Ein paar Stolpersteine. Spät, aber doch. Eine Freundin hatte der Publizistin Marta Marková berichtet, dass es diese Zeichen der Erinnerung gebe, überdies nicht mehr bloß in den großen Kommunen wie Prag, Brünn oder Pilsen, sondern in Šumperk (einst Mährisch Schaumberg), einer kleinen Provinzstadt nördlich von Olmütz. Marková sieht darin ein Zeichen dafür, dass auch in Böhmen und Mähren, sogar auf dem Lande, sich etwas zum Positiven wende.
Es sind fünf gülden schimmernde Platten, die an die zwei Familien erinnern, an die Schostals und an die Mowschensons. Marková begann, deren Geschichten zu recherchieren, und schrieb diese in ihrem jüngsten Buch nieder: In den Mühlen der „Umvolkung“.
Plötzlich schutzlos und verfolgt. Isidor Mowschenson wurde 1883 in Odessa geboren und floh vor den dort regelmäßig stattfindenden Pogromen zunächst nach St. Petersburg, dann weiter nach Westen, in die damalige Habsburger Monarchie. 1914 siedelte er sich als russischer Emigrant und säkularer Jude in Mährisch Schaumberg an, einem Zentrum der Textilindustrie. Hier baute er sich mit seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau und drei Kindern eine neue Existenz auf. „Josefa Habermanová und Isidor Mowschenson fühlten sich in Mährisch Schönberg als Menschen ,angekommen‘“, schreibt Marková. Mowschenson arbeitete als Dentist; er war in dem Städtchen allgemein bekannt und beliebt und konnte ein repräsentatives Haus erwerben. Die Kinder gingen zur Schule, zwei studierten später an der Universität Prag Medizin.
Doch dann kam das Jahr 1938. Ab dem 30. September gehörte Mährisch Schaumberg wie der Rest des so genannten Sudetenlandes auf einmal zum Deutschen Reich. „Mowschensons Traum vom ,Angekommensein‘ wurde durch das Münchener Abkommen vom 30. September 1938 völlig zerstört, ja, vernichtet. Ihm wurde der Boden unter den Füßen weggezogen“, schreibt Marková. „Ein Mann in den besten Jahren, ein 55-Jähriger mit seiner 63-jährigen Frau, der Vater von vier erwachsenen Kindern, war plötzlich schutzlos.“
Gemeinsam mit seiner Frau flüchtete er schnell nach Prag, wo aber bereits bürokratische Schikanen begannen. Warum er als russischer Flüchtling hierher komme, wovon er lebe, ob er demnächst ins Ausland übersiedeln werde? Diese Fragen konnte Mowschenson den Behörden nicht mehr beantworten, denn ab 15. März 1939 hörte auch die restliche Tschechoslowakei auf zu existieren, die Deutschen waren einmarschiert.
„[…] die ständige Schizophrenie, die
brutale Anpassung der Bevölkerung,
die jämmerliche Lächerlichkeit der
,neuen Gewinner‘.“
Marta Marková
„Welches Entkommen gab es? Rechtlich gar keines. Nur den ganz individuellen Versuch einer Flucht oder die Flucht in den Selbstmord. Oder aber es drohte die Deportation. So waren auch die Mowschensons in einer NS-Falle gefangen, aus der es keinen Ausweg gab.“ Die grausame Entwicklung im Kurzdurchgang: Die Familie wurde zunächst nach Theresienstadt deportiert und von dort weiter in das SS-Ausbildungslager für KZ-Wachmannschaften Trawniki bei Lublin – und dort ermordet. Die jüngste Tochter starb in Auschwitz; nur ein Sohn überlebte: Heinrich, Heinz, später Henry. Er floh nach dem Medizinstudium über die Donau nach Palästina, trat dort in die britische Armee ein, wurde Pilot und lebte später in Asien und London. Seine Versuche, nach dem Krieg das elterliche Haus in Šumperk wiederzubekommen, scheiterten allerdings. Die Juden wurden von den Kommunisten als Deutsche eingestuft, man machte sie wieder rechtlos und behielt ihren Besitz ein.
„Dieses Buch will den Mythos von der freien, mustergültig demokratischen Tschechoslowakischen Republik, die Schwarz-Weiß-Malerei und deren politische und sprachliche Nationalismen aufbrechen“, schreibt Anton Pelinka, der kürzlich verstorbene Politologe und Ehemann von Marta Marková in einem Vorwort. „Das Buch bezieht sich auf die Vertreibung von Juden und Tschechen 1938 aus dem Sudetengau, auch auf die Vertreibung der deutsch und ungarisch sprechenden Juden ab 1945 aus der gesamten Republik. Die Beneš- Politik wollte einen tschechoslowakischen Nationalstaat schaffen – in eklatantem Widerspruch zu Masaryks Idee eines multikulturellen vielsprachigen Staates.“
In weiteren Kapiteln erinnert sich Marková auch an die Repression an den Universitäten in Prag und gegenüber Intellektuellen, beschreibt Mitläufer, die von der Vertreibung anderer profitierten, und berichtet schließlich von ihrer eigenen Konsequenz: der Emigration. „Ich selbst flüchtete mit meinem [ersten] Mann und den Kindern erst elf Jahre nach unserer Rückkehr, als ich endlich begriffen hatte, wie sinnlos das Leben in meinem Land geworden war, die ständige Schizophrenie, die brutale Anpassung der Bevölkerung, die jämmerliche Lächerlichkeit der ,neuen Gewinner‘.“






















