
Gary Hirschkron hat in seinem Leben an vielen Orten gelebt und viele Städte bereist. 1957 in New Jersey in den USA geboren, wuchs er in Massachusetts, in einem Vorort Bostons auf. Nach dem Studium in Princeton (Europäische Geschichte) – während seiner Studienzeit führte ihn bereits ein Sommerjob zur Dresdner Bank nach Frankfurt – machte er Karriere im Versicherungsbereich. „Ich war immer schon sehr gut in Mathematik.“ In New York arbeitete er für zwei europäische Unternehmen, eines in Frankreich, eines in der Schweiz beheimatet. Beide Jobs brachten ihn immer wieder nach Europa. Das Erwerbsleben hat er allerdings inzwischen hinter sich gelassen: Heute ist Hirschkron in Pension. In den USA war er zuletzt von New York City nach Südkalifornien übersiedelt.
Seine neue Adresse befindet sich in unmittelbarer Nähe des Spittelbergs. Ob es ein Zufall ist, dass seine Großeltern und sein Vater 1938 hier quasi um die Ecke, in der Burggasse gewohnt haben? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Gary Hirschkron fühlt sich jedenfalls wohl in diesem Grätzel der Stadt. Robert Hirschkron, sein Vater, war 1928 in Wien zur Welt gekommen, der Großvater hatte im Ersten Weltkrieg in der k. u. k. Armee gedient. „Sie waren weitgehend assimilierte österreichische Juden“, erzählt Hirschkron. „Sie haben nicht koscher gehalten. Aber zu den Hohen Feiertagen sind sie in die Synagoge gegangen.“ Der Großvater hat einen Textilhandel im Umfeld der Mariahilfer Straße betrieben. „Sie waren komfortable Mittelklasse, aber es gab reichere Verwandte in der Familie.“
Das komfortable Leben wurde durch das NS-Terrorregime jedoch jäh beendet, die Hirschkrons mussten in eine Sammelwohnung ziehen, das Geschäft wurde entzogen. Erst im Februar 1940 gelang ihnen die Ausreise, erzählt der Enkel beziehungsweise Sohn. Möglich gemacht hatte das eine Quäker- Familie. „Sie sagten, dass sie sie kannten, so bekam meine Familie Visa für die USA. Das war ein wahrer Akt der Nächstenliebe.“ Das Warten auf eine Ausreisemöglichkeit nutzte sein Vater bereits, um Englisch zu lernen. Im Alter von zwölf Jahren endlich in New York angekommen, konnte er so seine Schullaufbahn ohne größere Schwierigkeiten fortsetzen. „Er ist sehr gut zurechtgekommen, hat dann an der Universität Technik studiert und wurde Ingenieur. Er konstruierte Düsentriebwerke.“
Wortlos ob des Leids und doch voll der Liebe. Die Liebe zu Österreich sei beim Vater immer spürbar gewesen, erzählt der Sohn. „Vor allem liebte er das Wandern und Schifahren. Und natürlich das Essen.“ Oft sei er zunächst in andere europäische Städte, dann aber auch nach Wien gereist. Er und seine Schwester seien so schon im Teenager- Alter oft in Europa gewesen. „Mein Vater sprach so gut wie nie mit uns über seine persönlichen Erlebnisse während der Nazi-Zeit. Diese Erlebnisse prägten zwar seine Weltsicht, aber er war kein verbitterter Mensch. Meine Schwester und ich lernten auch an der High School Deutsch. Auf eine bizarre Art und Weise war meine Familie so etwas wie germanophil. Dennoch habe ich mit meinem Vater niemals einen Satz auf Deutsch gesprochen. Das tut mir im Rückblick leid.“
Als sich mit der Novellierung des Staatsbürgerschaftsgesetzes die Möglichkeit auftat, um einen österreichischen Pass anzusuchen, seien mehrere Dinge zusammengekommen: einerseits die ohnehin schon emotionale Nähe zu Europa, dann die Covid-Pandemie, aber auch die zunehmende Polarisierung und Ungleichheit in den USA. Er persönlich habe in Los Angeles gut gelebt, sagt Hirschkron, es sei dort aber auch ständig präsent, dass es anderen schlecht gehe. Zelte auf der Straße seien allgegenwärtig.
