Auf der Suche nach gelebten Utopien

Dank der Initiative und des Einsatzes des ungarischen Pastors Gábor Sztehlo wurden während des Zweiten Weltkrieges mehr als 2.000 Menschen vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet. Im Gespräch mit WINA erzählt die Wiener Künstlerin Tanja Witzmann über ihr aktuelles Projekt, das sich mit Sztehlos humanistischer Vision einer „Stadt der Freude“ beschäftigt.

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Andor Andrási kam 1945 zu Gaudiopolis, wo er bis 1949 blieb. „Ich bin zu der sozialen, geselligen Person geworden, die ich heute bin“, sagt der 1933 in Budapest geborene Mitbegründer der Gábor Sztehlo Foundation. © Verein Am Grund/ Daniel Wolf

WINA: Wie bist du auf die Stadt der Freude gestoßen, die der lutherische Pastor Gábor Sztehlo 1945 ins Leben gerufen hat?

Tanja Witzmann: Eigentlich durch Zufall. Im Herbst 2016 gab es einen Artikel darüber im Zeitmagazin, und nachdem ich diesen gelesen habe, wusste ich: Darüber will ich ein Projekt machen. Ich habe sofort den Autor des Artikels angeschrieben, und er hat mir den Kontakt von Andor Andrási gegeben. So hat die Arbeit an diesem Projekt begonnen.

Mit Gaudiopolis, das 1950 beendet werden musste, wurde der Versuch gestartet, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen eine selbstverwaltete demokratische Kinder- und Jugendrepublik zu gestalten. Wie sah dessen Vorgeschichte aus?
Gábor Sztehlo hat zwischen März 1944, als die Deutschen in Ungarn einmarschiert sind, und dem Ende der Schlacht um Budapest im Februar 1945 durch den Einmarsch der Roten Armee ca. 2.000 Menschen, davon ca. 1.500 Kinder und Jugendliche und 500 Betreuungspersonen, die vom nationalsozialistischen Regime als Jüd*innen bzw. Halbjüd*innen verfolgt wurden, gerettet, indem er mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes und des Gute-Hirten-Komitees 32 Kinderheime in Budapest gegründet hat. Wobei man sich das nicht wie richtige Heime vorstellen muss – es waren vielfach einfache Wohnungen, in denen die Kinder Schutz vor der Verfolgung gefunden haben. Davor war Sztehlo in der Jugendarbeit am Land tätig gewesen, wo es ihm bereits ein zentrales Anliegen war, die Landjugend zu bilden. Den Gedanken, Kinder und Jugendliche zu autonomen, selbstbestimmten und humanistisch geprägten Individuen zu bilden, hatte er durch seine einjährige Erfahrungen in Finnland kennen gelernt und weiterentwickelt.

1945 wird Gaudiopolis gegründet. Wie hat sich das konkret abgespielt?
Bei der Belagerung Budapests mussten die Heime evakuiert bzw. aufgelöst werden. Die Kinder, Jugendlichen und Betreuer*innen kamen in mehreren Luftschutzkellern unter. Und hier, in einem dieser Keller, soll auch die Idee zu Gaudiopolis geboren und ein erster Entwurf ausgearbeitet worden sein. Dank der im Exil lebenden jüdischen Industriellenfamilie Weiss wurden Sztehlo sofort nach Kriegsende sechs Villen entlang der Budakeszi ut. im Stadtteil Buda zur Verfügung gestellt. Jede Villa war für eine gewisse Altersgruppe ausgerichtet und hatte einen eigenen Namen. Die „Wolfshöhle“ war das Haus die für die größeren Burschen – das eigentliche „Gaudiopolis“.

Für die kleineren Kinder waren es schlichtweg Heime, das darf man nicht zu sehr idealisieren. Diese kleineren Kinder waren auch zum Großteil schwer traumatisiert.

200 der 2.000 geretteten Menschen kamen in Gaudiopolis unter. Was ist mit den anderen geschehen?
Genaue Angaben fehlen hier bis heute. Von den Zeitzeug*innen, die wir interviewt haben, gibt es Erinnerungen, dass einige Kinder von den überlebenden Eltern bzw. Elternteilen wieder abgeholt wurden. Andere sind ihren Verwandten ins Exil gefolgt; ältere Jugendliche und Erwachsene sind wohl auch einfach unbetreut in das kriegszerstörte Budapest entlassen worden. Im Falle der 1937 geborenen Wiener Jüdin Greta Elbogen war es so, dass ihre Mutter dank der Hilfe von Raoul Wallenberg und Carl Lutz mit einem Schutzpass zwar versteckt in Budapest überlebt hatte, aber so traumatisiert war, dass sie ihre drei Kinder eine Zeit lang nicht selbst versorgen konnte und Greta zwei Jahre in einem jüdischen Kinderheim lebte.

