfe: Zum 50. Todestag von Alexander Lernet-Holenia

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Alexander Lernet-Holenia um 1926 / Privatarchiv Famile Dreihann-Holenia, CC BY-SA 4.0

Bezeichnet man den Autor dieses politisch-phantastischen Kriminalromans Der Graf Luna aus dem Jahr 1955 nur oberflächlich als geistreichen Fabulierer, entgeht einem jene kritische Tiefenschärfe, die diesen lebenslang Identitätssuchenden charakterisiert. Denn Alexander Lernet-Holenia (1897–1976) überhäuft den Leser mit solchem Ideenreichtum und unendlicher Erfindungsgabe, dass man aus dem Schmunzeln nicht herauskommt und das Buch zum Pageturner wird.

Der Verlag Das vergessene Buch von Albert C. Eibl, will mit der Neuausgabe zum 50. Todestag Lernet-Holenias an dieses zu Unrecht vergessene, unerbittliche Werk der österreichischen Nachkriegsliteratur erinnern. Scharfzüngig und für die frühen Nachkriegsjahre eher unüblich, befasst er sich nicht nur mit dem Opportunismus der Eliten im Nationalsozialismus, sondern thematisiert die österreichische Schuld und Sühne in Österreich nach 1945, und fragt nach dem Preis des bewussten Verdrängens und nach der eigenen Verantwortung. Lernet-Holenia bricht in Der Graf Luna das Schweigen über die NS-Vergangenheit: Er bildet die Paranoia des Protagonisten Alexander Jessiersky, eines österreichischen Aristokraten russisch-polnischer Abstammung, als gesellschaftlichen Schuldkomplex ab, denn dieser hat den Tod eines Mannes im Konzentrationslager Mauthausen mitverschuldet.

Alexander Lernet-Holenia: Der Graf Luna. Roman. Mit einem ausführlichen Nachwort von Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder (Universität Wien). Hardcover , 288 Seiten, Euro 26,-

Doch wer war dieser begnadete Sprachkünstler, der als eleganter Dandy auftrat und seine Leserschaft immer wieder rätseln ließ, ob seine Geschichten – auch jene über seine eigene Herkunft – einen Funken Wahrheit enthielten? Alexander Maria Norbert Lernet, geboren am 21. Oktober 1897, wächst in Klagenfurt, St. Wolfgang und Wien auf. 1915 meldet er sich als Einjährig-Freiwilliger zur Kavallerie und nimmt zwei Jahre am Ersten Weltkrieg teil. Mit 23 Jahren wird er von der Familie seiner Mutter adoptiert, so kommt er zu seinem Doppelnamen Lernet Holenia – und nicht durch adelige Vorfahren, wie er ein Leben lang andeuten wird.

Bereits 1921 erscheint Lernets erster Gedichtband Pastorale in einem bibliophilen Kleinverlag in Wien. Gefördert von Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr, publiziert der Autor auf Empfehlung Rainer Maria Rilkes 1923 seinen zweiten Gedichtband Kanzonnair im Leipziger Insel-Verlag. Der junge Kriegsveteran liebt die Lyrik, seinen Durchbruch schafft er jedoch erst als Theaterdichter: 1926 erhält er für zwei Komödien, Ollapotrida und Österreichische Komödie, den renommierten Kleist-Preis.

Seit 1926 wohnt Lernet-Holenia in einer Villa seiner Mutter am Wolfgangsee. Hier verkehrt er mit den Autorenkollegen Leo Perutz und Stefan Zweig sowie – nach deren Emigration aus Deutschland 1933 – mit Ödön von Horváth und Carl Zuckmayer. Mit Zweig, der ihn Richard Strauss vergeblich als Librettisten empfiehlt, verfasst er eine weitere Komödie (Qui pro quo, 1928), und Perutz liefert ihm den Stoff für seinen fünften Roman Jo und der Herr zu Pferde.

