Aus der Asche der Kindheit

Von einer apokalyptischen Zukunft und einer hoffnungslosen Gegenwart ist Nir Baram mit seinem jüngsten Buch Erwachen nun in die eigene Vergangenheit zurückgekehrt. Und damit aus der großen weiten Welt, in die er als Autor mehrfach brillant hineinleuchtete, in die Enge einer Siedlung im Jerusalemer Viertel Beit Hakerem.

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Nir Baram: Erwachen. Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch. Carl Hanser 2020, 384 S., 25 €

Am Ende der Straße, in der er aufwuchs, begann in den Achtzigerjahren das kindliche Feindesland, denn dort, in den „Hohen Türmen“, lebte eine andere Gang von Heranwachsenden, mit Jonathan, Joel und deren Clique zutiefst verfehdet.
Auch wenn man Nir Baram und seine Vita nicht genauer kennen sollte, drängt sich der autobiografische Hintergrund seines Helden Jonathan ziemlich unverhüllt in den Vordergrund, und dass es sich bei seinem unglückseligen Freund Joel um Uri handeln muss, dessen Andenken das Buch gewidmet ist, liegt bald ebenso auf der Hand.
Obwohl Jonathan es in seinen Romanen „mit der Wahrheit nicht so genau genommen“ habe, bringe er „aus der Asche unserer Kindheit“ jedenfalls Wunder hervor, wird der erfolglose Freund rückblickend den bereits arrivierten Autor loben.

Das schmerzvolle Erwachsenwerden scheint noch keineswegs abgeschlossen.

Traumata. Diese Asche ist noch nicht erloschen, aus ihren Glutnestern flammen immer wieder Erinnerungen auf, und Unverdautes, Unverarbeitetes drängt sich ungewollt in den Alltag des Ehemanns und jungen Vaters, des Enddreißigers, der Jonathan nun ist. Das quälend lange Leiden und Sterben der krebskranken Mutter, das seine frühe Jugend überschattete, die nicht spannungsarme Beziehung zum Vater und zum viel älteren Bruder, erste Liebe und Liebesverluste – das schmerzvolle Erwachsenwerden scheint noch keineswegs abgeschlossen. Seinen Traumata spürt Jonathan in einem fast psychoanalytischen Erinnerungsprozess nach, leckt seine schlecht verheilten Wunden in Rückblenden auf Kindheitsgefühle und auf den Mikrokosmos von Beit Hakerem, wo sich Cliquen bilden und bekämpfen, Jugendliche einander verletzen und verfolgen.
All das vor der zeitgeschichtlichen Kulisse Israels mit seinen Konflikten und Aggressionen und seinen ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus. Den Stolz der intellektuellen, sozialistischen Eliten, die Nir Baram so gut kennt, waren doch sein Vater und Großvater Minister der Arbeiterpartei, ihre Verachtung der neureichen Geldmenschen registriert er in feinen, präzisen Differenzierungen, die seine literarische Stärke sind, ebenso wie die grenzenlose Bewunderung des Militärs einerseits und aufkeimende Skepsis an dessen Moral andererseits als Symptome des Zeitenwandels gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als mit der Ermordung Yitzhak Rabins Israels Friedenshoffnung erstarb.

Coming of Age. Ebenso genau und manchmal quälend detailreich bespiegelt er sich selbst, beobachtet seine körperlichen Zustände, schildert kindliche Konflikte, referiert seitenweise eher mehr als minder triviale Teenagerdialoge. Ein Coming of Age, das in seiner Ausführlichkeit über weite Strecken leider einfach nervt.
Meist arbeiten sich Schreibende ja in ihren Erstlingswerken an ihrer Kindheit ab. Nir Baram, der seine literarische Qualität längst in seinen welthaltigen, klugen und poetischen Romanen bewiesen hat, ist wohl durch den Tod seines besten Freundes, der trotz aller überwachen Erinnerungen an ihn seltsam unfassbar bleibt, wieder auf sein „Erwachen“ zurückgeworfen worden. Und reicht damit seine Lehrjahre den Meisterjahren nach.

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