An Wien schätze er nun, dass die sozialen Unterschiede im Stadtbild weniger sichtbar seien. „Der öffentliche Verkehr ist sicher, und der Staat schafft es, dass die große Mehrheit der Bevölkerung ein gutes Leben führt.“ Seit 2023 lebt Hirschkron nun schon in Wien, seine Schwester sei vor wenigen Monaten auch hierher gezogen. Seine Wohnung teilt er mit dem Katzenpaar Schneeweißchen und Rosenrot, sein Leben bald mit einer Wienerin: Die Hochzeit ist im kommenden Frühjahr geplant. Kennengelernt habe man einander beim Tangotanzen, einem seiner Hobbys. Ansonsten kommt er ganz nach dem Vater und macht gerne Wanderund auch Radtouren. Diese führen ihn auch immer wieder die Donau entlang bis ins benachbarte Ausland.
Karen Ford und ihre Frau hat es aus den USA in den neunten Bezirk geführt, wo einst „Grandma Ricky“ gewohnt hat. Foto: Daniel Shaked
Fotos seiner Wiener Vorfahren schmücken eine Wand in der Dachgeschoss-Maisonette-Wohnung. Sie sind ins Exil und nun wieder zurück gereist. Ins Auge sticht im Wohnzimmer auch ein kleiner Fahnenständer, der sowohl eine US- als auch eine österreichische Flagge trägt. Hier handle es sich aber mehr um einen Gag, sagt Hirschkron. Das sei ein Flohmarktfund, aber irgendwie habe er gepasst.
Ebenfalls in der Wohnung zu finden: eine Chanukkia. Er selbst sei in den USA in einer Reformgemeinde groß geworden; „die meisten Predigten befassten sich mit Bürgerrechten in Vietnam.“ Den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde in Wien habe er noch nicht gesucht und auch das Bedürfnis dazu derzeit nicht. Es habe sich aber eine kleine Gruppe von US-Amerikanern gebildet, die österreichische Vorfahren haben und nun in Wien leben. Der Kontakt habe sich hier über eine Facebook-Gruppe ergeben, in dieser sei aber vor allem seine Schwester aktiv.
Ob auch seine beiden erwachsenen Kinder, die heute im Westen der USA leben, mit dem Gedanken spielen, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen? Derzeit noch nicht, erzählt der Vater. Aber er würde sich freuen, wenn man sie für die heute achtjährige Enkelin beantragen könnte. Wer wisse schon, was die Zukunft bringe und wie sich die Situation in den USA entwickle. Da sei eine europäische Staatsbürgerschaft ein gutes Asset.
Auf den Spuren der Wiener Großmutter. Vieles von dem, was Karen Ford erzählt, ähnelt den Erinnerungen und Erfahrungen Gary Hirschkrons, anderes war und ist ganz anders. Ford ist erst vor einem halben Jahr mit ihrer Frau Nicole nach Wien gezogen. Wir treffen einander im Restaurant Roth im Hotel Regina. Der Ort ist nicht zufällig gewählt: Hier hat das Paar im Oktober 2023 drei Wochen gewohnt, als sie zum ersten Mal nach Wien gereist sind. Und Regina, so hieß auch die Wiener Großmutter, in den USA dann „Grandma Ricky“ genannt. Ford hatte da bereits die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt; nach Österreich zu ziehen, war aber noch kein Thema. „Ich wollte einfach einmal hierher reisen.“ Doch die Stadt gefiel den beiden Frauen. „Die Idee begann zu sprießen.“ Das politische Klima in den USA habe dabei durchaus auch eine Rolle gespielt, räumt Ford ein. Als Mitglied der LGBTQ+-Community sei die neuerliche Präsidentschaft Trumps ein Tiefschlag. Wien erlebe sie diesbezüglich als offen.