Kurz nach dem „Anschluss“ 1938 unternimmt der inzwischen sehr erfolgreiche Autor mit seiner damaligen Geliebten, der aus der Verlegerfamilie Stein stammenden Charlotte Sweceny, eine Kreuzfahrt in die Karibik, die über Mittelamerika nach New York führt. Auch wenn er vielleicht mit dem Gedanken an die Emigration gespielt hat, kehrt er angesichts schlechter wirtschaftlicher und publizistischer Aussichten nach Wien zurück. Hier treibt er die Publikation eines Romans über den Untergang staatlicher und gesellschaftlicher Ordnungen, Ein Traum in Rot, voran, bevor er Ende August 1939 als Leutnant für den Polenfeldzug einberufen wird. Bereits am zweiten Tag wird er an der Hand verwundet, kehrt er erst zwei Monate später nach Wien zurück.

Nach seiner Verwundung kann Lernet-Holenia vorläufig mithilfe von Freunden beim Film seine militärische Reaktivierung verhindern. Sein Roman über den Polenfeldzug Mars im Widder erscheint 1940/41 in Fortsetzungen in der Berliner Frauenzeitschrift Die Dame. Auch die Buchausgabe ist bereits gedruckt, aber noch nicht ausgeliefert, als sie auf Betreiben des Propagandaministeriums schließlich doch noch verboten wird. 1944/45 entkommt er durch gefälschte Atteste der neuerlichen Einberufung und erlebt schließlich das Kriegsende in St. Wolfgang.

 

Mit Friedrich Torberg beim „Forum“ und der „Arbeiterzeitung“

In den Nachkriegsjahren nimmt vorwiegend Lernet-Holenias publizistische Tätigkeit zu: In den folgenden Jahren äußert sich der Schriftsteller nicht nur zur österreichischen Literatur und zum Theater, sondern beteiligt sich intensiv an den Nachkriegsdebatten um Exil und innere Emigration. Bald nach 1945 setzt er sich als einer der ersten Autoren in einigen Texten mit dem Dritten Reich auseinander, nicht nur in der Erzählprosa (Der Graf von Saint-Germain, 1948; Der Graf Luna, 1955).

So mancher verübelte ihm den positiven Blick auf die Monarchie – doch Lernet-Holenia selbst betonte immer wieder, dass es ihm dabei lediglich um das „Übernationale“ geht. Ab 1954 wird Lernet-Holenia neben Friedrich Torberg und anderen Mitherausgeber der antikommunistischen Zeitschrift Forum, nachdem er zuvor im linksintellektuellen Österreichischen Tagebuch und in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung veröffentlicht hatte. An die einstigen Erfolge als Dramatiker kann er nicht mehr anknüpfen; es erscheinen aber weiterhin Gedichtbände.

1969 wird Lernet-Holenia zu Theodor Csokors Nachfolger als Präsident des österreichischen PEN-Clubs gewählt. Zuvor schon hatte er die wichtigsten nationalen Kulturpreise Österreichs erhalten, und avanciert damit zum Staatsdichter. Das Verhältnis zu Österreich wird dennoch durch Steueraffären und sein Eintreten gegen die Forcierung des Tourismus getrübt. 1974 erscheint Lernet-Holenias letzter Roman Die Beschwörung, zwei Jahre später, am 3. Juli 1976, stirbt er in Wien.

Während Lernet-Holenia selbst biografisch oft umstritten war, wurde Der Graf Luna von der Kritik als bemerkenswerte Ausnahme gelobt: Man hob hervor, wie der Autor Elemente des Kriminalromans, des Psychothrillers und der phantastischen Literatur verknüpft, um das „politische Unbewusste“ und den moralischen Zerfall der habsburgisch-österreichischen Identität nach 1938 offenzulegen. In der modernen Germanistik gilt das Werk als wegweisender „Nazi-Trauma-Roman“, dessen erzählerische Brillanz und psychologische Gültigkeit auch Jahrzehnte nach dem Tod des Autors Gültigkeit hat. Für nachdenkliche Heiterkeit sorgt dieser Roman jedenfalls.

 

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