
Vieles bleibt in der abwechslungsreichen Lebensgeschichte von Leopold „Poldi“ Weiss alias Muhammad Asad im Dunkeln. Geboren im galizischen Lemberg am 12. Juni oder 2. Juli 1900 (das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt) in eine rabbinisch geprägte Familie, wuchs Poldi mit jüdisch-religiösen Traditionen auf. Dank der kulturellen Vielfalt in Lemberg sprach er schon als 13-Jähriger Hebräisch, Aramäisch, Deutsch und Polnisch. Er studierte das Alte Testament im Original sowie den Text und die Kommentare des Talmuds, der Mischna und der Gemara.
Nach dem Ersten Weltkrieg übersiedelte die Familie von Lemberg nach Wien, wo Leopold Weiss Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Wien studierte. Doch diese Studien befriedigten ihn nicht, und er brach sie ab. Wien war in der Zwischenkriegszeit eine der intellektuell und kulturell anregendsten Städte Europas, ein Zentrum für neue Perspektiven in Psychologie, Sprache und Philosophie. Die Stimmen von Sigmund Freud, Alfred Adler und Ludwig Wittgenstein prägten die Atmosphäre in Österreich und weltweit.
Weiss hatte einen Logenplatz für diese spannenden Diskussionen, und obwohl er von der Originalität dieser Pioniergeister beeindruckt war, ließen ihn ihre wichtigsten Schlussfolgerungen dennoch unbefriedigt zurück. Er übersiedelte nach Berlin in der Hoffnung, mehr Spiritualität und weniger Materialismus zu finden.

Durch Zufall fand er in Berlin sofort Arbeit bei der Frankfurter Zeitung. Er verdankte das seinem Interview mit Yekaterina Peshkova, der Frau des russischen Schriftstellers Maxim Gorki. Bald wurde er als Reporter beschäftigt und als Korrespondenten für den Nahen und Mittleren Osten berufen. 1922 übersiedelte er zu seinem Onkel, Dorian Feigenbaum, nach Jerusalem. Feigenbaum war Psychoanalytiker, Freud-Anhänger und gründete später die bis heute bestehende Zeitschrift Psychoanalytic Quaterly. Leopold Weiss diskutierte damals mit zionistischen Führern wie Chaim Weizmann über die Aspekte der zionistischen Bewegung. Als Nahostkorrespondent reiste er durch Palästina, Ägypten, Syrien, den Irak, Persien und Indien. Erst einige Jahre später erkannte er, dass diese Übersiedlung nach Jerusalem einen neuen Lebensabschnitt bedeutete.
Seine Erlebnisse auf Reisen lösten in ihm ein starkes Interesse für den Islam aus. Er setzte den Islam der seelenlosen und entfremdeten, materialistisch orientierten Gesellschaft Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts entgegen. Die islamische Welt war für ihn in zahlreichen Aspekten des Lebens ein Bindeglied zum G’ttlichen geblieben.
„Leopold of Arabia“. 1926 konvertierte er bei einem Aufenthalt in Berlin zum sunnitisch geprägten Islam und nahm den Namen Muhammad Asad an („Asad“ bedeutet im Arabischen „Löwe“ und war Symbol seiner Herkunft aus Lemberg). 1927 brach er zu seiner ersten Pilgerreise nach Mekka auf. Trotz seiner Konversion blieb er lebenslang ein Agnostiker und konnte nicht akzeptieren, dass G’tt durch Offenbarung zur Menschheit sprach und sie leitete.
„Unsere Herzen wissen, auch wenn unsere
Gedanken manchmal länger brauchen, um zu folgen […].“
Muhammad Asad, 1954
Auf seiner Pilgerreise nach Mekka, auf die ihn seine Frau Elsa und sein Stiefsohn begleiteten, ereilte ihn ein großer Schicksalsschlag. Seine Frau starb plötzlich an Malaria, und Leopold Weiss sah nach ihrem Tod keinen Grund mehr, nach Europa zurückzukehren.
Asad blieb fast sechs Jahre in Saudi-Arabien und schrieb bis 1934 Essays für die Neue Zürcher Zeitung. Er traf König Ibn Saud, der ihn beinahe täglich zu seinen Audienzen einlud. Saudi-Arabien stand vor großen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, und Muhammad Asad wurde als wertvoller Berater angesehen. Es gibt auch Vermutungen, dass er für den König Informationen sammelte, was ihm in der Zeitung Haaretz den Namen „Leopold of Arabia“ einbrachte.
1932 verließ Muhammad Asad-Saudi- Arabien und reiste nach Britisch-Indien, wo er bedeutende Dichter, Philosophen und Denker traf. Bald erkannten sie seine Fähigkeiten, und er wurde gebeten, bei der Gründung des späteren Pakistan mitzuwirken. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden die Eltern von Leopold Weiss verhaftet und von den Nazionalsozialisten ermordet. Er selbst wurde 1939, einen Tag nach Kriegsausbruch, in Lahore von den Briten als feindlicher Ausländer festgenommen und bis zum Kriegsende 1945 interniert. Dies geschah, obwohl Asad nach der Annexion Österreichs 1938 die deutsche Staatsangehörigkeit abgelehnt und auf seiner österreichischen Staatsbürgerschaft bestanden hatte. Seine zweite Frau Munira und sein Sohn Talal fanden in der Zeit seiner Inhaftierung auf einem Anwesen eines indischen Millionärs Schutz. Talal Asad erhielt später den Lehrstuhl für Anthropologie an der City University of New York. Wie sein Vater konzentrierte sich sein Interesse auf die Studien des Nahen Ostens. Er erlangte Bekanntheit durch seine Texte, in denen er eine Anthropologie des Säkularismus verlangte.