Im Moment ist das Paar dabei, die im neunten Bezirk angemietete Wohnung einzurichten. Fords Vorfahren lebten in der Prechtlgasse nahe der Volksoper; sie zog es nun in dieselbe Gegend. Ford, 1968 in einer kleinen Stadt in New Jersey geboren und aufgewachsen, ist anders als Gary Hirschkron noch aktiv im Arbeitsleben. Lange war sie im Unibereich, später als Leiterin in der Kommunikation tätig. Seit einiger Zeit ist sie Visiting Scholar am Center for Genocide and Human Rights der Rutgers University und arbeitet in diesem Rahmen in Wien ihre Familiengeschichte wissenschaftlich auf. Ihre Frau war in den USA ebenfalls an der Rutgers University beschäftigt, nun leitet sie das English Language Center an der Webster University in Wien. Mitgebracht haben die beiden aus den USA auch ihre Katze Milo und ihren Hund Baxter.
Karen Fords Vater Thomas Heinz Feilbogen war erst vier Jahre alt, als er mit seinen Eltern Wien verließ. Dass die Familie sich überhaupt retten hatte können, war einem Zufall und einer Portion Mut geschuldet, erzählt die Nachfahrin. „Sie waren zu Hause, als die SS an die Tür klopfte. Sie wollten meinen Großvater abholen. Meine Großmutter erkannte aber den Verantwortlichen, sie waren zusammen zur Schule gegangen. Sie wusste in dem Moment, dass sie ein Risiko einging, dennoch sprach sie ihn darauf an, fragte ihn, ob er sich an sie erinnere, und flehte ihn an, ihren Mann nicht mitzunehmen. Der SS-Mann sagte, ja, er könne sich an sie erinnern, vor allem, da sie so arisch aussehe – meine Großmutter hatte blaue Augen und blonde Haare. Und er nahm meinen Großvater an diesem Tag nicht mit, sagte aber, beim nächsten Mal sei es dann so weit. Also haben sie sofort gepackt und Wien verlassen. So hat meine Großmutter die Familie gerettet. Was wäre gewesen, hätte sie nichts gesagt oder wenn er sich nicht an sie erinnern hätte können?“

Gary Hirschkrons. Familie lebte einst in Wien-Neubau. Nun hat es den Enkel wieder in den einstigen Heimatbezirk gezogen.
Foto: Daniel Shaked
Die Feilbogens – in den USA änderten sie den Familiennamen später in Ford – machten sich zunächst auf in Richtung Frankreich, bis 1941 blieben sie in Nizza. Dann mussten sie erneut flüchten und nahmen per Schiff die Route nach Martinique. Auf dem Weg in die USA wurde das Schiff aber vom holländischen Militär nach Trinidad umgeleitet. Dort war bereits ein Lager für jüdische Flüchtlinge errichtet worden. Auch die Feilbogens mussten dort einige Wochen verbringen. Am Ende erreichten sie aber doch das Wunschziel USA.
