„O Tempora, o mores“ prangt auf der Glocke, die vom Felbermayr- Kran vor dem österreichischen Pavillon hängt; und Cicero als Leitmotiv mit humanistischem Augenzwinkern. Ergänzend wird die christliche Ikonografie auf dem tönenden Bronzeobjekt feministisch umgedeutet: Eine Frau in Jesus-Pose, umgeben von Frauen an der langen Tafel; geballte Frauenpower, Kulturarbeiterinnen beim Abendmahl. Das gibt die Lesart vor. Was folgt, ist der Eröffnungsreigen im Regen; Vogelzwitschern, Jasminduft liegt in der Luft, die Menschenmenge versinkt im Meer der Parapluies. Die Wasserfront vom Himmel kommt und geht, Schirme werden in rhythmischen Wellenbewegungen aufgespannt und wieder geschlossen, nehmen sie doch die freie Sicht auf das Spektakel. Die Performerin Florentina Holzinger und ihre Schwestern der Bewegung sind gestärkt, hochtrainiert und hochmotiviert. Sie wechseln ihre Einsatzpositionen, tauchen ein in den Ozean der Zeichen. Mal geben sie den verkehrt hängenden menschlichen Klöppel in der Glocke vor dem Pavillon à la Flatz, um wenig später im Wasserbecken mit Jetski, dem Hochmast der Akrobatik, der Tauchvitrine der Entschleunigung und Kontemplation oder dem Kläranlagensetting im Pavillon aufzutauchen. Was sich vor unseren Augen entfaltet, sind poetische Choreografien des Dystopischen, ein lustvoll-intensives Performance-Purgatorium, das nichts weniger verhandeln will als aus dem Lot geratene Gegenwart.
„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie
abends / wir trinken sie mittags und morgens
wir trinken sie nachts.“
Paul Celan (Todesfuge)
Es dröhnt der Motor des Wasserfahrzeugs, mit dem eine der Performerinnen ihre Runden durch das Becken im Inneren des Hoffmann’schen Nationalpavillons zieht. Abgase hängen in der Atemluft. Besucher:innen sind zur Harnspende in mobilen Toiletten eingeladen, das geklärte Wasser wird, so die Narration, unmittelbar der Aktion zugeführt. Es wird gepinkelt, gespritzt, geklettert, geposed. Nackte Frauen winden sich neben lebensgroßen Skulpturen bis zum Ende der Fahnenstange auf allen Ebenen und in alle Windrichtungen – alles auf dem doppelten Boden des Symbolikpfuhls; Wummern und Wimmern. Ein bewegender Abgesang, der international für Furore sorgt und im Inland erwartungsgemäß polarisiert, politisch-kulturelle Ressentiments, stereotype Boulevarderregung und reflexartige (Online-Kommentar)-Schimpfkanonaden auslöst, wie sie das Land seit Thomas Bernhards Heldenplatz-Premiere und Schlingensiefs Container-Aktion nicht mehr erlebt hat.
Im Rahmen der internationalen „Olympiade der Kunst“ – „Mehr als 90 Länder treten gegeneinander an“, titelt Der Spiegel – belegt, so viel lässt sich sagen, Österreich mit diesem Performance-Themenpark die Spitzenposition: Die meiste mediale Aufmerksamkeit, das größte Polarisierungspotenzial, die längste Warteschlange! („Die Schlange vorm Österreichpavillon reicht jetzt bis Rumänien. – Das gab’s noch nie!“, ruft uns eine Besucherin stolz zu.) Wasser ist auch im israelischen (Ausweich-)Pavillon im Arsenale prägendes Motiv, wenngleich hier deutlich leisere Töne angeschlagen werden. Im Hauptraum hat der rumänisch- israelische Konzeptkünstler Belu-Simion Fainaru ein flaches Becken mit dunklem Wasser gefüllt; spiegelglatt, tintenhaft. Von Zeit zu Zeit wird ein darüber installiertes Sprinklersystem aktiv, die Düsen versprühen Wasser, erinnern an eine Bewässerungsanlage in der Wüste, wecken aber auch Assoziationen zu Gaskammern. Das Wasser fällt auf die Oberfläche, kräuselnd bilden sich konzentrische Kreise; der Klang der Tropfen prägt die akustische Wahrnehmung.
Die Installation Rose of Nothingness lädt zum Innehalten und Verweilen ein, zum Wirken-Lassen und Reflektieren von Rhythmen der Natur, von Präsenz und Absenz, vom Vergehen der Zeit, von Leben und Tod.
Im Vorraum liegt eine schwarze Rose, eingefroren in einem Eisblock, in einer geöffneten Liebherr-Tiefkühltruhe. Eine Wanduhr läuft rückwärts. Erde aus Jerusalem füllt die Tasche auf einem Stück Stoff. Der Künstler, der bereits 1993 Israel bei der Biennale vertreten hat, erläutert, gekleidet in Schwarz, sein Werk, in dem er sich auf jüdische Mystik und auf Paul Celans Todesfuge als Inspiration bezieht. Wir sind kaum mehr als zwei Dutzend Menschen; gespannte Ruhe. Der Lärm der Welt dringt durch die geöffnete Türe; Kontroversen, Kriege, Katastrophen wirken ins Innere. Vorbei an der Mesusa am Eingang des Pavillons treten wir wieder ins Freie, geblendet von grellem Sonnenlicht.





