1947 erhielt Asad die pakistanische Staatsbürgerschaft und bekleidete später neben diplomatischen Positionen auch die des pakistanischen Gesandten bei den Vereinten Nationen – ein Amt, das er 1952 aufgab, um seine Autobiografie Der Weg nach Mekka zu schreiben. Als er sich jedoch von seiner Frau Munira scheiden ließ und die zum Islam konvertierte polnisch-christliche Amerikanerin Pola heiratete, wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und musste Pakistan verlassen.
„Echter Fortschritt ist nur durch eine
Bandbreite an Meinungen möglich.“
Muhammad Asad, 1961
Leopold Weiss begann nun, zu reisen und Bücher zu schreiben. Er lebte und arbeitete auf vier Kontinenten, studierte jüdische, europäische und islamische Kulturen und sprach neben den Sprachen, die er in seiner Jugend lernte, zusätzlich Englisch, Französisch, Farsi, Arabisch und einige Beduinen-Dialekte. Für ihn stellte der Islam eine Möglichkeit dar, die sich von Faschismus und Kommunismus abhebt. Seine Sichtweise entwickelte sich zu einem umfassenden Weltbild, das sich absichtlich von europäischen Lebensweisen distanzierte. Im Islam erkannte Asad ein Glaubenssystem und eine handlungsorientierte Anleitung für den Alltag, die in einem harmonischen Gleichgewicht stand. Seine Forschungen zur islamischen Geschichte führten ihn zu dem festen Glauben, dass der Islam als spirituelles und gesellschaftliches Phänomen die bedeutendste Kraft darstellt, die die Menschheit jemals erfahren hat.
In Asads Autobiografie erwähnt er bezüglich seiner Konversion, dass es keinen bestimmten Grund oder ein bestimmtes Ereignis dafür gab, sondern auch unbewusste, schwer erklärbare Faktoren eine Rolle gespielt haben.
Trotz dieser Ideale und all der Inspiration, die er auf seinen Reisen durch muslimische Länder erhalten hatte, war sich Asad der Mängel bewusst, die sich in die äußere Erscheinungsform des Glaubens eingeschlichen hatten. Ihm entging nicht, dass der Islam durch seine Repräsentanten verändert wurde. Aber es waren individuelle Begegnungen, die Asad dazu brachten, den Ursprung einer „freien Menschlichkeit“ zu verstehen.
Viele Jahre seines Lebens verbrachte Asad damit, über die Bedeutung des Koran nachzudenken, und wollte eine neue englische Übersetzung verfassen, die auch Kommentare in der Tradition der großen muslimischen Denker enthalten sollte. Asad lebte während seiner Übersetzungstätigkeiten bis 1964 in der Schweiz, bevor er nach Marokko und Portugal zog. Mehr als zwei Jahrzehnte widmete er sich seinem Hauptwerk. Im Alter von 80 Jahren vollendete Muhammad Asad das 1.000-seitige Buch Die Botschaft des Korans (The Message of the Qur’an, 1980).

Seine herausragende Übertragung ist die einzige, die in zahlreiche andere Sprachen übersetzt wurde und Weltruhm erlangte. Muhammad Asad beherrschte das traditionelle Arabisch und die Dialekte der Beduinen, was für die Übersetzung entscheidend war. Die kulturellen Bräuche der Nomaden hatten sich seit der Gründung des Islam nicht verändert. Asads sprachliche Verbindung macht die Übersetzung so einzigartig.
Rückzug und letzte Jahre. Gegen Ende seines Lebens zog Muhammad Asad 1987 nach Spanien und lebte dort mit seiner dritten Frau, Pola, bis zu seinem Tod. Er starb am 20. Februar 1992 im Alter von 91 Jahren und wurde auf dem muslimischen Friedhof von Granada in der Provinz Andalusien begraben.
Im Jahr 2007 wurde der Platz vor dem Gate 1 der UNO City in Wien nach Muhammad Asad benannt. Fünf Jahre später gab die pakistanische Post eine Marke zu seinen Ehren heraus. In seiner Geburtsstadt Lemberg, das heute Lviv heißt, wurde 2015 ein Islamisches Zentrum eröffnet, das ebenfalls seinen Namen trägt.
Leopold Weiss/Muhammad Asad war ein Weltenmensch, der eine visionäre Vorstellung für ein gesellschaftliches Reformprojekt hatte, das von religiöser Inspiration durchzogen war. Die Zeitgeschichte hat diese Vision jedoch widerlegt.






















