
Siebenmal ist er dem Tod von der Schaufel gesprungen. So beschreibt es Hans Rosenthal in seiner Autobiografie Zwei Leben in Deutschland. Eine jüdisch-deutsche Geschichte, die anlässlich seines 100. Geburtstags in neuer Ausstattung erschienen ist. 1925 in eine jüdische Familie im Berliner Ostteil Prenzlauer Berg geboren, erlebte er bereits als Kind die wachsende antisemitische Verfolgung durch den Nationalsozialismus.
Liest man seine Lebensgeschichte, so erfuhr er mehr Leid und Freud in einem – und es hätte für mehrere Menschen ausgereicht. Hans Rosenthal war ein Waise und ein Verfolgter, aber ebenso ein Umjubelter und Geliebter.
„Mit 12 Jahren verlor ich meinen Vater, mit 16 meine Mutter, und ich war 17, als mein Bruder nach der Verschleppung bei Riga ermordet wurde.“ Was Rosenthal in seinem Lebenslauf nicht schreibt, ist, dass der Vater in seinem Todesjahr – er starb 1937 an Nierenversagen – seine Arbeit bei der Deutschen Bank verlor, weil diese den jüdischen Angestellten nicht mehr halten wollte. Immerhin bot man ihm eine Stelle in Kairo an, also die Chance zur Emigration. Knapp 40.000 der ursprünglich 160.000 Berliner Juden hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon zur Flucht entschlossen.
Rosenthals Mutter Else, geborene Isaac, starb 1941 an Darmkrebs. Die Rosenthals wanderten nicht aus, aber Hans bereitete sich auf Hachschara*, eine Zukunft in Palästina vor. Ungewöhnlich ist höchstens, dass sich ein 17-jähriger Gedanken über den Zionismus machte: Den hatte er erst in dem Lausitz-Dörfchen Jessen kennen gelernt und festgestellt, dass jeder zweite Jude Schlosser oder Tischler werden wollte. Weshalb es doch eigentlich ziemlich überflüssig wäre, nun auch Schlosser oder Tischler zu werden, deshalb lernte er weder das eine noch das andere. Viel, viel später wurde er Quizmaster und schrieb Fernsehgeschichte. Er sollte sich Sendungen wie Rate mal mit Rosenthal oder Allein gegen alle ausdenken; er sollte „Dalli Dalli“ rufen und „Das ist Spitze“; dazu würde er mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Luft springen und lachen.
Paul Spiegel beschreibt ihn als klug,
schlagfertig, rühmt seinen Humor. Bei all
dem, schreibt Spiegel, „sprach aus seinen
Augen menschlicher Schmerz“.
Doch zuerst musste der Vollwaise überleben und bereitete sich schon lange nicht mehr auf eine Zukunft in Palästina vor. Das Lager Jessen wurde geschlossen, denn seit Oktober 1941 bestand Emigrationsverbot. Das Jugendschutzgesetz war für Juden seit Dezember 1941 aufgehoben. Nach dem Tod der Mutter wurden die Brüder als Vollwaisen in die Baruch Auerbach’sche Waisen- Erziehungsanstalt für jüdische Knaben und Mädchen gebracht. Und sie wussten von den bevorstehenden Transporten, auch der kleine Bruder von Hans: Gert kaufte von seinen Ersparnissen 50 Postkarten. Der Zehnjährige adressierte die Karten vor und wollte seinem Bruder Hans alle zwei Tage eine schicken. Keine kam je an. Stattdessen fanden sich in der Vormundschaftsakte Briefe an die Reichsversicherungsanstalt: „Hierdurch teile ich Ihnen mit, dass mein Mündel Gert Israel Rosenthal, geb. am 26.7.32, in diesem Monat abgewandert ist. Sein Bruder Hans Israel ist noch hier.“ Das Synonym „abgewandert“ war am Anfang gebräuchlich für „zur Endlösung deportiert“.