Ihr eigenes Aufwachsen in New Jersey habe sich angefühlt „wie in einer sicheren Bubble“. Es sei zwar nicht wie das perfekte Utopia, aber die Menschen seien unterschiedlichster Herkunft gewesen, und es habe ein liberaler Geist geherrscht. Die Familie sei schon in Wien weitgehend assimiliert gewesen, in den USA entschied man sich ebenso für ein säkulares Leben. „Ich hatte zwar eine Bat Mitzwa, aber auch da spielte Religion eine untergeordnete Rolle. Wir waren in einer Reformsynagoge, da ging es vor allem um die Gemeinschaft.“
Wie es ihr heute mit ihrer jüdischen Herkunft beziehungsweise dem Judentum geht? Bei der Entscheidung, um die österreichische Staatsbürgerschaft anzusuchen und schließlich sogar nach Wien zu übersiedeln, stand dieser Aspekt nicht im Vordergrund. „Meine jüdische Identität ist seit jeher mit widersprüchlichen Emotionen verbunden. Sie lässt sich nicht abschütteln. Ich habe das Gefühl, ich bin die organisierte Religion und vor allem patriaarchale Systeme wirklich leid. Diesen Teil empfinde ich als frustrierend. Aber als Teil meiner Identität und meiner Kultur kann ich das Judentum annehmen.“
An Wien hat sie vor allem die familiäre Spurensuche gereizt. Diese dokumentiert sie auch im Netz auf karenfordfeilbogen. com. Und sie genießt das Leben hier: Überall sei Kunst, das Essen sei hervorragend, der öffentliche Verkehr großartig. „Und ich denke, Wien ist auf gewisse Weise zivilisierter. Wien fühlt sich ein bisschen wie die Vereinigten Staaten in den 1980ern an, bevor alles, was wir produzieren, Wegwerfmüll wurde. Als Dinge noch langlebig konzipiert wurden.“ Positiv sieht sie auch die Einstellung gegenüber LGBTQ+-Personen. „Da gab es bis jetzt keine einzige negative Reaktion.“ Und dann denke sie an all die Attacken auf die Trans-Community in den USA, die eben auch Teil der LGBTQ+-Gemeinde sei. „Trans-Menschen sind eine höchst vulnerable Gruppe der Gesellschaft, und sie fungieren wie ein Kanarienvogel in der Kohlemine. Wie man mit ihnen umgeht, zeigt uns, was kommen wird. Ich glaube, das ist der Aspekt der Trump-Administration, der sich für mich sehr persönlich anfühlt.“
In Wien fühle sie sich diesbezüglich sicher. Auf der anderen Seite sei sie zögerlich, hier gegenüber Fremden über ihre jüdische Identität zu sprechen, erzählt Ford. „Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass ich weiß, wie man mit meiner Familie hier umgegangen ist.“ Umso schöner sei es, hier nun über sie zu forschen und dabei auf eine schöne Geschichte nach der anderen zu stoßen.
„Mein Vater sprach so gut wie nie mit
uns über seine persönlichen Erlebnisse
während der Nazi-Zeit.“
Gary Hirschkron
Dass Österreich inzwischen die Verantwortung für die NS-Zeit übernimmt, findet Ford anerkennenswert. Es habe zwar lange gedauert, aber nun sage man: „Wir wissen, wie mit euch umgegangen wurde. Das war falsch. Deshalb freuen wir uns, wenn ihr wieder Staatsbürger werdet.“ Dazu komme, dass Österreich zu jenen Ländern Europas zähle, in denen es besonders schwierig sei, eingebürgert zu werden. Die Entscheidung, Nachkommen von in der NS-Zeit Verfolgten das Staatsbürgerschaftsrecht einzuräumen, sei umso bemerkenswerter. Und es animiere auch Nachfahren der zweiten und dritten Generationen, sich, so wie auch sie selbst, näher mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. „Es gibt hier eine ganze Reihe von Jüngeren, die gerade an Büchern arbeiten.“
Sieht man sich die Einbürgerungszahlen an, zeigt sich: Ein erklecklicher Anteil der Neo-Staatsbürger und -Staatsbürgerinnen haben diese in den vergangenen Jahren auf Basis des 2020 vom Parlament beschlossenen Paragrafen 58c des Staatsbürgerschaftsgesetzes erhalten. Laut Statistik Austria haben 2024 21.891 Personen einen österreichischen Pass erhalten, mehr als 40 Prozent davon gingen an Nachfahren von vom NS-Regime Verfolgten. In den ersten neun Monaten des Vorjahres wurde die österreichische Staatsbürgerschaft an 17.649 Menschen verliehen, der Anteil jener, die auf Basis von Paragraf 58c den Antrag gestellt haben, betrug 38 Prozent.
