Zurück zu den jüdischen Wurzeln

Tony Curtis und seine Tochter Jamie Lee Curtis, zwei Hollywood-Größen, waren und sind immer dabei, wenn es darum geht, die Restaurierung jüdischer Synagogen in Ungarn finanziell zu ermöglichen.

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Tony Curtis mit seiner ersten Frau Janet Leigh und den gemeinsamen Töchtern Kelly Lee und Jamie Lee. © mptv/picturedesk.com

„Viel Glück, Jamie, Du bist ein richtiger mentsch!“ Mit diesen emotionalen Worten beendete Maddy Albert ihren Bericht in der St. Louis Jewish Light, einer Gemeindezeitung im US-Bundesstaat Missouri, über die beliebte 62-jährige Hollywood-Schauspielerin und erfolgreiche Kinderbuchautorin Jamie Lee Curtis. Albert war entzückt, dass die Tochter von Schauspielerlegende Tony Curtis die Synagoge ihrer Großeltern im ungarischen Mátészalka in diesem Sommer gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt restaurieren ließ. Curtis kam für die Dreharbeiten zu Borderlands, einer Science-Fiction-Komödie, die sowohl von jüdischen Produzenten wie auch einem solchen Regisseur produziert wurde, nach Budapest, u. a. mit Kollegin Cate Blanchett. In einer Wochenenddrehpause reiste Curtis in die 16.532-Einwohner-Stadt ihrer Vorfahren, die im Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg, 77 Kilometer nordöstlich von Debrecen, gelegen ist.
Von dort aus erzählte sie in einem Instagram-Post, dass sie als finanzielle Partnerin der Stadt Mátészalka die Synagoge, in der ihre Großeltern gebetet hatten, als ein Gemeindezentrum für Feste, Kunst und Musik renovieren und wiederbeleben wolle. „Jetzt ist alles hier so leer und verlassen, da die gesamte jüdische Bevölkerung vernichtet wurde. Das ursprünglich 1857 errichtete Bethaus steht noch und ist eine lebendige Hommage an jene, die hier gelebt haben“, so Enkelin Curtis. „Auch meine Großeltern Helen und Emanuel Schwartz haben hier gebetet.
Jamie Lee Curtis war zuletzt in der köstlich-bösen Krimikomödie Knives Out zu sehen. Bereits 1988 brillierte sie im gleichen Genre als Wanda Gershwitz an der Seite von Kevin Kline und den Monty-PythonStars John Cleese und Michael Palin im Film A fish called Wanda und heimste zahlreiche Preise ein. „Ich repräsentierte hier und jetzt meine Familie bei der Eröffnung des Tony Curtis Memorial Museum und des Cafés, das zu Ehren meines Vaters gestaltet wurde, der 2010 im Alter von 85 Jahren verstorben ist.“ Die Tochter aus der ersten Ehe von Tony Curtis und der Schauspielerin Janet Leigh zeigte sich sehr gerührt von den Ausstellungsobjekten: „Es gibt wunderschöne Fotos aus seinem Leben, man hat Kostüme aus seinen Filmen, diverse Auszeichnungen und seine Malerei zusammengetragen.“ Erfreut war Curtis, die bisher acht Kinderbücher verfasst hat, dass das Museum ganz in der Nähe der Synagoge gelegen ist.

 

„Ihre neue Initiative in Ungarn ist inspirierend
und
sehr bedeutend.“
Jüdische Gemeindezeitung St. Louis Jewish Light

 

Jüdisches aus Mátészalka. Im Jahr 1941 zählte die jüdische Gemeinde von Mátészalka 1.555 Mitglieder und repräsentierte damit über 15 Prozent der Stadtbevölkerung.
Bereits in diesem Jahr wurden die jüdischen Männer von den ungarischen Pfeilkreuzlern zur Zwangsarbeit eingezogen. Als die deutsche Wehrmacht 1944 Ungarn besetzte, begannen die Todeszüge in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu rollen. 1946 kehrten 150 Überlebende nach Mátészalka zurück. Nach der gescheiterten Revolution 1956, als die Kommunisten endgültig das Land übernahmen, gelang es noch einigen, nach Nordamerika oder Israel auszuwandern. Im Jahre 1959 lebten noch 98 Juden in der Heimatstadt der Schwartz, späteren Curtis.

