Überlebensgeschichten

Seit dem Jahr 2000 hält Centropa in Interviews mit Überlebenden jüdische Schicksale während des NS-Terrors in Mittel- und Osteuropa fest. Tanja Eckstein führte dabei das Gros der Interviews mit Wiener Jüdinnen und Juden, einige Gespräche übernahm Artur Schnarch. Zehn dieser dokumentierten Geschichten hat Centropa nun in Buchform publiziert.

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Auch wenn Menschen gestorben sind, leben sie in unseren Gedanken weiter, in unseren Erzählungen, unseren Erinnerungen. Die Geschichten, die in Es war einmal in Wien nun nachzulesen sind, gehen einem besonders nahe – vielleicht weil man spürt, wie sensibel die Centropa-Interviewer die Gespräche mit den Überlebenden geführt haben. Vielleicht aber auch, weil es hier um Familien geht, die eben eng mit Wien verbunden sind, die man kennt und die teilweise auch noch heute in dieser Stadt leben. So kommt etwa Kurt Rosenkranz zu Wort, der 1990 das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung am Praterstern gründete und bis heute Interessierte durch den Stadttempel führt. Oder Kitty Schrott, die mit ihrem Mann Herbert in Wien lebt – ebenso wie Kitty Suschny und ihr Mann Otto.

Das jüdische Leben einst. Was Centropa hier dokumentiert, sind eindrückliche Überlebensgeschichten. Die einen konnten mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht werden. Andere schafften es rechtzeitig nach Palästina. Doch es gibt auch die exotischeren Überlebensorte: Mauritius zum Beispiel. Oder Kasachstan. Manche zog die Sehnsucht nach der Heimat wieder zurück nach Österreich. Andere kamen Verwandten zu Liebe wieder hierher. Noch andere blieben in der Ferne, aber besuch(t)en Wien regelmäßig.

»Dieses Anderssein als die anderen, das bleibt einem.
Keine Heimat zu haben, das bleibt einem auch.«
Kitty Schrott

Was die Erzählungen aber auch wiedererstehen lassen, ist das Judentum vor dem großen Einschnitt durch den NS-Terror. Die Geschichten verdeutlichen, dass es damals eben nicht nur in Wien und anderen Städten Jüdinnen und Juden gab, sondern auch in kleinen Gemeinden, etwa in Niederösterreich. Sie verdeutlichen, in welch prekärer finanzieller Situation manche Familie in den 1920er- und 1930er-Jahren war, aber auch, wie vielfach von Generation zu Generation der Grad an Religiosität abnahm. Die Großeltern waren in vielen Fällen noch sehr observant, die Eltern schon nicht mehr. Jüdische Traditionen wurden aber von den meisten auch weiterhin hochgehalten.

Centropa (Hg):
Es war einmal in Wien.
10 österreichisch-jüdische
Lebensgeschichten.
Wien 2017. 187 S., 14,90 €
centropa.org

Es gibt heute nicht mehr viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Die Erinnerung verblasst zusehends. Bücher wie dieses von Centropa erhalten Schicksale von damals für Menschen von heute und morgen. Die Geschichten zeigen nicht nur, wie schmal der Grat war, der zwischen Tod und Überleben verlief. Oft waren es Zufälle, die manchen das Weiterleben ermöglichten. Die Geschichten zeigen auch, wie zerrissen sich so mancher Lebenslauf gestaltete. Ein paar Jahre hier, ein paar Jahre dort, manchmal nirgends wirklich erwünscht und daher auch nirgends wirklich angekommen. Kitty Schrott formulierte es so: „Als wir im Jahre 1947 aus Palästina nach Wien zurückkamen, ging es uns relativ bald wieder einigermaßen gut, aber dieses Anderssein als die anderen, das bleibt einem. Keine Heimat zu haben, das bleibt einem auch.”

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