„Das Lernen hört nie auf.“

E. Randol Schoenberg vertrat Maria Altmann im bekanntesten Restitutionsfall der Republik Österreich, der als „Frau in Gold“ in Hollywood verfilmt wurde. Privat beschäftigt sich der Enkel von Arnold Schönberg mit jüdischer Ahnenforschung.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Wie wurde Ihr Interesse an Restitutionsrecht ursprünglich geweckt?
E. Randol Schoenberg: Schon während meiner Kindheit beschäftigte mich die Geschichte meiner Familie und der Familien meiner vier österreichisch-jüdischen Großeltern. Erst durch Maria Altmann begann ich mich dann intensiv mit Restitutionsangelegenheiten zu beschäftigen. Nachdem der Entwurf des österreichischen Kunstrückgabegesetz 1998 erschien, bat sie mich um Unterstützung bei der Rückholung der Kunstwerke die von ihrer Familie geraubt wurden.

Wieso wurden Sie, ohne einschlägige Erfahrung, mit dem komplizierten Fall Altmann betraut?
❙ Der ehemalige Konsul und spätere österreichische Botschafter Peter Moser erfuhr von der kürzlich geänderten österreichischen Rechtslage und informierte Maria Altmann. Als eine der engsten Freundinnen meiner Großmutter mütterlicherseits wusste sie, dass ihre Freundin einen Anwalt als Enkel habe. 1998 war das Internet gerade im Mainstream angekommen und auch österreichische Zeitungen gingen online. Dank dessen war ich auch im entlegenen Los Angeles über den jungen österreichischen Gesetzesentwurf informiert. Als Maria mich anrief, wusste ich also worum es ging. Das weitere Wissen erarbeitete ich mir im Laufe des Gerichtsverfahrens.

Die Republik war alles andere als motiviert, die wertvollen Klimt-Gemälde wieder zurückzugeben. Wie erging es Ihnen seitdem beim Besuch unseres Landes? Bekamen Sie jemals das Gefühl, als Staatsfeind gesehen zu werden?
❙ In der Tat hat die österreichische Regierung sich während des acht Jahre andauernden Rechtsstreites vehement gegen die Restitution der Bilder gewehrt. Während dieser Zeit wurden wir allerdings von vielen Österreichern bestärkt – wie dem Publizisten Hubertus Czernin, auf dessen öffentlicher Initiative die Gesetzesänderung überhaupt zustande kam. Meine eigene Zugehörigkeit zu Österreich hat sich jedenfalls schon viel früher befestigt und lässt sich durch nichts erschüttern. Aufgrund meiner Wurzeln habe ich mich immer auch als Österreicher betrachtet. Vor einigen Jahren konnte ich für mich und meine drei Kinder die Staatsbürgerschaft erlangen.

»Meine Zugehörigkeit zu Österreich
lässt sich durch nichts erschüttern.«

Was führt Sie heutzutage nach Österreich?
❙ Vor kurzem habe ich die Funktion meines Vaters im Aufsichtsrat des Arnold Schönberg Center übernommen und komme daher mindestens zwei Mal jährlich zu den Sitzungen. Mit meiner Frau und unseren Kindern habe ich Urlaube in Österreich verbracht; wir waren sogar Skifahren in Lech. Letztes Jahr bin ich außerdem zu genealogischen Nachforschungen angereist.

Bei der jüdischen Genealogie handelt es sich bekanntlich um Ihr größtes persönliches Interesse. Was fasziniert Sie so daran? Welches Potenzial hat die Ahnenforschung?
❙ Genealogie ist unglaublich spannend – manchmal kommt es mir wie ein Puzzle vor, das sich über den ganzen Erdball erstreckt. Da alle vier meiner Großeltern aus Wien stammen, konzentriere ich mich auf das Gebiet der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Den Spuren meiner Vorfahren gehe ich schon seit 45 Jahren nach; glücklicherweise lässt meine Familiengeschichte sich hunderte Jahre zurückverfolgen. Erst vor wenigen Monaten konnte ich in Prag das Grabmal eines 1586 verstorbenen Ahnen aufspüren – seinem Sohn genehmigte Rudolf II von Habsburg den Umzug nach Wien. Es macht mir Freude, auch andere Leute mit ihren Stammbäumen zu unterstützen. Das findet hauptsächlich auf dem Portal „Geni.com“ statt, wo eine wunderbare Gemeinschaft von Ahnenforschern entstanden ist, wie auch in der von mir begründeten Facebook-Gruppe „Jewish Genealogy Portal“, die inzwischen 30.000 Mitglieder zählt.

In Ihrem jüngeren Stammbaum befinden sich drei Komponisten und ein bekannter Geiger. Welche Rolle hat die Musik in Ihrer Erziehung gespielt?
❙ Tatsächlich sind viele Musiker in der Familie; leider zähle ich aber nicht dazu. Umso mehr liebe ich die Kompositionen meiner beiden Großväter Arnold Schönberg und Erich Zeisl. Zeisls bekanntestes Werk, das 1945 komponierte Requiem Ebraico, wird am 8. Mai im Wiener Musikverein aufgeführt. Dabei handelt es sich um das erste musikalische Gedenken an die Schoa. Als Zeisl es Ende des Krieges verfasste, hoffte er vermutlich noch auf ein Wiedersehen mit seinem Vater Sigmund, der jedoch in Treblinka ermordet worden war.

Welche Rolle spielt das Judentum in Ihrem Privatleben?
❙ Ich wuchs in einer reformjüdischen Familie auf, feierte Bar Mizwa und lernte etwas Hebräisch. Meine Frau kommt hingegen aus orthodoxem Haus. Daher führen wir einen koscheren Haushalt und haben unsere Kinder in eine jüdische Schule geschickt. Durch die Beschäftigung mit der Genealogie und mit dem Fall Maria Altmann habe ich viel über jüdische Geschichte gelernt. Nachdem wir das Verfahren gewannen, habe ich in Los Angeles ein neues Holocaust-Museum mitgestiftet und dafür eine Dauerausstellung gestaltet. Judentum bedeutet für mich Lernen, und das Lernen hört nie auf.

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