Insgesamt haben zwischen 2020 und September 2025 – das waren die bis Redaktionsschluss verfügbaren Daten – 39.704 Personen die österreichische Staatsbürgerschaft auf Basis des Paragrafen 58c des Staatsbürgerschaftsgesetzes erhalten. Sieht man sich die Aufstellung der Einbürgerungen nach der bisherigen Staatsangehörigkeit an, zeigt sich: Hier gingen seit 2020 vor allem die Verleihungen an Menschen aus Israel, den USA sowie Großbritannien in die Höhe. Zuletzt gab es jedes Jahr jeweils mehrere tausend Zuerkennungen.
Die wenigsten dieser Personen bauen sich dann allerdings bisher auch tatsächlich ein neues Leben in Österreich auf. Von jenen, die in den beiden Vorjahren eine „Rot-Weiß-Rot-Karte“ erhielten, übersiedelten laut Statistik Austria unter einem Prozent in die alte neue Heimat.
Schnitzlers Urgroßenkelin. Sie dagegen lebt schon lange in Wien, hat aber auch erst kürzlich und auf Basis des novellierten Staatsbürgerschaftsgesetzes den österreichischen Pass erhalten: Giuliana Schnitzler. In ihrem Bungalow im Cottage finden sich jede Menge Erinnerungsstücke aus der Wiener Zeit ihrer Vorfahren. Da ist etwa ein großes Gemälde des Schlosses Schönbrunn. Es ist eine Kopie eines Werks von Canaletto, das heute im Kunsthistorischen Museum hänge, erzählt die frühere Film- und Fernsehproduktionsleiterin sowie Lehrerin. Sie ist inzwischen in Pension. Das Bild war ein Hochzeitsgeschenk des Schriftstellers Felix Salten an ihre Großeltern. Salten war mit ihrem Urgroßvater, dem Schriftsteller Arthur Schnitzler, befreundet gewesen. Auf Herbstdem Sofa vor dem raumnehmenden Gemälde machen es sich die beiden Hündinnen Lucy und Rosie gerne gemütlich.
In ihrem Wohnzimmer hängt aber auch das Porträt ihrer Urgroßmutter, Wally von Strakosch. Damit sind auch schon die Namen der in Wien um 1900 sehr bekannten großbürgerlichen Familien genannt: Strakosch und Schnitzler. Beide bewohnten Villen in der Sternwartestraße – nur einen kurzen Spaziergang von Giulianas heutigem Wohnort entfernt. Sie selbst hat vor allem die Strakosch-Villa noch gut von innen gekannt. Die Großeltern hatten sie nach dem Zweiten Weltkrieg zurückerstattet bekommen und waren wieder nach Wien gezogen. Als Couchtisch nutzt die Enkelin heute zudem eine Truhe, die den Vorfahren als Reisegepäck gedient hatte. Sie folgte ihnen in die Emigration in die USA und wieder zurück in die alte Heimat.
Giuliana Schnitzler kam 1958 in Los Angeles zur Welt – ihr Vater, Peter Schnitzler, hatte Wien 1938 als Zweijähriger verlassen. Aufgewachsen ist sie großteils in den USA, aber auch teils in Wien. Der Vater, ein Dokumentarfilmregisseur, hatte für einige Jahre in Wien und Berlin gearbeitet, als sie ein Kind war. Als sie neun war, ging die Familie wieder in die USA zurück. Später besuchte sie die Großeltern in Wien, mit zwölf ging sie hier auch ein Jahr in die Schule, ebenfalls im 18. Bezirk, in das Gymnasium in der Haizingergasse. Noch während der High School hat sie begonnen, ihrem Vater zu assistieren. Nach ihrem Schulabschluss begann sie an einem College in Los Angeles, Theaterwissenschaft und Schauspiel zu studieren, ging dann aber im Alter von 20 Jahren für ihr weiteres Studium nach New York. Eine Zeitlang arbeitete sie auch für den damals boomenden Musiksender MTV.
