Die wenigen rücken zusammen – die vielen hüllen sich in schäbiges Schweigen

Wir wollten wissen, wie es den jüdischen Menschen in den Bundesländern in diesen schwierigen Zeiten ergeht. Dazu befragten wir die IKG-Verantwortlichen in Linz, Innsbruck, Graz und Salzburg.

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Photo by Levi Meir Clancy on Unsplash

Zahlreiche jüdische Menschen in Wien, die zu den treuen Kunstund Kulturkonsumenten dieser Stadt zählen, fragen sich seit dem 7. Oktober, wo der hörbare Aufschrei geblieben ist, die empathische Solidarität mit den israelischen Geiseln, den traumatisierten Familien der Opfer, dem lähmenden Schmerz der Berufskollegen und Kolleginnen. Bis auf ein paar rühmliche Ausnahmen, allen voran Schriftsteller Michael Köhlmeier, Operndirektor Bogdan Ro , Kulturmanager Gerald Matt sowie die Schauspieler Cornelius Obonya und Erwin Steinhauer, herrscht im Kunst- und Kulturbetrieb eine erbärmliche Funkstille, inklusive der politischen Theatermacher – die beim Überfall auf die Ukraine schnell wussten, für wen sie Stellung beziehen.

Aber während man in der Hauptstadt über diese erbärmliche Haltung, ein Luxusproblem, enttäuscht und verärgert ist, wird vor dem Alten Rathaus in Linz die Israel-Flagge bereits zum dritten Mal heruntergerissen, wie Karl Pogutter, Kommandant der Stadtpolizei, mitteilte. Zwei 20-Jährige wurden wenig später gestellt: Die beiden – laut Polizei alkoholisierte Österreicher ohne Migrationshintergrund – wurden angezeigt. „Der Rathaus-Pförtner hat mir erzählt, dass die Burschen ihn angestänkert hätten, warum er denn diese Fahne hisse. Als er sehr bestimmt meinte, ,das gehört sich so‘, gingen sie weg, um offensichtlich später wiederzukommen“, berichtet die Zahnärztin und Präsidentin der IKG Linz, Charlotte Herman.

„Die Stimmung unserer Mitglieder ist am Tiefpunkt angelangt. Erfreulich ist, dass unsere winzige jüdische Gemeinde trotzdem keine Angst gezeigt hat“, so die Präsidentin, „denn wir befürchteten, dass am ersten Freitag nach dem Anschlag der Tempel am Freitagabend leer sein werde.“ Normalerweise kommen zwischen zwölf und achtzehn Personen, diesmal kamen 22 und zusätzlich einige nichtjüdische Freunde, die Herman als „Fan-Club“ der Gemeinde bezeichnet. „Meistens feiern wir größere Kidduschim nur zu den Feiertagen, aber jetzt haben wir beschlossen, bis zum Ende des Krieges jeden Freitagabend nach Kabbalat Schabbat (nach dem Beten) auf einen MiniKiddusch auszuweiten, damit wir noch zusammenbleiben: Wir stehen beieinander, tauschen Gedanken und Erfahrungen aus.“ Charlotte Herman, die mit einem Israeli verheiratet ist, ermunterte ihre kleine Gemeinde, indem sie diese bewusst emotional dazu aufrief, stark zu sein, gegen Falschmeldungen anzukämpfen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie hat aber auch eine konkrete Botschaft an ihre Gefolgschaft: „Geht hinaus und erzählt unsere Geschichte in euerem Umfeld, werdet zu positiven Multiplikatoren.“

Während die IKG-Büros in Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck (auch für Vorarlberg zuständig) bisher nur zu den Bürostunden bzw. Gebetszeiten bewacht waren, wurde seit dem 7. Oktober nun überall die Bewachung auf 24/7 ausgeweitet. „Der Verfassungsdienst kontaktiert uns jetzt laufend“, weiß Charlotte Herman, und das bestätigt auch Günther Lieder, IKGPräsident für Tirol und Vorarlberg. „Sie rufen regelmäßig an und fragen, ob ich mich sicher fühle.“ Obwohl in den Bundesländern keine orthodoxen Juden leben, die man z. B. wie in Wien vor allem an der Kleidung identifizieren kann, haben sowohl Günther Lieder wie auch Elie Rosen, IKG-Präsident für die Steiermark und Salzburg, Rückmeldungen von Gemeindemitgliedern bekommen, dass diese beschlossen haben, ihre Davidstern-Ketten nicht mehr öffentlich zu tragen. Auch Charlotte Herman, die bisher in Linz gänzlich ungezwungen mit ihrem Mann auch auf der Straße Hebräisch sprach, war plötzlich gehemmt. „Mein Sohn Rony ist Schauspieler und lebt in Berlin. Er war jetzt hier auf Besuch, als er zurückfahren wollte, habe ich ihm eine Tragetasche für den Zug herausgesucht. Plötzlich hatte ich eine mit hebräischer Aufschrift in der Hand, ich legte sie wieder weg, früher hätte ich so eine Überlegung nicht gehabt.“ Ihre Angst um Sohn Tomy, der mit Frau und zwei Kindern in Israel lebt, ist genau so groß wie um ihren Bruder, ihre Schwester und ihre etlichen Nichten.

