ZWISCHEN HAMPSTEAD UND PRATERSTRASSE

Es gibt für alles ein erstes Mal – aber auch ein letztes. In diesem Monat erklärt uns der Autor, Publizist und Kulturgeschichtsforscher Ernst Strouhal, wie er Würstl in Senf ertränkt und warum ihn vor 25 Jahren der Joghurtmann geärgert hat (und es immer noch tut).

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© Margret Weber-Unger/AlbumVerlag

Ernst Strouhal, geboren 1957 in Wien, ist Professor an der Universität für angewandte Kunst Wien, Autor und Publizist. Gemeinsam mit Michael Ehn betreut er seit 1990 die wöchentliche Schachkolumne der Tageszeitung Der Standard. Ernst Strouhal hat diverse Bücher verfasst, zuletzt erschien mit Vier Schwestern. Fernes Wien, fremde Welt die Familiengeschichte seiner Mutter und seiner drei Tanten. Die Schwestern jüdischer Herkunft flohen mit der nationalsozialistischen Machtübernahme aus Wien nach Stockholm, Zürich, New York und London. Den lebhaften Briefwechsel der vier höchst verschiedenen Frauen – die unter anderem den schwarzen Humor und ihre Liebe für alte Wiener Ausdrücke teilten – hat Strouhal sorgsam aus dem Nachlass gesucht, kuratiert und in diesem berührenden Buch zusammengeführt.

 

Das letzte Mal,

dass ich einen handschriftlichen Brief verschickt habe, war …
tatsächlich heute! Es war nur ein kleiner Begleitbrief zu einem Buch, das ich versandt habe. Aber mit Anrede und Grußformel, also ein Brief (musste ihn zwei Mal schreiben, da ich den Namen des Adressaten fälschlicher Weise mit „h“ geschrieben habe).

Das letzte Mal, dass ich mit etwas geurasst bzw. gebrodelt habe, war …
oh, so schöne, alte Wiener Worte. Geurasst habe ich am Sonntag, und zwar mit Senf beim Würstelessen. Brodeln tue ich – zum Leidwesen meiner Umgebung – selten. Ich habe übrigens ein Wort gefunden: schlumpanzen, gemeinsam einen Nachmittag vertrödeln, aus tanzen, Schimpanse und schlummern.

Das letzte Mal heimisch in der Fremde fühlte ich mich …
im Sommer, gleich zweifach: am Dienstag in Hampstead in London und am nächsten Tag zurück in Wien auf der Praterstraße.

Das letzte Mal in der Grinzinger Himmelstraße ging ich spazieren … (und was waren Ihre Gedanken dabei?) …
heuer im Herbst: Was für eine herrliche Gegend das einmal gewesen sein muss und was für eine dreckige Geschichte eine herrliche Gegend mitunter hat.

Das letzte Mal, dass ich im Schachspiel verlor und mich doch sehr darüber geärgert habe, war …
vor gut 25 Jahren bei einem Wiener Turnier. Mein Gegner war ein junger, unglaublich arroganter Mann, der während der Partien fünf Sorten Joghurt gegessen hat, der Joghurtmann. Natürlich bin ich auf Gewinn gestanden, und – natürlich – habe ich am Ende verloren. Bei den anderen unzähligen Malen nachher, bei denen ich beim Schach verlor, habe ich mich nicht mehr so geärgert (aber vielleicht bin ich jetzt nicht ganz ehrlich …).

Ernst Strouhal: Vier Schwestern. Fernes Wien, fremde Welt. Zsolnay 2022, 416 S., 28,80 €

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