Die Entdeckung des Bernard Schwartz. Bernard Schwartz, wie der sechsmal verheiratete spätere Hollywood-Star hieß, wurde am 3. Juni 1925 in New York geboren und hatte noch zwei Brüder. Seine Eltern betrieben eine Schneiderei, in der die Familie zeitweise auch lebte. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr sprach Bernard/Tony nur Ungarisch und Jiddisch. Während seiner Zeit an der Highschool hielt er sich lieber im Kino und am Broadway auf als in der Schule. Ab 1943 und bis Kriegsende diente Curtis in der US-Marine auf einem U-Boot Begleitschiff. Bei einem Arbeitsunfall verletzte er sich schwer, erhielt nach seiner Genesung eine Kriegsversehrtenrente und konnte erneut auf die Schule gehen.
Ab 1947 nahm er beim legendären Theaterpädagogen und Regisseur Erwin Piscator Schauspielunterricht. Zu dessen Schülern zählten auch spätere Stars wie Marlon Brando, Walter Matthau und Harry Belafonte. Abends trat er in Statisten- und Nebenrollen in kleinen New Yorker Theatern auf, so im Frühjahr 1948 in Golden Boy. Hier wurde Bob Goldstein, Talentsucher der Universal Studios, auf den gut aussehenden jungen Mann aufmerksam: Bernie Schwartz, wie Tony Curtis zu diesem Zeitpunkt noch hieß, erhielt ein Flugticket nach Los Angeles und einen Vertrag bei den Universal Studios. Das war der Beginn einer großen Karriere. Am 4. Juni 1951 heiratete er seine Schauspielkollegin Janet Leigh. Aus dieser Ehe stammen die Töchter Kelly Lee Curtis und Jamie Lee Curtis, die beide zum Film gingen. Bei den Dreharbeiten zu Taras Bulba lernte Curtis 1961 die damals 16-jährige deutsche Schauspielerin Christine Kaufmann kennen – aus dieser Ehe hat Jamie Lee noch zwei Halbschwestern.
1986 begann Tony Curtis eine neue Karriere als Maler und bildender Künstler und zog sich nach Hawaii zurück. Dort stellte er seine Bilder erstmals öffentlich aus. Die Ausstellung stieß auf große Resonanz, und seine Bilder finden seither auch unter Kunstkennern Beachtung. Bis zu seinem Tod stellte Curtis seine Werke regelmäßig in den USA, Europa und Asien aus. Die Preise für einen „echten Curtis“ bewegen sich zwischen 20.000 und 100.000 USDollar.