Hans wurde Zwangsarbeiter wie alle anderen aus dem Heim. Das jüdische Arbeitsamt vermittelte ihn unter anderem als Totengräber und später als Zwangsarbeiter in die Blechschneiderei Alfred Hanne in Weißensee. Bruder Gert war inzwischen mit dem 21. Osttransport auf dem Weg nach Riga, wo er in einem Wald erschossen wurde. Der 17-jährige Hans hatte Glück. Als das Jugendwohnheim Rosenstraße im Dezember 1942 nach Auschwitz geschickt wurde, war er auf Montage in Pommern, wo sich das Außenlager der Blechfabrik Hanne befand. Versehentlich wurde auch er als „abgewandert“ gemeldet, tauchte wieder auf und sollte bei einem Fräulein Lewy einquartiert werden. Bevor er dort einziehen konnte, musste auch das Fräulein Lewy „abwandern“.
Als Ende Februar 1943 die jüdischen Zwangsarbeiter deportiert wurden, war das für ihn das Signal, in den Untergrund zu gehen. Rosenthal erinnerte sich an eine Freundin seiner Mutter, die in einer Lichtenberger Kleingartenkolonie wohnte. Ida Jauch nahm den 18-Jährigen bereitwillig auf, teilte ihre Lebensmittelkarten mit ihm, behandelte ihn wie ihren eigenen Sohn – und riskiert dabei ihr Leben. 1944 starb sie unerwartet. Zwei andere ältere Damen aus derselben Kolonie – Emma Harndt und Maria Schönebeck – übernahmen ihre Rolle und versteckten Hans Rosenthal bis zum Kriegsende. So überlebt er die Shoah.
Sein Sohn, Gert Rosenthal, Notar und Anwalt in Berlin, erinnert sich: „Es gibt viele Dinge, die sich mein Vater von ganzem Herzen gewünscht hat und die er nicht mehr miterleben konnte. Hierzu gehört auch die Ehrung der Frauen, die ihm völlig uneigennützig das Leben gerettet haben. Heute wäre er mit Sicherheit hier und hätte sich unglaublich über die Yad-Vashem- Auszeichnung von Ida Jauch zu einer Gerechten unter den Völkern gefreut. Ja, er hätte es ,Spitze‘ gefunden.“
Für Hans Rosenthal waren es diese drei Frauen – so erzählte er später immer wieder –, die es ihm möglich gemacht haben, in Deutschland zu leben, sich als Deutscher zu fühlen und ohne Hass ein Bürger dieses Landes zu sein. Als er sich im April 1945 aus dem Versteck in der Laubenkolonie Dreieinigkeit in Berlin-Lichtenberg herauswagt, ist Hans Günter Rosenthal 20 Jahre alt und ganz allein auf der Welt. Im Versteck der Laubenkolonie hört er auf einem einfachen Empfangsgerät sowohl deutsche Propaganda als auch alliierte Sendungen. Daraus entsteht sein Wunsch, selbst Radio zu machen, ein Radio im Dienst der Freiheit. Befreit, tritt er den sowjetischen Soldaten mit dem gelben Stern am Jackett entgegen und kommt dabei fast um. Die Rotarmisten haben Majdanek befreit und erlebt, wie SS-Wachen mit dem Judenstern am Revers zu entweichen versuchten. Jetzt wollen sie Rache nehmen. Ein Offizier tritt dazwischen und fordert Rosenthal auf, das jüdische Glaubensbekenntnis aufzusagen: „Schma Jisroel, Adonaj Elauhenu, Adonaj echod – Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“, antwortet er. Hans Rosenthal darf den Stern abnehmen.
Aufstieg zum Publikumsliebling von Millionen. Er geht geradewegs zum Rundfunk. Dort wird er Regieassistent beim Sender Radio Berlin; sehr bald fällt Hans Rosenthal in der Kantine beim Berliner Rundfunk eine junge Frau auf, die damals dort als technische Zeichnerin tätig ist: Traudl Schallon heißt die Angebetete, sie heiraten 1947 und haben zwei Kinder, Tochter Birgit und Sohn Gert, dem Rosenthal auch eine Bar Mizwa macht, weil sie einen liberal jüdischen Haushalt führen. Traudl Rosenthal setzt sich bis zu ihrem Tod für die Hans- Rosenthal-Stiftung ein, die Menschen hilft, die, so die Stiftungsidee, „unverschuldet in Not geraten“ sind.
