„Zum Weißen Röss’l“ an der Changyang Road

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An das „Exil letzter Wahl“ deutscher und österreichischer Juden in der NS-Zeit erinnert liebevoll das jüdische Flüchtlingsmuseum in Shanghai.

Von Anita Pollak

Are you Jewish? Shalom!“ Jüdische Besucher aus Wien empfängt Fang Xiaojun mit besonderem Interesse. Er vermutet wohl, dass wir diesen Ort aus persönlichen Gründen aufsuchen, denn das jüdische Flüchtlingsmuseum in Shanghai gehört wahrlich nicht zu den touristischen Hotspots der Stadt. Auch als wir den jungen freundlichen Chinesen diesbezüglich enttäuschen müssen, nein, keiner meiner Vorfahren hatte sich nach Shanghai retten können, führt er uns gleich zu einer meterlangen Wandtafel mit tausenden Namen – alphabetisch von A bis Z, „aber von rechts nach links, nach dem Hebräischen“ angeordnet, sind sie da verzeichnet, die Glücklichen oder Unglücklichen, die in den späten 1930er- und frühen 1940er-Jahren in dieses „Exil letzter Wahl“, wie Shanghai oft genannt wurde, flüchten konnten. Chinesische Medien bezeichnen es heute hingegen gern als „Arche Noah“.

Unter den insgesamt rund 18.000 Flüchtlingen verdankten etwa 4.000 österreichische Juden ihre Rettung dem „chinesischen Schindler“ Dr. Ho Fengshan, der als chinesischer Konsul in Wien trotz großen Drucks der Nazis tausende lebensrettende Visa nach Shanghai ausstellte. Ihm ist eine Büste vor dem kleinen Museum gewidmet, das in liebevoll zusammengetragenen Schaustücken, Fotos und Originaldokumenten zahlreiche Schicksale beleuchtet und Einblicke in das Leben in diesem „Klein-Wien“ zu geben versucht. Als „outstanding Austrian“ wird hier auch „Big Nose Doctor“ Jacob Rosenfeld verehrt, ein Wiener Arzt, der auf chinesischer Seite gegen die Japaner kämpfte, in seiner temporären Heimat sogar zum Gesundheitsminister avancierte und heute als Nationalheld gilt. In Wien trägt übrigens ein Park im 22. Bezirk seinen Namen.

Dr. Ho Fengshan war Konsul in Wien und stellte trotz des enormen Drucks der Nazis lebensrettende Visa nach Shanghai aus.

„Das Wunder von Shanghai“

Entgegen aller musealen Nostalgie war das „Wunder von Shanghai“, wie es ein Überlebender rückblickend nannte, keineswegs eine Idylle. Der Stadtteil Hongkou, der Ort des nachmaligen Ghettos, war schon davor ein Elendsviertel gewesen, in dem viele Emigranten in unvorstellbaren hygienischen Verhältnissen an Krankheiten oder Unterernährung starben. Manchen freilich gelang es, so etwas wie ein normales Leben zu führen, in ungewohnten Berufen Arbeit zu finden, eine Infrastruktur mit Schulen, mehreren Zeitungen, Theater und Lokalen aufzubauen. „Zum Würstel-Tenor“, „Horn’s Imbiss-Stube“, „Wiener Delikatessen“ steht in altmodischen Schriftzügen noch lesbar auf den verblichenen Schildern, die – von den einstigen Häusern abgenommen – in den Hof des Museums, in das „Café Atlantic“, übersiedelten, das „Bibi“ Netanjahu 2013 eröffnete.

18.000 Flüchtlinge überlebten die Schoah in Shanghai.

Solche Rettungsaktionen sind selten in Shanghai, einer Stadt, die nicht zurück, sondern nur in die Zukunft blickt. Die Erhaltung dieser kleinen, ruhigen Erinnerungsoase inmitten der lauten boomenden Megacity verdankt sich finanziell jüdischen Gemeinden weltweit, aber auch dem Wohlwollen der chinesischen Stadtverwaltung, die nicht ungern auf diese Geschichte mit dem gemeinsamen historischen Feind, den Japanern, verweist. Als Besatzungsmacht stoppten diese ab 1941 die Einwanderung und pferchten die Juden ab 1943 schließlich in ein gefängnisartiges Ghetto, in das man zwar hinein, aber nicht hinaus konnte.

