Der Schrei des Mauerblümchens

Ayelet Gundar-Goshens postfaktischer Roman Lügnerin als israelischer Beitrag zur globalen Sexismus-Debatte.

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Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin. Aus dem Hebräischen von Helene Seidler. Kein & Aber 2017, 336 S., € 24,70

Hat er oder hat er nicht? Der Schrei eines Mädchens kann einen Mann vernichten, das vermeintliche Opfer ins Rampenlicht und eine ganzes Land in Hysterie versetzen. Was wir tagtäglich faktisch erfahren müssen, Ayelet Gundar-Goshen hat es in eine postfaktische Geschichte gegossen, die zwar in Tel Aviv spielt, aber in fast jeder anderen Stadt denkbar wäre.

Nichts an Nuphar ist außergewöhnlich. Sie wächst im Schatten ihrer schöneren Schwester heran, und ihre Mitschüler nehmen sie so wenig wahr wie die Kunden der Eisdiele, in der die 17-Jährige einen heißen Sommer über jobbt. Am Ende der Ferien wird sie noch immer nichts erlebt haben. Doch als ein frustrierter alternder Schlagerstar, der ungeduldig auf ihre Bedienung wartet, sie verbal attackiert und demütigt, wird es der beleidigten Seele zu viel. Nuphar rennt heulend aus dem Lokal, Avischai Milner, der sich um sein Wechselgeld betrogen glaubt, verfolgt sie und packt sie am Arm. Ihr schrilles Schreien, als sexuelle Belästigung interpretiert, alarmiert die Umgebung, und von da an ändert sich jäh Nuphars Leben. Der allzu unscheinbare Teenager erblüht im Rampenlicht der Medien und im Mitgefühl der ganzen Nation sogar zu einer Schönheit. Ein Junge, der Zeuge ihrer unschuldigen Schuld wird, erpresst sie, aber verliebt sich auch in sie, und ihre Mutter, die ihr auf die Schliche kommt, zögert sehr, ihre Tochter zum Geständnis der Wahrheit zu zwingen. Denn da ist schon zu viel geschehen und der mutmaßliche Vergewaltiger hinter Gittern.
„Schriftsteller haben die Lizenz zu lügen“, sagt die Autorin und fragt sich, warum gerade die Lüge so verurteilt wird, wo doch alle Menschen lügen und schon als Kinder damit beginnen. Als Psychologin, die Ayelet Gundar-Goshen von ihrer Ausbildung her ist, interessiert sie weniger die Lüge selbst als „die Wahrheit, die man zu verbergen sucht“.

»Schriftsteller haben die Lizenz zu lügen.«
Ayelet Gundar-Goshen

Heikle Themen. Quasi zum Beweis führt sie noch eine zweite Lügnerin vor: eine alte Dame, die sich die Holocaust-Überlebensgeschichte ihrer verstorbenen Freundin aneignet und so als angebliche Zeitzeugin mit einer Schulklasse nach Auschwitz reist. Derartige Schülerreisen werden in Israel viel diskutiert und sind als Thema ebenso heikel wie der nationale Gründungsmythos des heroischen Unabhängigkeitskrieges, und auch da scheut sich die Autorin nicht, eine Heldengeschichte als Fiktion zu entlarven. Denn Lügen, so könnte man aus den episodischen Fallgeschichten des Romans schließen, können süß, die Wahrheit hingegen kann bitter sein. Wie schon davor in Löwen wecken ertappt sich der Leser zuweilen dabei, auf der moralisch falschen Seite zu stehen, d. h. zu hoffen, Nuphar möge mit ihrer Lüge durchkommen, und welche Gerechtigkeit da siegen soll, bleibt ebenso vage wie die Frage, wer hier eigentlich Täter und wer Opfer ist.
In Zeiten der Fake News und der #metoo-Hysterien scheint Ayelet Gundar-Goshen wiederum auf einen globalen Nerv gezielt zu haben, den sie in ihrer Heimatstadt lokal verortet. Ihr Tel Aviv ist heiß und sinnlich, und sogar Lügen haben da lange Beine. Und dennoch kann diese ganz spezielle Coming-of-age-Story eines Mauerblümchens die Erwartungen nicht erfüllen, welche die Autorin mit ihren beiden ersten Büchern geweckt hat.

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