Blick zurück in Zorn

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Yoram Kaniuk / © Flash 90, Kobi Gideon

In seinen schonungslosen Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg 1948 räumt Yoram Kaniuk gründlich mit den Heldenmythen Israels auf. Ein starkes Antikriegsbuch und der Rückblick eines alten Mannes auf die Verblendungen der eigenen Jugend. Von Anita Pollak 

Gut sechzig Jahre ist der Staat heute alt, seine Eltern leben nicht mehr, und seine Erben sind Dummköpfe, Narren, Räuber, Bösewichte, die vergessen haben, woher sie gekommen sind. Gegen dieses Vergessen schreibt Yoram Kaniuk als alter Mann an. So lang er noch kann, versucht er sich zu erinnern, auch wenn er seinen eigenen Erinnerungen nicht immer traut.

Abschied genommen von der Welt hat er bereits vor einigen Jahren, als er im Koma lag und klinisch tot war. Von seiner Rückkehr ins Leben erzählte er in seinem letzten autobiografischen Roman Einmal Jenseits und Retour; dass darauf noch ein Buch folgen würde, war nicht zu erwarten. Quasi von den Toten auferstanden, scheint der über 80-Jährige aber von einer neuen Mission beseelt. Erzählen will er, wie es wirklich war, 1948, wie er, der auch damals nur knapp überlebte, es erlebte. Die Gefechte, die Gemetzel, das Blutvergießen und die Siege, aus denen letztlich der Staat hervorgegangen ist. Und er will Mythen zerschlagen. Den israelischen Heldenmythos der Palmach, der heute in Museen einzementiert ist, und andererseits den arabischen Mythos von der Nakba, wonach die Juden die arabische Bevölkerung vorsätzlich vernichten wollten. Der Unabhängigkeitskrieg von 1948 war, so Kaniuk, ein Verteidigungskrieg, die Araber haben angegriffen, die Juden hatten keine Wahl. Sie waren keine Armee, sie waren schlecht ausgerüstet und sie starben wie die Fliegen. 

Der Kinderkreuzzug

17 Jahre ist Yoram Kaniuk alt, als er im November 1947 in den „Kinderkreuzzug“ zieht. Ein verwöhnter Sohn gebildeter Eltern, die Mutter Lehrerin, der Vater beseelt von deutscher Kultur, von Goethe, Bach und Beethoven, die er spielte, „während die Juden starben“, so wirft es ihm ein Verwandter vor, der ihn nach dem Holocaust in Tel Aviv aufsucht. Ja, um solche Überlebende, die in kleinen Schiffen auf dem Meer trieben, weil kein Land sie haben wollte, nach Erez Israel zu bringen, bricht der junge Yoram die Schule ab und meldet sich bei der Marineeinheit der Palmach. Nach einer kurzen Ausbildung wird er aber in die Schlacht geschickt, in viele Schlachten, deren Namen in die Geschichtsbücher des Staates eingehen sollten. Jeden Abend, bevor wir auszogen, hoben wir Gräber aus für die acht oder neun von uns, die nicht aus der Schlacht zurückkehren würden.

Mit der Weisheit des Alters blickt er heute zurück auf das sinnlose Sterben, das doch nicht zu vermeiden war, auf den Krieg und die Kriege, die er leidenschaftlich ablehnt, auf das, was Kriege mit Menschen machen, und auf sich selbst. Ich war ein Tor, der sich aufgemacht hatte, ein Held zu werden und den Feind zu schlagen.

Er klagt an und räumt auf mit vielen Legenden, Geschichtsklitterungen und Mythen, die zum historischen Selbstverständnis Israels gehören.

Vor der Eroberung des Zion-Tores in Jerusalem werden ihm beide Beine durchschossen, wieder einmal überlebt er wie durch ein Wunder, ist monatelang buchstäblich außer Gefecht, flieht aus dem Krankenhaus und geht zurück zur Palmach. Erst 1949 gelingt es ihm, seine ursprüngliche Mission zu erfüllen und heimatlose Juden mit einem Schiff in den jungen Staat zu bringen. Ich begriff, dass sie, und nicht wir, die großen Helden waren.
„Für dagegen.“
Im schonungslosen Rückblick auf die eigene Verblendung, in der erbarmungslosen Schilderung der blutigen Gemetzel, in der Erinnerung an die vielen namenlosen jungen Gefallenen, in den apokalyptischen Bildern des Leidens auf beiden Seiten ist 1948 wohl eines der stärksten Antikriegsbücher aus der Feder eines israelischen Autors. Es klagt an und räumt auf mit vielen Legenden, Geschichtsklitterungen und Mythen, die zum historischen Selbstverständnis Israels gehören. Es wird wohl nicht nur Applaus erhalten haben, obwohl Kaniuk gerade für dieses Buch mit dem allerhöchsten Literaturpreis des Landes, dem Sapir-Preis, ausgezeichnet wurde. Dass er „für dagegen“ war, wie er schreibt, und offenbar immer noch ist, beweist ein von ihm erkämpftes Gerichtsurteil, mit dem er im Vorjahr weit über die Grenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt hat. Als erstem israelischen Juden gelang es ihm, die Religionszugehörigkeit aus seinem Personalausweis streichen zu lassen. Selbstverständlich bekennt er sich zum jüdischen Volk, strebt aber eine Trennung von Staat und Religion an. Vom Kinderglauben hat er sich losgelöst, die Idee des binationalen Staates, auf die schon sein Vater hoffte, erscheint ihm aber unverändert als die einzig annehmbare Lösung, wenn auch eine, in der ich nicht leben könnte.


Zur Person
Yoram Kaniuk: 1948. Roman. Aufbau Verlag 2013, 248 S., € 20,60

Yoram Kaniuk, geboren 1930 in Tel Aviv als Sohn des ersten Direktors des Tel-Aviv-Museums, verließ Kaniuk 17-jährig das Gymnasium, um unter Jitzchak Rabin Palmachkämpfer zu werden. Nach einer schweren Verwundung im Unabhängigkeitskrieg 1948 ging er für zehn Jahre als Maler nach New York und kehrte 1961 als Schriftsteller nach Israel zurück. Er veröffentlichte 17 Romane, darunter Adam Hundesohn, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Heute zählt er zu den bedeutendsten Autoren des Landes. Für 1948 wurde er mit dem prestigeträchtigen Sapir-Preis ausgezeichnet.

 

 

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