„Nur die Spitze des Eisbergs“

In ihrem neuen Band Das kann immer noch in Wien passieren versammelt Ruth Wodak judenfeindliche Erfahrungen als „Alltagsgeschichten“.

599

Rückblickend mögen einem viele fast harmlos erscheinen. Antisemitische Erlebnisse aus dem Wien der Nachkriegszeit bis in die nahe Gegenwart. Bis zum 7. Oktober 2023, der auch für in Wien lebende Jüdinnen und Juden eine tragische Zeitenwende bedeutet.

2001 hat die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak, Tochter aus Wien emigrierter und nach dem Krieg zurückgekehrter Eltern, aus den Erzählungen judenfeindlicher Alltagserfahrungen, die ihr im weiteren Freundeskreis zugetragen wurden, ein Buch gemacht: Das kann einem nur in Wien passieren.

22 Jahre und etliche Krisen später hat sich die Welt rundherum verändert, nur in Wien schien vieles beim Alten, sprich auch beim alten Antisemitismus wienerischer Prägung geblieben zu sein. Als Linguistin beobachtet Ruth Wodak diese oft nur minimalen Signale genau. Sie versteht es auch, zwischen den Zeilen zu lesen. Und als geborene Wienerin weiß sie „scheinbar unbedeutende verbale Ausgrenzungen“ als das zu deuten, was sie sind, nämlich „nur die Spitze des Eisbergs“. Gelernte Hiesige verstehen allzu genau den Subtext, die Codes, die sich unter und hinter scheinbar leicht hin gesagten Wendungen verbergen, oft sogar den Sprechenden im Schock der unerwarteten Begegnung mit Jüdinnen und Juden fast ungewollt einfach „rausrutschen“. Rausrutschen kann letztlich aber nur, was drinnen war.

Prominente Beiträger:innen. Mit diesem Hintergrund liest man die Texte im nunmehr neuen Band, den Wodak jetzt unter dem Titel Das kann immer noch in Wien passieren herausgebracht hat, oft wie eine Bestätigung eigener Erfahrungen.

Rausrutschen kann aber letztlich nur,
was drinnen war.

So zum Beispiel, wenn Konrad Rennert über das Aufwachsen ohne Großeltern oder nähere Verwandte berichtet, eine Leerstelle, die viele dieser Generation von Nachgeborenen schmerzlich gespürt haben, oder das „schwarze Loch“ des Schweigens in den Familien. Manche der älteren Beiträger, wie zum Beispiel Erich Loewy oder Karl Pfeiffer, die zum Teil bereits verstorben sind, wissen von der nicht vorhandenen Willkommenskultur zu erzählen, dem kalten Wind, der ihnen als „Heimkehrer“ oder nur bei Besuchen in der Geburtsstadt entgegenschlug, aber auch von ihrem nie versiegenden Heimweh nach „Wien, Wien nur du allein“, das sich, wie etwa Carl Djerassi erlebte, gar nicht verändert hatte.

Peter Weinberger berichtet von seinen Erlebnissen als „Zeitzeuge“, aber auch von den Schwierigkeiten der Restitution arisierten Besitzes.

Davon kann Sophie Lillie, Kunsthistorikerin und anerkannte Expertin zum Thema Kunstraub und Restitution, auch persönliche Erfahrungen mit den einschlägigen Gremien beisteuern.

Für den aus Ungarn stammenden Mediziner András Mádai waren „die Begegnungen mit Wiener Professoren“ und deren völlig unverhüllter Antisemitismus noch Mitte der 1990er-Jahre ein Schockerlebnis.

Dass sich von der Nachkriegszeit bis heute zumindest auch in Teilen der österreichischen Justiz eine „Kontinuität“ zeigt, kann Oscar Bronner an einem von Antisemitismen geprägten Justizskandal der 50er-Jahre nachweisen, dem Fall von Gerszon Kupferblum, dessen Rehabilitierung immer noch aussteht.

Anders als manche eher anekdotische Beiträge des Bandes analysiert Peter Schwarz protokollartig an einigen signifikanten Beispielen, wie der „straff gespannte, schmerzende Spagat der ÖVP zwischen Kampf gegen Antisemitismus und von (Macht-)Interessen gesteuertem Opportunismus“ in der österreichischen Innenpolitik von 2000 bis heute zu beobachten ist.

Mehr oder minder literarisch, humorvoll, wehmütig, episodisch oder dokumentarisch, eher historisch oder ganz aktuell weisen doch alle Geschichten des Bandes auf eine Konstante hin: Judenfeindliche Ressentiments aller Schattierungen und Abstufungen gehören im schönen Wien noch immer zur Tradition, zur Mentalitätsgeschichte. Der „Judeus ex machina“, wie Ruth Wodak die Strategie bezeichnet, in Krisensituationen auf den „bewährten Sündenbock“ zurückzugreifen, hat zurzeit allerdings leider nicht nur hierzulande Konjunktur.


Siehe auch : „Plötzlich werden wir wieder zu Sündenböcken gemacht“

Die Linguistin und Herausgeberin Ruth Wodak über den alten und neuen Antisemitismus, mangelnde Wachsamkeit, Blasen, Cancel Culture und ein Ja ohne Aber im freundschaftlichen Gespräch mit Anita Pollak.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here