Das Hacker Haus in Bad Erlach

Das neue Museum für Zeitgeschichte wird zum Zentrum der Erinnerung an 21 niederösterreichische Gemeinden, in denen Juden vor 1938 lebten.

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Südlich von Wiener Neustadt. In den 21 Ortschaften existierte ein religiös-traditionelles, kulturell aufgeschlossenes und sozial engagiertes Landjudentum. © Reinhard Engel

Beschaulich ruhig ist es an diesem Sonntagvormittag auf der Hauptstraße 10 im niederösterreichischen Bad Erlach. Gut sichtbare Schilder in Blauweiß verweisen darauf, dass „das Museum“ heute geöffnet ist. Aber dies ist kein übliches Regionalmuseum, es ist das ehemalige Geschäfts- und Wohnhaus der jüdischen Familie Max Hacker. Mit seinen drei Räumen ist es Schauplatz der Dauerausstellung im Zeitgeschichtemuseum der 3.108 Einwohner zählenden Marktgemeinde, zehn Kilometer südlich von Wiener Neustadt.
Zwei Besucherpaare wandern umher, eine Dame steht vor einem Glaskasten mit einem wunderschönen Schofar, dem traditionellen Widderhorn, das bereits in der Bibel als rituelles Musikinstrument erwähnt wird. In der Erlacher Privatsynagoge wurde dieser Schofar von Leopold Hacker, dem Sohn des Synagogengründers Simon, geblasen. Zum jüdischen Neujahr am 14. September 1939 schickte Leopold das Horn seinem Neffen Manfred Ehrenreich an dessen Fluchtort Nizza. Dieser Neffe, seine Frau und weitere Verwandte wurden in der Schoah ermordet. Doch der Schofar ging nicht verloren, sondern kehrte jetzt als Leihgabe nach Bad Erlach zurück: Dank Simon Hackers Urenkelin Dr. Lieselotte Kastner, die mit ihrer Familie in London lebt, ist das vielgewanderte Objekt hier zu sehen. Ihre Söhne Robert und Raphael Kastner setzen in dritter und vierter Generation die Familientradition des Schofarblasens fort.

Mit ohne Juden
Bucklige Welt und Wechselland
Sonderausstellung im Hacker Haus
Hauptstraße 10, 2822 Bad Erlach
Do.−So., 10−17 Uhr, bis 19. März 2021
hacker-haus.at

„Diese Objekte, die mit den überlebenden Menschen mitgegangen sind, tragen so viele Erinnerungen in sich – manchmal quer durch die Welt“, sinniert Martha Keil, Kuratorin der Dauerausstellung sowie der Wechselausstellung Mit ohne Juden (bis 19. März 2021), die in der angebauten gläsernen Ellipse jüdische Lebenswelten in der gesamten Region Bucklige Welt und Wechselland vor 1938 zeigt. In 21 Ortschaften existierte ein religiös-traditionelles, kulturell aufgeschlossenes und sozial engagiertes Landjudentum. „Die meisten jüdischen Familien der Region stammten aus Westungarn, dem heutigen Burgenland“, erzählt Keil. „Man lebte nicht in einem ‚Stetl‘, sondern teilte die Kultur der Umgebung.“ Kaschrut und Feiertage wurden allerdings streng eingehalten. In Erlach und in Krumbach errichteten die Familien Hacker und Blum private Synagogen, die organisatorisch zu den Kultusgemeinden Wiener Neustadt und Neunkirchen gehörten.
Die Geschichte des heutigen Museums für Zeitgeschichte im Hacker Haus beginnt im Jahr 2016 mit dem Start des Forschungsprojekts Die jüdische Bevölkerung der Region Bucklige Welt –Wechselland. Mit Unterstützung des Landes Niederösterreich und der EU (Leader+) wird in diesem Jahr ein Projekt initiiert, bei dem die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in 26 Gemeinden der Region von 1848 bis zu deren Verfolgung, Vertreibung und Ermordung in den Jahren ab 1938 erforscht wird. Unter der Leitung von Johann Hagenhofer, Gert Dressel und Werner Sulzgruber arbeitet ein 18-köpfiges Forschungsteam an diesem erst- und einmaligem Projekt. Das 2019 erschienene Buch Eine versunkene Welt. Jüdisches Leben in der Buckligen Welt – Wechselland, das auch Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen enthält, ist eines der Ergebnisse.
Durch diese Forschungsarbeit angeregt, wurde 2017 auf Initiative von ÖVP-Nationalrat und Bürgermeister Johann Rädler das ehemalige Wohnhaus der Familie Max Hackers von der Marktgemeinde Bad Erlach angekauft, um darin ein Zeitgeschichtemuseum einzurichten. „Ich wurde kurzfristig mit beiden Ausstellungen betraut, weil ein anderer Kurator ausgefallen war. Ich hatte nur 13 Monate, das ist ziemlich knapp. Aber da die Vorarbeiten durch das Forschungsprojekt geleistet waren und mit der fantastischen Mitwirkung der zuständigen Rechercheure und der Nachkommen der vertriebenen Familien war es zu bewerkstelligen“, berichtet Martha Keil, Leiterin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST) in St. Pölten.
„Wir fanden in den Archiven nur Dokumente und diverse Fotokopien. Daher war es wichtig, die Nachfahren in aller Welt auszuforschen und mit ihnen zu sprechen“, berichtet Keil. „Denn nur im Gespräch konnte ich nach Erinnerungsstücken und Fotos fragen. Deshalb können wir Kerzenleuchter aus Holz aus Bogota, Bolivien, zeigen oder Raritäten wie ein Thorafragment des frühen 19. Jahrhunderts sowie eine Lederhose aus dem Besitz der Industriellenfamilie Mautner.“ Modernste Medien wie Touchscreens, Audioinstallationen, „Sprechende Bücher“ sowie eine große interaktive Karte runden die Präsentation ab.

