Zwischen Bibel und Mossad

Eine Wasserleiche am Strand und ein abgelegtes Frühchen vor einem Spital in Tel Aviv: zwei Fälle für Inspektor Avi Avraham in Dror Mishanis Kriminalroman Vertrauen.

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Dror Mishani: Vertrauen. Ein Fall für Avi Avraham. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes, 352 S., € 22

Wenn ein Kommissar findet, dass die Aufklärung so mancher tragischer Gewaltverbrechen niemandem nützt, sondern nur weiteres Leid mit sich bringt, dann hat er ein Problem. In seiner tiefen Sinnkrise will sich Ermittler Avi Avraham aus Cholon daher vom Tel Aviver Polizeidistrikt Ayalon versetzen lassen. Da sieht er sich an einem Tag gleich mit zwei Fällen konfrontiert, die offenbar nichts miteinander zu tun haben: Ein frühgeborenes Baby wird vor einem Krankenhaus abgelegt, und ein Tourist mit Schweizer Pass ist verschwunden, ohne seine Hotelrechnung beglichen zu haben. Auf den ersten Blick also polizeilicher Kleinkram und damit genau das, was Avi so frustriert, sind seine literarischen Krimi-Vorbilder doch Inspektor Maigret, Kommissar Wallander und der italienische Autor Leonardo Sciascia.
Da hat sich nicht nur Avi die Latte wohl etwas hoch gehängt. Auch sein Schöpfer Dror Mishani, seines Zeichens auf Kriminalliteratur spezialisierter Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, teilt offenbar die Verehrung dieser Helden mit seinem Protagonisten, freilich ohne an sie heranzukommen.

Avis literarische Krimi-Vorbilder sind Inspektor Maigret
und Kommissar Wallander
und der italienische Autor Leonardo Sciascia.

Grenzüberschreitungen. So lässt er Avi Avraham in seinem nunmehr vierten Fall lange vor sich hin wursteln, vom stets geheimnisumwitterten Mossad gleichsam ferngesteuert auf falsche Fährten locken und schließlich in Paris landen. Dort verfolgt er nicht nur die Spuren des mittlerweile als Wasserleiche an den Strand von Tel Aviv gespülten vorgeblichen Schweizers, der eigentlich ein Franzose namens Raphael Chouchani war, sondern verhört gleich auch noch Danielle, die minderjährige Kindesmutter des weggelegten Säuglings. Schuldig im Sinne des Gesetzes hat sich allerdings nur deren Mutter Liora gemacht, die Danielle zu einer Abtreibung verholfen und, nachdem diese schiefging, das Frühchen in einer Tasche weggelegt und die Tochter nach Paris geschickt hat. Bibelfest und immer mit einem passenden Psalm im Kopf und auf den Lippen, verweigert Liora in den Verhören jedoch raffiniert und unglaublich frech jegliche Schuldeinsicht.
War es eine Vergewaltigung oder ein „Identitätsbetrug“, das heißt, hat sich der arabische Teenager-Kindesvater Danielle gegenüber als Jude ausgegeben?
Und warum soll Chouchani eher ein Drogenhändler als ein Agent des Mossad und sein Tod ein Selbstmord gewesen sein?
Allein auf weiter Flur und nicht einmal seinen Vorgesetzten vertrauend, die ihn auf einen verlockenden Auslandsposten wegloben wollen – warum der Roman gerade „Vertrauen“ heißt, erschließt sich übrigens nicht –, steht Avi nur seine katholische Ehefrau Marianka, eine Berufsdetektivin, mit Rat und Tat bei. Dem Judentum entfremdet, hat er sie in ihrer kroatischen Heimat vor Kurzem kirchlich geheiratet.
Zwischenmenschliche Spannungen haben zumindest in diesem israelischen Alltag weniger mit Religionskonflikten als mit polizeilichen Strukturen und den undurchsichtigen Agenden der Geheimdienste zu tun. Im Gegensatz zu dieser säkularen Welt spielen ausführlich zitierte biblische Assoziationen eine fürs Krimigenre ungewöhnliche Rolle. Offenbar sind es gerade die Überschreitungen dieser Genregrenzen die Mishani reizen und die er in dem zuweilen doch recht ausufernd mäandernden Spannungsbogen auch hinlänglich ausreizt. Irgendwann berühren die beiden parallel geführten Fälle, Kindesweglegung und Agentenmord, einander peripher, die Hoffnung auf ein klassisches Whodunit, und da verrät man nicht zu viel, sollte man aber fahren lassen. „Kann ich jetzt anfangen, Ihnen die Geschichte zu erzählen, mon ami“, heißt es – am Ende

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