Was in den kurzen Jahren davor trotz aller Einschränkungen möglich war, davon zeugen berührend die Exponate des Museums. Ein reges Kulturleben mit Sportvereinen, „Kasperl für Kinder am Sonntag“ und ein „Schönheitswettbewerb“ werden angekündigt, jüdische Musiker inszenierten Opern und Konzerte. Die damals errichtete „Ohel Moshe“-Synagoge ist heute Teil des Museums ohne religiöse Funktion, dennoch stiftete das israelische Generalkonsulat eine neue Thorarolle für den hier nach Westen ausgerichteten Schrein. Im Obergeschoß ist derzeit eine Anne-Frank- Ausstellung zu sehen. Auf die Frage nach dem jüdischen Leben im heutigen Shanghai legt Fang Xiaojun seine Finger auf die Lippen. Das Judentum gehört nicht zu den von China anerkannten Religionen und wird offenbar nur im Geheimen ausgeübt.

„Shanghailänder“

Das war nicht immer so. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine wohlhabende sefardische Gemeinde in Shanghai ansässig, die später die Flüchtlinge und sogar den Bau der aschkenasischen Synagoge unterstützte. Dort wurde geheiratet, und 500 „Shanghai-Babys“ kamen zur Welt. Viele von ihnen, so wie einige noch lebende Zeitzeugen oder deren Nachkommen, werden weltweit von Mitarbeitern des Museums aufgesucht, um ihre Erzählungen auf Videos festzuhalten. Auch deshalb horchte unser Guide auf, als wir uns als Wiener outeten. Vielleicht kennen wir ja jemanden, der „Shanghailänder“ kennt. Kontaktaufnahme erwünscht!

Das Judentum gehört nicht
zu den von China
anerkannten Religionen.

Vis-à-vis vom Museumsgelände hat seit rund einem Jahr das Café „Zum Weißen Röss’l“ wieder geöffnet. In China heißt restaurieren bzw. renovieren ja schlicht abreißen und im alten Stil wieder neu aufbauen, und das trifft auch auf dieses legendäre österreichische Emigrantenlokal zu. Es mag so ähnlich ausgesehen haben, wie alte Fotos in den Gasträumen zeigen.

Ohel-Moyshe-Synagoge im Shanghai Refugees Museum.

Noch fast unverändert im Originalzustand erhalten ist die alte Zhoushan-Road mit europäisch anmutenden Backsteinhäusern aus den Zwanzigerjahren. Jetzt sitzen meist ältere Leute vor den Eingängen, ein alter Mann lässt sich am Gehsteig die Haare schwarz färben, aus den Garküchen dampft es. An manchen Türpfosten erkennt man noch, wo einst eine Mesusa befestigt war, eine Leerstelle, die – sehr zum Erstaunen der lokalen Bevölkerung über dieses Fotomotiv – Touristen aus Amerika und Israel gerne festhalten.

Auf Nummer 59 weist eine Tafel auf den prominentesten jüdischen Flüchtling hin. Michael Blumenthal, unter Jimmy Carter amerikanischer Finanzminister und nach seiner Pensionierung Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin, lebte als Kind einige Jahre gemeinsam mit mehreren Familien auf engstem Raum in diesem dunklen Haus. Wenige Schritte weiter erinnert im friedlichen Huoshan-Park ein dreisprachiger Gedenkstein an die jüdische Vergangenheit des Ortes. Das Flüchtlingsmuseum und das neue alte „Weiße Röss’l“ wird man noch länger besuchen können, aber die kleinen Gässchen des ehemaligen „Klein-Wien“ werden wohl nicht mehr lange dem hier allerorts wütenden Abriss widerstehen können. Führt der Weg einmal nach Shanghai, sollte man diesen kurzen Abstecher nicht versäumen, man wird willkommen sein.

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