»Ich habe sehr viel über mich
und für das Leben gelernt. Eine Art
Grundeinstellung und Sicht auf die Dinge.«
Andor Andrási

Gab es historische Vorbilder für Gaudiopolis?
Eine Geschichte, die uns erzählt wurde, ist die, dass ein paar Jugendliche Boys Town (dt. Teufelskerle) aus dem Jahr 1938 gesehen hatten. In diesem auf einer realen Geschichte basierenden Film geht es um einen irischen katholischen Pfarrer, Father Edward J. Flanagan, der mit einer Gruppe unterprivilegierter, elternloser, kriminell gewordener Jugendlicher in Omaha, USA, eine „Stadt der Buben“ gründet. Flanagan lebte noch, als Gaudiopolis gegründet wurde, und starb 1948 in Berlin während einer Reise durch Österreich und Deutschland, bei der er seine Erfahrungen im Nachkriegseuropa einbrachte. Dieser Film – mit Spencer Tracy als Pfarrer und Mickey Rooney als einer der Buben – hatte großen Eindruck auf die Jugendlichen gemacht.

Ein anderes historisches Vorbild war der 1888 geborene russische Pädagoge Anton Semjonowitsch Makarenko, der zwar vom Stalinismus vereinnahmt wurde, aber auch international viel rezipierte Werke zum Thema verfasst und u. a. ein Arbeitsheim für straffällig gewordene Jugendliche aufgebaut hatte, das er später zu Ehren seines großen Vorbildes „Gorki-Kolonie“ nannte.

»Gábor Sztehlo hatte eine von innen
kommende natürliche Menschenliebe.
Ich sage einfach: Er war ein guter Mensch.«
Nóra Elöd

Ein weiteres ebenfalls russisches Vorbild war der autobiografische Erziehungsroman Republik der Strolche von Leonid Pantelejew und Grigorij Georgijewitsch Belych aus dem Jahr 1927 (den Makarenko übrigens aufgrund der kritischen Darstellungen der Lehrer und Erzieher scharf ablehnte), ein Buch, das über Jahrzehnte immer wieder neu aufgelegt wurde.

Gab es auch Material, das sich direkt mit Sztehlo befasste?
Andor Andrási hatte mir erzählt, dass es von Gábor Sztehlo ein Buch gibt, In the Hands of God, das von der von Andrási und anderen einstigen „Sztehlo-Kindern“ gegründeten Gábor Sztehlo Foundation herausgegeben worden war. Mit diesen Aufzeichnungen über die Ereignisse 1944/45, die die Bibliothek des Christlich-Jüdischen Informationszentrums im zweiten Bezirk speziell für mich organisierte, haben meine Recherchen begonnen. Im März 2017 habe ich dann erfahren, dass es eine Ausstellung über Gaudiopolis während der Off-Biennale in Budapest geben wird, die ich dann im Herbst besucht habe und in Budapest eine Reihe von Zeitzeug*innen interviewen konnte.

Nóra Előd wurde 1936 als zweite Tochter assimilierter Budapester Juden geboren. Sie und ihre Schwester Kati gehörten zu den geretteten jüdischen „Sztehlo-Kindern“. © Verein Am Grund/ Daniel Wolf

Eine weitere Quelle war für uns der Spielfilm Irgendwo in Europa von Géza von Radványi aus dem Jahr 1946/47, der die Situation heimatlos gewordener Kriegswaisen in einem zerstörten Europa behandelt. Dieser Film, an dem auch Kinder aus den ehemaligen Sztehlo-Heimen mitspielten und der vermutlich sehr stark auf deren Geschichten basiert, zählte dank seiner deutlichen humanistischen Botschaft von Völkerfrieden und -verständigung zu den bedeutendsten ersten Nachkriegsproduktionen in Europa.

Und dann, schon fast gegen Ende unserer Recherchen, kamen wir durch einen unglaublichen Zufall darauf, dass auch Rudolf Schönwald (*1928), den unsere Ausstatterin Renate Vogg seit 20 Jahren kennt, ein „Sztehlo-Kind“ war. Eines Tages erzählte sie dem Rudi von unserem Projekt und fragt ihn, ob er je von Gábor Sztehlo gehört hat. Und Rudi antwortete: „Ja, natürlich. Der hat mein Leben gerettet.“ Rudi hat eine unglaubliche Überlebensgeschichte.

