„Der weibliche Körper als Archiv gibt Auskunft über gestern und heute“

Die australische Regisseurin Adena Jacobs präsentiert ihre erste Arbeit am Wiener Burgtheater mit Euripides’ Troerinnen in neuer Fassung

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ADENA JACOBS wurde 1982 in New York geboren, lebt in Melbourne, Australien, und ist künstlerische Leiterin des freien Theaterkollektivs Fraught Outfit. Ihr Werk umfasst queere und feministische Interpretationen alter Texte. Ihre Produktionen wurden am Sydney Opera House, auf dem Melbourne Festival, am Malthouse Theatre und am Belvoir St Theatre aufgeführt, wo sie in der Spielzeit 2014/2015 als Hausregisseurin tätig war. Ihre Regiearbeiten waren unter anderen an der English National Opera und beim Tokyo Festival zu sehen. © Reinhard Engel

WINA: In diesen Tagen hat Ihre erste Regiearbeit am Wiener Burgtheater Premiere: Die Troerinnen von Euripides. Bereits im Jänner 2020 sind Sie von Melbourne nach Wien geflogen, um Direktor Martin Kušej zu treffen. Wie kam es zu diesem Projekt?
Adena Jacobs:
Eigentlich überraschend und unverhofft. Regisseur Daniel Kramer*, der von 2016 bis 2019 als künstlerischer Direktor die English National Opera London leitete, kannte meine Salome-Opernregie an seinem Haus und hat mich Direktor Kušej empfohlen.

Wer hat Die Troerinnen letztlich ausgewählt?
I Die Troerinnen habe ich vorgeschlagen, nachdem wir in sehr guten, offenen Gesprächen vieles überlegt hatten. Auf dem langen Flug hatte ich einige Ideen, aber nachdem ich hier am Burgtheater Aufführungen besucht hatte, war ich mir sicher.

Adena Jacobs im Burgtheater mit WINA Autorin Marta S. Halpert © Reinhard Engel

Griechische Tragödien scheinen Sie stark anzuziehen: Bereits mit 16 Jahren haben Sie Medea für Ihr Gymnasium eingerichtet. Ihre erste selbstständige Produktion in Melbourne war die Elektra von Sophokles 2010, es folgten Oedipus Rex und Antigone. Zuletzt inszenierten Sie Die Bakchen von Euripides. Woher kommt dieses spezifische Interesse?
I Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Diese Erfahrung mit Medea hat etwas mit mir gemacht. Die Welt der griechischen Mythologie ist so ein grenzenloses Gebiet, und die Tragödien gehen immer auch an eine Grenze des Unvorstellbaren, überschreiten Extreme. Es gefällt mir, das Unsagbare zu sagen, Tabus zu brechen, und das passiert in den griechischen Stücken.

Sie interpretieren Die Troerinnen neu, weil Sie Neues in dem Stück entdeckt haben. Wie viel haben Sie am Original verändert?**
I Es ist vor allem wichtig, das Original zu lieben, sonst wird das ein sehr zynisches Unterfangen. Diese Tragödie ist hauptsächlich eine Darstellung des Unglücks Besiegter und im konkreten Fall einer Gruppe von Frauen, die im wahrsten Sinne des Wortes am Rande einer zerbrochenen Welt und einer neuen Realität stehen. Alles, was sie kannten – Kultur, Sprache, Bräuche und Recht –, hat sich in Luft aufgelöst. Warum also nicht etwas Neues wagen, jenseits dieses Rahmens? Warum befreien wir uns nicht von diesen belastenden patriarchalischen Bildern und Geschichten und wählen eine feministische Sichtweise – auch wenn diese Texte dadurch noch bedrückender und beunruhigender werden.

Ganz geglückt ist die Befreiung vom Patriarchat noch nicht.
I Ich beschäftige mich mit diesen Legenden nicht, um ihre tiefsitzenden Probleme zu lösen. Ich will auch nicht zeigen, wie sie korrigiert oder uns zugänglicher gemacht werden können. Aber vielleicht können wir den Wurzeln dieser Legenden auf den Grund gehen und sie entwirren; dann könnten wir uns von ihren Botschaften befreien, denn womöglich stimmen diese nicht.