Schauspielerin Jamie Lee Curtis ©123RF

Tony Curtis, der Philanthrop. Das erneute Interesse an den ungarisch-jüdischen Wurzeln der Familie erwachte bei Vater und Tochter Curtis zu Beginn der 1990erJahre und fiel glücklicherweise auch mit den Plänen der Familie Estée Lauder und ihrem Sohn Ronald zur Wiederbelebung der Reste des jüdischen Erbes in Ungarn zusammen. Das war auch die Folge der neuen demokratischen Freiheiten in Mittel- und Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.
Die dreijährigen Renovierungsarbeiten an der 1859 vom Wiener Architekt Ludwig Förster im maurischen Stil erbauten Budapester Großen Synagoge konnten mit der fünf Millionen US-Dollar Grundfinanzierung durch die damalige ungarische Regierung begonnen werden. Aber erst durch die zwanzig Millionen US-Dollar-Spende der Familie Lauder und von Tony Curtis konnten 1996 auch das Dach und die einzigartigen Details im Inneren der größten Synagoge Europas teilweise wieder hergestellt werden. Stilistisch beeinflusst ist der Bau von der Alhambra in Granada sowie von babylonischer und islamischer Architektur als Hinweis auf die orientalische Herkunft des Judentums. Auf der 1859 erbauten 5.000-Pfeifen-Orgel der im neologen Ritus (liberal bis amerikanisch-konservativ) geführten Synagoge haben Franz Liszt wie auch Camille Saint-Saëns gespielt.
Am 3. Februar 1939 bombardierten die Pfeilkreuzler das Gotteshaus; die Nazis sendeten dann ihre Radiopropaganda von dort aus und verwendeten es zeitweise sogar als Stall. Auch bei den Befreiungsschlägen der Sowjetarmee 1945 erlitt der Bau erhebliche Schäden. Unter dem kommunistischen Regime konnten intakte kleinere Teile des Gebäudes wieder als Betraum verwendet werden. Da sich die Große Synagoge mit einem Fassungsraum von 3.000 Plätzen an der Dohány utca (deutsch: Tabakstraße) befindet, wird sie allgemein auch als Dohánytemplom bezeichnet.

Baum des Lebens: Raoul Wallenberg Holocaust Memorial Park, geschaffen vom ungarischen Bildhauer Imre Varga, finanziert von Tony Curtis. © mptv/picturedesk.com

Tony Curtis gründete 1998 die Emanuel Foundation for Hungarian Culture und fungierte bis zu seinem Tod am 29. September 2010 – er starb an Herzversagen infolge seiner Lungenerkrankung – als Ehrenvorsitzender.
Diese Stiftung arbeitet für die Restaurierung und den Erhalt von Bethäusern und 1.300 jüdischen Friedhöfen in Ungarn; weiters unterstützte sie ein Kinderheim, das Pikler-Institut in Budapest.
All dies hat Curtis der Erinnerung an die 600.000 jüdischen Opfern der Shoah gewidmet. Aber der US-Komödienstar mit dem großen Herzen wollte unbedingt auch der Überlebenden und vor allem deren Rettern während der NS-Herrschaft gedenken. Daher finanzierte er allein ein ganz besonderes „Erinnerungsstück“ als Holocaust-Mahnmal: einen Baum des Lebens – auch Baum der jüdischen Märtyrer Ungarns genannt. Der ungarische Bildhauer Imre Varga schuf in Form einer Trauerweide aus Silber und Stahl einen riesigen Baum im Raoul Wallenberg Holocaust Memorial Park. Der silbrig schimmernde Baum, dessen Metallplättchen die Namen jener tragen, die der schwedische Rotkreuz-Diplomat Raoul Wallenberg gerettete hatte, befindet sich im Hinterhof der Großen Synagoge, am Beginn der Wesselényi útca, dort, wo einst das jüdische Ghetto begann. Jene, die in der zweiten und dritten Generation leben*, weil Wallenberg ihre Vorfahren vor der Vernichtung rettete, können zum Gedenken die Namen auf den Baumblättern eingravieren lassen.
Jamie Lee Curtis, die den Verantwortlichen in Mátészalka versprochen hat, bei der Eröffnung des Synagogenbaus dabei zu sein, setzt die Tradition ihres Vaters damit fort. „Wir sind nicht überrascht, dass sich die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin für die Mitzwa der Synagogenrenovierung so engagiert“, schreibt die jüdische Gemeindezeitung St. Louis Jewish Light. „Curtis hilft ihrer Gemeinde seit vielen Jahren, zuletzt förderte sie ein Kinderspital in Los Angeles. Aber ihre neue Initiative in Ungarn ist inspirierend und sehr bedeutend“, fügt das Blatt hinzu und bittet Curtis, die Redaktion weiterhin über den Verlauf der Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten: Best of luck, Jamie, you’re a true mensch!

* Auch die Eltern der Autorin wurden von Wallenberg gerettet, und nur mit den zwei Namensgravuren auf den symbolischen Baumblättern kann ihm auf diese Weise gedankt werden.

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