„Als Teil meiner Identität und meiner
Kultur kann ich das Judentum annehmen.“
Karen Ford
Als der Vater 1992 für den ORF in Wien eine Dokumentation über seinen Großvater und ihren Urgroßvater Arthur Schnitzler drehte, fragte er sie, ob sie das nicht gemeinsam machen wollten. Das Leben ist ein Spiel heißt dieser Film, die gemeinsame Spurensuche sei sehr spannend gewesen. Traurig stimmt sie im Rückblick nur, unter welchem Schatten ihr Vater offenbar angesichts des berühmten Vorfahren stand. „Er war Regisseur, hat auch geschrieben und hat sich immer verglichen. Ich hatte das Gefühl, er stellte sich immer selbst in einen Wettbewerb mit Arthur. Ich hatte oft den Eindruck, er wusste nicht, wie gut er selbst war. Diese Doku zu machen, war dann eine sehr gute Sache für uns beide, weil meinem Vater ein wirklich guter Film gelungen ist.“
Anders als ihr Vater arbeitete Giuliana Schnitzler lieber als Produktionsleiterin, auch sie führte aber bisweilen Regie. Bei den Dreharbeiten zu Das Leben ist ein Spiel lernte sie in Wien ihren späteren Mann kennen – und blieb. Hier kam 1993 auch ihre Tochter Danny zur Welt. Als sich nach und nach zeigte, dass sich das Familienleben nur schlecht mit der mit Reisen verbundenen Tätigkeit für verschiedene Rundfunkanstalten verbinden ließ, begann sie, an der Modeschule in der Herbststraße auf Englisch das Fach „Business and Marketing“ zu unterrichten. Später wechselte sie als Native-Speaker-Teacher an das Gymnasium Parhamerplatz. „Das Unterrichten hat mir immer sehr viel Freude gemacht.“
All die Jahre über war sie aber weiter nur US-Staatsbürgerin. Als nun 2020 das Staatsbürgerschaftsgesetz novelliert wurde, bot es ihr einen einfachen Zugang zu einem österreichischen Pass. „Ich wusste, dass ich in Wien bleiben würde. Es war nie mehr mein Plan, in die USA zurückzukehren. Nun, unter der Präsidentschaft Donald Trumps, käme das sowieso nicht in Frage. Die österreichische Staatsbürgerschaft hat mein Leben hier vor allem viel praktischer gemacht.“
Ebenfalls ausschlaggebend für die Entscheidung, darum anzusuchen, sei aber auch gewesen, dass sie nun in Österreich wählen könne. „Das war mir wichtig. Ich lebe schon so lange hier, das ist mein Land, aber ich konnte bei Wahlen nicht meine Stimme abgeben. Politik ist für mich grundsätzlich eine wichtige Sache. Ich war auch eine der Mitbegründerinnen von Democrats Abroad hier in Österreich.“
Engagiert hat sich Giuliana Schnitzler auch in der Wiener Reformgemeinde Or Chadasch, wo sie auch viele Jahre dem Vorstand angehörte. Sie sei – auch wenn ihre Mutter nicht jüdisch gewesen sei – mit einer klaren jüdischen Identität aufgewachsen, erzählt sie. Bei Or Chadasch habe sie dann auch einen Reform-Giur gemacht. Als wir sie wenige Tage vor Beginn von Chanukka besuchen, steht auf dem Esstisch vor dem Wohnzimmerfenster bereits eine Chanukkia bereit.
Da Giuliana Schnitzler seit Jahrzehnten in Wien lebt, ist sie so etwas wie eine erste Anlaufstelle für andere „neue Österreicher“, wie sie sich selbst nennen, geworden. In Kontakt komme man dabei meist über eine entsprechende Facebook- Gruppe. Wie auch Ford unterstreicht sie: Das Wien der Kultur, Musik, Kunst, Literatur, das so gerne von Touristen besucht werde, das wäre ohne die vielen jüdischen Persönlichkeiten in Kunst und Kultur vor, um und nach 1900 gar nicht vorstellbar. Mit dem novellierten Staatsbürgerschaftsgesetz sieht sie hier nun eine kleine Anerkennung.
