Regisseurin Adena Jacobs: das Unsagbare sagen, Tabus brechen. © Reinhard Engel

Sie stellen den gespenstischen Zwischenraum – eigentlich ein Niemandsland –, den die Troerinnen bewohnen, in das Zentrum Ihrer bildhaften Auseinandersetzung und fragen ausdrücklich nach dem Schicksal weiblicher Körper im Krieg, nach dem weiblichen Körper als Kampfplatz. Geht es nur um die äußere Hülle?
I Nein, es geht trotz und vor allem um die Psyche, die Seele, um die Neshama – im WINA-Magazin wird man das verstehen. Darum, was diese Kriege mit den Frauen machen. Der Körper als Archiv, das uns erzählt, was in ihm eingeschrieben wurde: als Ort der Macht, jedoch mit seiner Fähigkeit zur Transformation und schließlich Identität. Bei Euripides ist man am Ende einer Kultur angelangt, am Ende der bekannten Welt – und die letzten Überlebenden sind Frauen. Königin Hekabe wiederholt ständig den Satz: Das ist nicht Troja, das ist nicht Troja. Sie sieht die Verwüstung, die Zerstörung; das gewohnte Leben ist verschwunden, alles ist verwaist.

Also wieder Opfer! Und wir sind mitten in unserer Realität: Als Sie im Winter 2021 – während des längsten Lockdowns von 262 Tagen in Melbourne – über die Troerinnen sinnierten, dachten wir alle noch, dass die weltweite Pandemie das Schlimmste ist, was derzeit passieren kann. Jetzt wird das Stück aufgeführt, und seit über einem Monat beschäftigen und bedrängen uns ganz andere Bilder im Kopf: der brutale Vernichtungskrieg in der Ukraine. Wir sehen die verzweifelten, flüchtenden Frauen und Kinder. Welches Ende der Welt zeigen Sie jetzt?

„Aber vielleicht können wir den Wurzeln dieser Legenden auf
den Grund gehen und sie entwirren, dann könnten wir uns von ihren Botschaften befreien,
denn womöglich stimmen diese nicht.“
Adena Jacobs

I Oh G-tt, was für eine Frage. Ja, bei Euripides existieren die Frauen in einer konturlosen Welt, sie agieren nicht, sie werden herumgeschoben und erleiden ihr Schicksal, über das sie nicht mehr Herr sind. Nichts ergibt mehr einen Sinn, und sie warten, gefangen zwischen dem doppelten Grauen von Krieg und Sklaverei. Doch sie protestieren auch, erzählen und erinnern sich an ihr eigenes Leben. Sie sind zwar verzweifelt und voll Gram, aber bei klarem Verstand. Sie erschaffen sich durch Sprache neu. Die bloße Tatsache, dass sie sprechen, ist ein radikaler Akt des Überlebens.

Dennoch sind sie bei Euripides machtlos …
I Selbst wenn die griechische Tragödie sagt, dass unser Schicksal bereits im Mutterleib feststeht und dass Gewalt nur noch mehr Gewalt erzeugt, müssen wir das nicht machtlos hinnehmen. Was, wenn die trojanischen Frauen nie mit ihren griechischen Herren an Bord der Schiffe gehen? Wenn sie an der Küste blieben, weil sie sich eine echte Zukunft für sich vorstellen könnten? Das wäre zwar kein Paradies, aber zumindest eine Zukunft, eine Alternative. Das weckt doch die Hoffnung, dass sie in ihr Schicksal auch selbst eingreifen und dieses verändern können.