Rosenthal wechselt 1948 in den Westsektor und zum RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), wo er zunächst als Aufnahmeleiter und Unterhaltungsredakteur seine Rundfunkkarriere startete. Er wird schließlich einer der beliebtesten deutschen Quizmaster von Unterhaltungssendungen im Hörfunk. Mit der ZDF-Show Dalli Dalli, die er von 1971 bis 1986 moderiert, erreicht seine Karriere den Höhepunkt. In dieser Zeitspanne entstehen 153 Ausgaben der Ratesendung, die mit Rekord- Einschaltquoten läuft. Er moderiert Shows wie Allein gegen alle (das Städtewettbewerbs- Quiz), Rate mal mit Hans Rosenthal und Spaß muß sein. Im Laufe seiner Karriere erhält er dreimal die begehrte Goldene Kamera, den Bambi als beliebtester Quizmaster, die Goldene Europa und den Telestar. In Österreich ist er mit Spaß muß sein im Linzer Brucknerhaus zu Gast, jeweils zwei Sendungen jährlich von Dalli Dalli werden aus Wien ausgestrahlt. Eine von ihm geplante Sendung in Israel kommt wegen seines frühen Todes nicht mehr zustande.
Antisemitismus und Bekenntnis zum stolzen Juden. Rosenthal engagierte sich seit den 1960er-Jahren im Zentralrat der Juden in Deutschland, ab 1973 als Mitglied des Direktoriums, in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sowie in diversen sozialen Projekten. Er war aktiver Fußballer und gehörte bereits 1947 zu den Gründungsmitgliedern von SC Hakoah Berlin.
Rosenthals Kinder erzählten immer wieder, dass der Vater seine Shoah-Erlebnisse nicht verschwieg, aber dennoch versuchte, sie zu schützen. Auch sein Freund, der Journalist und Künstleragent Paul Spiegel, kannte die Unruhe an Hans Rosenthal. Er beschreibt ihn in seinen Erinnerungen als klug, schlagfertig, rühmt seinen Humor. Dann ändert sich der Ton. Bei all dem, schreibt Spiegel, „sprach aus seinen Augen menschlicher Schmerz“.
Am 9. November 1978 geschieht etwas, das Hans Rosenthal vor eine Wahl stellt: Ist er der lustige Mann im Unterhaltungsfernsehen oder der jüdische Mensch, über den er öffentlich nicht spricht? Doch an diesem Tag hilft das alles auf einmal nicht mehr gegen die Vergangenheit. Es ist der vierzigste Jahrestag der Reichspogromnacht, ein Tag, der zum ersten Mal in der Medienöffentlichkeit mit Gedenkfeiern begangen wird. Der Bundespräsident spricht im Fernsehen, es wird diskutiert. Aber um 19:30 Uhr, es ist schließlich Donnerstag, kommt Dalli Dalli, und zwar zum 75. Mal, als Jubiläumssendung. Rosenthal hat den Show-Termin lange vorher zugesagt, ohne auf das Datum zu achten. Daher fragt er beim ZDF an, ob man die Sendung nicht ein andermal einplanen könne. Man kann nicht. Also moderiert das Nazi-Opfer Rosenthal am Jahrestag der Synagogenbrände und Gewalttaten, die er als Kind in der Oranienburger Straße mit angesehen hatte, eine Unterhaltungsshow. „Pflichtbewusst, wie er als guter preußisch-deutscher Jude eben war“, sagt der Sohn. Aber sein Vater sagte immer „jüdischer Mensch“. Jude klang für ihn wegen der Nazis wie ein Schimpfwort. Er muss reichlich beschimpft worden sein, auch in der BRD. Hans Rosenthal legte einen Ordner an, sachlich beschriftet mit „Antisemitische Schreiben“. 1980 erscheint seine Autobiografie, in der alles steht: Hans Rosenthal, der immer gesagt hat, ich bin Berliner, sagt nun, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, einen anderen, einen ganz anderen Satz: „Ich bin ein Berliner Jude.“
Hans Rosenthal starb am 10. Februar 1987 im Alter von 61 Jahren an Magenkrebs. Er erlag der Krankheit in seiner Heimatstadt Berlin und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße in einem Ehrengrab beigesetzt.
* Hachschara, hebräisch für „Vorbereitung“ oder „Tauglichmachung“, bezeichnet die landwirtschaftliche oder handwerkliche Berufsausbildung junger Jüdinnen und Juden als Konzept für die Auswanderung (Alija) und den Aufbau eines neuen Lebens in der historischen Heimat Palästina.





