Ihr habt viele Zeitzeug*innen interviewt. Gibt es Unterschiede, wie aus der historischen Dis-tanz auf diesen großen Gesellschaftsentwurf zurückgeblickt wird?
 Die Erinnerungen der Zeitzeug*innen sind sehr unterschiedlich. Eine hat uns zum Beispiel erzählt, dass die Mädchen damals andere Interessen hatten und lieber für die Schule gelernt haben und dass Gaudiopolis vor allem ein Projekt war, um die jungen Burschen zu beschäftigen – eine Tatsache, die auch Sztehlo selbst in seinem Tagebuch festgehalten hat. Vor allem für die 12- bis 16-jährigen Buben war diese „Stadt der Freude“ ein Segen; sie konnten ihre Bedürfnissen frei artikulieren, konnten sich einbringen. Für die Betreuer*innen war das eine enorme Erleichterung, da so viele Konflikte eigenständig und demokratisch gelöst werden konnten. Tatsächlich fällt auf, dass viel mehr Buben als Mädchen Teil des Projektes waren und dass auch die größeren Mädchen der „Mädchenburg“ meist nur zu den Abstimmungen in die 30 Gehminuten entfernte „Wolfshöhle“ kamen. Was uns im Zuge der Recherchen insgesamt aufgefallen ist, ist, dass es einfach eine sehr brüchige Geschichte ist, eine Geschichte, die man nicht stringent erzählen kann. Was sich aber bei allen findet und weit über die Erfahrung mit Gaudiopolis hinausgeht, die ja nicht alle geretteten Kinder teilen, ist die unglaubliche Dankbarkeit und Liebe zu Gábor Sztehlo. Und was alle verbindet, die in Gaudiopolis waren, ist, dass diese Erfahrung für ihr weiteres Leben entscheidend war: dieses Gefühl der Selbstermächtigung. In der Lage zu sein, Dinge zu lösen und vor allem in der Gemeinschaft zu lösen. Das war für ihr Leben bestimmend.

Aus dieser Dankbarkeit der vor dem NS-Regime geretteten Kinder ging später auch die von ihnen ins Leben gerufene Gábor Sztehlo Founda­tion hervor. Wann war das?
Das war in den Achtzigerjahren. Damals hat die ungarische Filmregisseurin Erika Szántó den TV-Film Gaudiopolis ‒ In memoriam Sztehlo Gábor gestaltet, in dessen Vorfeld sie Zeitzeug*innen interviewt und viele von ihnen zum ersten Mal wieder zusammengebracht hatte. Unter den Jüngeren waren sich einige bis dahin nicht einmal bewusst gewesen, dass sie von Sztehlo vor der Ermordung gerettet worden waren, weil sie zu klein gewesen waren, um die Zusammenhänge zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit Gaudiopolis hat also im Grunde erst über 30 Jahre nach dem Ende des Projekts begonnen. Und das war dann auch der Impuls für eine Reihe der einstigen „Sztehlo-Kinder“, eine Stiftung zur Ehren Gábor Sztehlos zu gründen. Der Film selbst ist sehr gut, existiert aber leider bis heute nur auf Ungarisch.

Ihr habt aus dem recherchierten Material einen Museumsparcours gestaltet, der vor wenigen Wochen erstmals in Wien gezeigt wurde. Wie bist du an die Entwicklung dieses Rundgangs gegangen?
Das zentrale textliche Material dafür bilden die von uns im Herbst 2017 in Budapest geführten Interviews. Einen Zeitzeugen, der seit 1956 in Steyr in Österreich lebt, István Magyary-Kossa (*1932), hatte ich schon davor interviewt. Mit Greta Elbogen, die heute in New York lebt, haben wir ein telefonisches Erstinterview geführt. Und dann war ich schließlich privat in Israel, wo ich im Kibbuz Dalia den 1931 als Tamás Perlusz in Budapest geborenen David Peleg kennen lernen durfte. Davids Mutter hatte das Konzentrationslager zwar überlebt, starb jedoch wenige Jahre später an den gesundheitlichen Folgen ihrer Gefangenschaft. Wie auch Greta war er nach Kriegsende nicht mehr in Gaudiopolis.

»Es war für mich sehr wichtig, dass Gábor Sztehlo
durch Yad Vashem ausgezeichnet wurde.
Dadurch konnte ich meinen unendlichen
Dank ausdrücken.«
David Peleg

Aber mir war und ist es immer wichtiger geworden, beide Geschichten zu erzählen: die der Stadt der Freude und die aller „Sztehlo-Kinder“. Denn erst in dieser Komplexität wird die enorme Dimension dieses historischen Projektes erst richtig deutlich. Ohne diese Vorgeschichte hätte es Gaudiopolis auch nicht gegeben. Die große Leistung, das zutiefst Berührende daran ist: im Luftschutzkeller eine Vision für die Zukunft zu kreieren. Diese jungen Menschen gehen hin und haben noch die Kraft, trotz Hunger und Angst eine Vision zu entwickeln.