„Der gesamte Besitz des Herrn Fritz Reiterer ist durch die Kriegswirren des Jahres 1945 in unserem Dorf in Flammen aufgegangen. Die Osterschüssel jedoch blieb erhalten.“
Leopold Baumgartner, Bürgermeister v. Erlach

Hörstationen. Am Ende der Ausstellung lädt ein Gedenkraum der besonderen Art zur Besinnung ein: Hier werden die Namen und Schicksale aller in der Schoah ermordeten jüdischen Einwohner der Region Bucklige Welt – Wechselland im geflüsterten Ton vorgetragen, während man ihre auf Vorhängen gedruckten Bilder betrachten kann. Laut Forschungsstand vom April 2019 wurden 71 jüdisch Verfolgte in der Schoah ermordet. Das Schicksal von zwölf Personen ist unbekannt.
„Zu meiner Freude habe ich fast im letzten Augenblick den Enkel des letzten Besitzers Fritz Hacker gefunden: Cobie Brosh lebt in Haifa, und er hat sich spontan entschlossen, mit Schwester, Kindern, Enkeln zur Eröffnung am 7. April zu kommen“, begeistert sich die Kuratorin. „Die Ausstellung konnte ich nicht mehr ändern, aber wenigstens auf einer großen Tafel im Eingangsbereich seine Familie würdigen.“ Weitere 30 Nachfahren kamen aus aller Welt. „Wir können noch immer nicht begreifen, wie Männer, die in der Freiwilligen Feuerwehr gedient haben, wie Frauen, die Nachbarskindern kleine Naschereien zusteckten, plötzlich zu Opfern der Schoah wurden“, erklärte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bei der Eröffnung.
Weitschichtig mit Max Hacker verwandt war der Weinhändler Simon Hacker, der schräg gegenüber dem Zeitgeschichtemuseum wohnte. In der Dauerausstellung wird der Besucher am Beispiel der Familie Simon Hacker auf eine Zeitreise in das jüdische Erlach der Zwischenkriegszeit genommen. Anhand zahlreicher Hörstationen mit spannenden Zeitzeugenberichten, Fotos und Dokumenten erhält man Einblicke in das Leben einer gut integrierten und bekannten Erlacher Familie sowie deren wichtige Rolle – Simon Hacker war auch Vorstand der Raiffeisenbank – im Geschäftsleben der Gemeinde. Prominent waren die Textilfabrikanten Abeles, Wolf, Mautner, Preis und Chaimowicz in Erlach und Trattenbach. Sie förderten die Region als Arbeitgeber und sorgten in ihren Betrieben auch für soziale Einrichtungen, von Arbeiterwohnungen über eine Volksschule bis zum Sportverein.
Simon Hackers tiefe Religiosität manifestierte sich nicht nur durch den Bau eines Bethauses, sondern auch anhand einer Pessach-Haggada oder der Projektion der traditionellen Sederschüssel, deren Geschichte einem Wunder gleicht: Vermutlich im Geburtsjahr seiner Tochter Karoline 1871 ließ Hacker beim Wiener Silberschmied Vincenz Czokally eine silberne Sederschüssel anfertigen. Als die Familie im März 1938 fliehen musste, gab sie das Gefäß bei dem Kaufmann Fritz Reiterer in Verwahrung. 1947 berichtete der Erlacher Bürgermeister Leopold Baumgartner einem Nachfahren der Familie Hacker schriftlich: „Der gesamte Besitz des Herrn Fritz Reiterer ist durch die Kriegswirren des Jahres 1945 in unserem Dorf in Flammen aufgegangen. Die Osterschüssel jedoch blieb erhalten.“ Die Sederschüssel landete schließlich bei Ernst Adler, einem Cousin in London. Seither ziert sie jedes Jahr den Pessach-Tisch von dessen Tochter Liselotte Kastner-Adler und den Familien ihrer drei Söhne. 

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