Gibt es künstlerische Vorbelastungen in Ihrer Familie?
I Ja, durch meinen Großvater Jacob G. Rosenberg, der Gedichte, Kurzgeschichten und zwei Biografien geschrieben hat. Zuerst in Jiddisch und dann auch in Englisch. Er wurde 1922 im polnischen Łódź geboren und kam nach der deutschen Besetzung zuerst mit seiner Familie in das Ghetto der Stadt und später nach Auschwitz, wo er als Einziger seiner ganzen Familie überlebte. Nach der Befreiung lernte er meine Warschauer Großmutter, Esther Laufer, in einem DPLager (Displaced Persons) in Italien kennen. Dort haben sie auch geheiratet und sind dann 1948 nach Australien eingewandert.

Welchen Themen hat er sich literarisch gewidmet?
I Die Schrecken der Schoah haben ihn nie verlassen: In East of Time (2005) und Sunrise West (2007) hat er ebenso Autobiografisches aufgearbeitet wie in seinen Gedichten und Kurzgeschichten. Er ist 2008 gestorben, seine Werke wurden auch ins Russische, Hebräische und Polnische übersetzt.

Sie und Ihre Eltern wurden in Melbourne geboren?
I Meine Mutter ist Australierin, hat aber in den USA studiert und dort meinen amerikanischen Vater geheiratet. Ich bin 1982 in New York geboren, aber als ich elf Jahre alt war, kehrten wir zu den Großeltern nach Melbourne zurück. Meine Mutter schreibt Essays, meine jüngste Schwester Ariela ist Sängerin und Komponistin.

„Die bloße Tatsache, dass sie sprechen, ist ein radikaler Akt des Überlebens.“
Adena Jacobs

Kommen Sie aus einem religiösen Haus?
I In New York bin ich in eine jüdisch-progressive (conservative) Volksschule gegangen. Später in Melbourne absolvierte ich das jüdische Gymnasium, das war aber viel weniger progressiv. Wir haben alle Feiertage eingehalten und Freitagabend den Schabbat gefeiert.

Sie haben eine dreijährige Tochter, die jetzt während der zweimonatigen Probezeit in Wien von Ihrer Partnerin betreut wurde. Wie sehen Ihre nächsten Projekte aus?
I Ich arbeite gerade an einem Stück, das im nächsten Jahr in Melbourne Premiere haben wird.

* Die Produktion des amerikanischen Regisseurs Pelleas und Melisande war 2021 am Wiener Akademietheater zu sehen.
** Die Wiener Dramatikerin Gerhild Steinbuch hat die Texte von Ovid, Seneca, Euripides und Jane M. Griffiths für diese Inszenierung neu ins Deutsche übertragen.


 

„Die Troerinnen“: Aktueller geht kaum noch … Die Schlacht ist geschlagen, aber der Krieg ist nicht vorbei. Troja ist gefallen, Rauchsäulen stehen über den Trümmern, und die siegreichen Griechen bereiten sich auf ihre Abfahrt vor. Die überlebenden trojanischen Frauen befinden sich vor der Stadt, auf der Schwelle zwischen ihrem alten Leben als Staatselite und dem kommenden in der Sklaverei. Der denkbar schlimmste Verlust und tiefste Fall vereinen sich mit der größtmöglichen Ungewissheit. Hekabe, Königin Trojas, beklagt den Mord an ihrem Ehemann Priamos und den Tod der meisten ihrer zahlreichen Kinder; wohin das Schicksal sie noch führen wird, weiß sie nicht. Mit ihr wartend ist Hekabes überlebende Tochter Kassandra, die Seherin, der nicht geglaubt wurde, und ihre Schwiegertochter Andromache mit ihrem kleinen Sohn Astyanax, letzter männlicher Erbe der Trojaner, sowie die Griechin Helena, die als Auslöserin des Kriegs gebrandmarkt wird und nun auf ihr Urteil wartet. Die trojanischen Frauen sind auf nichts als ihre Körper zurückgeworfen, angefüllt mit Erinnerung, mit wütendem Schmerz, versehrt, gezeichnet, klagend, mit einem Bein bei ihren Toten in der Unterwelt, mit dem anderen im Diesseits Halt suchend.

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