Wie ist daraus euer Theaterstück entstanden?
Der Text wurde größtenteils von mir und dem Autor Thomas Perle aufgrund von Improvisationen mit den jungen Performer*innen des diverCITYLAB geschrieben. Thomas ist rumänischer Herkunft, kann aber auch Ungarisch, was uns bei den Rerchechen sehr geholfen hat. Vor allem die fünf kleineren Einzelszenen während des Parcours basieren direkt auf den Interviews, etwa die Szene zwischen dem Geschwisterpaar Nora und Kati ElŐd, die fast ausschließlich aus den O-Tönen der beiden entstanden ist, und auch die Szene zwischen Lászlo Kévehazi (*1928, Budapest) und Andor Andrási. Die in Budapest geborene österreichische Dramaturgin Lídia Luca Pályi hat uns künstlerisch begleitet und alle Bücher, Filme und Interviews übersetzt.

David Peleg im Gespräch mit Tanja Witzmann, Israel 2017. 1931 als Tamás Perlusz
in Budapest geboren, ging David 1949 mit der zionistischen Jugendbewegung
nach Israel, wo er den Kibbuz Dalia mit aufbaute, in dem er heute noch lebt. © Verein Am Grund/ Daniel Wolf

Wie kann man sich den so entstandenen „performativen Museumsrundgang“ genau vorstellen?
Im ersten Teil wird das Publikum in die Geschichte von Gábor Sztehlo und der geretteten Kinder ab 1944 eingeführt. Wir enden hier auch wirklich mit der Szene im Keller, wo die Kinder das konkrete Konzept für ihre Stadt der Freude entwickeln. Von da an wird das Publikum geteilt und in kleinen Gruppen an verschiedene Orte gebracht, an denen man fünf Szenen sieht, in denen Einzelschicksale von Sztehlo-Kindern näher beleuchtet werden. Am Ende kommen alle wieder zusammen und erleben im Garten des Museums die „Gründung“ von Gaudiopolis, oder eigentlich die Ministerpräsident*innenwahl, bei der alle zur aktiven Teilnahme eingeladen werden.

Wie kam es zur Entscheidung, das Projekt in einem Museum zu präsentieren und mit Studierenden der diverCITYLAB-Akademie zu arbeiten?
Eigentlich wollte ich dafür eine Villa bespielen, aber leider hat sich die Suche nach einem passenden Ort in Wien als ergebnislos erwiesen, und so haben wir uns sehr gefreut, dass das Volkskundemuseum Interesse an unserer Arbeit gefunden hat und nun einer unserer Projektpartner*innen und erster Veranstaltungsort geworden ist.
Die Arbeit mit dem jungen multinationalen Ensemble von diverCITYLAB ist für mich wie ein Spiegel unserer Zeit, und es war eine große Bereicherung, mit den Studierenden zu arbeiten.

Für die jungen Schauspieler*innen waren auch der Besuch und das Gespräch mit Rudi Schönwald sehr wichtig, der vieles, was wir in diese Arbeit hineingepackt haben, auch bestätigt hat. Rudi ist Ende Juni 90 Jahre alt geworden und lebt in Wien, und es war für uns alle eine große Freude, dass er und viele andere unserer internationalen Interviewpartner*innen zur Premiere gekommen sind.

Plant ihr eine Fortsetzung des Projektes, etwa die Einladung der aktuell in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig gezeigten Ausstellung, eine Wiederaufnahme des Stückes im Herbst oder ein Buchprojekt mit den Interviews?
Die Wahrheit ist, dass ich für diese Schritte Unterstützung – personell wie finanziell – bräuchte, Institutionen, die daran interessiert sind, das Stück aufzuführen, oder auch einen Verlag. Aber natürlich wäre es für alle Beteiligten wichtig, Gaudiopolis weiter in die Welt zu tragen.

gaudiopolis.at


Tanja Witzmann (*1972) studierte Theaterwissenschaft und absolvierte ihre Theaterausbildung in Dänemark; seit 1997 arbeitet sie als Regisseurin, Autorin, Performerin, Kostüm- und Bühnenbildnerin in Wien und international; mit dem von ihr gegründeten freien Ensemble Auf Grund arbeitet sie seit über zehn Jahren vor allem an zeitgenössischen, oft multimedialen, komplexen Stückentwicklungen zu aktuellen Themen wie Demokratie, Arbeit, Gemeinwohlökononmie oder Geschlechterutopien. Ihre Arbeiten wurden u. a. am KosmosTheater Wien, Dschungel Wien und dramagraz gezeigt. Tanja Witzmann lebt und arbeitet in Wien.

 

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