„Wir stehen beieinander, tauschen Gedanken und Erfahrungen aus,
damit wir
noch zusammenbleiben.“
Charlotte Herman, IKG Linz

Während Präsident Günther Lieder aus Innsbruck und Bregenz nur über positive Erfahrungen, persönlichen Zuspruch auf der Straße erzählt – man kennt ihn, weil er 37 Jahre als Schauspieler in der Stadt tätig war und noch jetzt bei Stücken mit jüdischem Inhalt als Berater beigezogen wird –, hat Präsidentin Herman nach Interviews in diversen Tageszeitungen mehrere provokante Mails erhalten. „Ich habe auf alle Vorwürfe mit Fakten reagiert, unter anderem, dass Demonstrationen für die palästinensische Sache legitim sind, solange weder Tod den Juden oder die Vernichtung Israelis verlangt wird.“ Besonders schlimm war ihr Streit mit den Antifaschisten in Linz, die in einer Aussendung behaupteten, dass „die islamistische Hamas eine Militäroperation auf Israel gestartet habe, die in ein Blutbad ausartete“. Herman reagierte scharf und stellte unmissverständlich fest, dass „nichts ausgeartet sei“, sondern, dass die Hamas dieses schreckliche Blutbad minutiös geplant hatte.

„Schmerzlich fehlt mir nur eine Stimme der Solidarität: nämlich jene der muslimischen Seite. Wir haben auf interreligiöser Ebene so gut kooperiert, hatten eine tolle Gesprächsbasis auch mit der muslimischen Jugend, besuchten auch das Vernichtungslager Auschwitz gemeinsam. Aber nicht ein Einziger hat sich persönlich bei mir gemeldet, das ist nicht in Ordnung. Ich war so stolz, als der muslimische Verein nach dem Terroranschlag in Wien vom 2. November 2020 bei mir anfragte, ob sie vor der Synagoge eine Mahnwache abhalten könnten, sie blieben anschließend sogar zum Gottesdienst, obwohl keine jüdischen Opfer zu beklagen waren. Das war eine großartige Geste.“

Positive Beispiele: Tirol und Vorarlberg … „Wir sind eine verstreute, kleine Gemeinde, von Bregenz nach Innsbruck ist es weit“, so Präsident Lieder, der über keine negativen Erfahrungen seit dem 7. Oktober berichten kann. „Es ist nicht lustig, an einem schwerbewaffneten Polizisten mit Helm und Gewehr vorbei ins Büro zu gehen, aber das IKG-Büro und die Synagoge liegen an einer Hauptverkehrsstraße. Ich will es nicht verschreien, aber bei uns ist die Fahne nicht angetastet worden.“ Sehr viel Solidarität habe die Gemeinde von der Stadt und vom Land erfahren. „Außerdem stellen viele Menschen brennende Kerzen zum Gedenken an die israelischen Opfer vor unser Büro.“

… und der abgeklärte Präsident von Graz und Salzburg, Elie Rosen „Ich muss vorausschicken, nichts, das in jüngster Zeit hier passiert ist, weder politisch noch gesellschaftlich, hat mich überrascht. Denn ich habe schon in den letzten Jahren immer auch auf die Dominanz des islamistischen Antisemitismus hingewiesen. Daher ist nichts, was jetzt als Reaktion auf den Krieg Israels gegen die Hamas kommt, neu für mich“, erklärt Elie Rosen, der die insgesamt etwa 150 IKG-Mitglieder in Graz und Salzburg vertritt.

„Nichts, das in jüngster Zeit hier passiert ist, weder
politisch noch gesellschaftlich, hat mich überrascht.“
Elie Rosen, IKG Graz & Salzburg

In diesen beiden Städten, wie auch in Innsbruck und Bregenz, leben und arbeiten Israelis und Juden mit anderer Staatsbürgerschaft bei diversen Firmen. Diese Menschen kommen jetzt verstärkt zu den Veranstaltungen, die von den jüdischen Gemeinden organisiert werden – und auch säkulare Juden frequentieren jetzt die Bethäuser, weil sie sich in dieser Gemeinschaft wohler und sicherer fühlen „und nicht jedes Wort auf die Waagschale legen müssen“, formuliert es Präsident Rosen. „Vielleicht ist das auch eine Chance, diese Menschen ins Boot der Gemeinde zu holen.“

Traurig findet er, dass eine Klezmer-Band aus Slowenien ihre Teilnahme an der Gedenkfeier an die Pogromnacht vom 9. November 1938 kurzfristig aus Angst um ihre Sicherheit abgesagt hat. „Sie seien Familienväter, hieß es. Da sieht man dramatisch, wie die Angst auch das jüdische Kulturleben beeinflusst.“ Aber noch bedenklicher empfindet Elie Rosen den Umstand, dass der Verein „Omas gegen Rechts“ ihre bereits getätigte Anmeldung zu diesem Konzert nach einem Bericht in der Kronenzeitung storniert hat. „Wenn es brenzlig wird, dann schwindet auch die Solidarität. Ob es nur Angst ist, oder Angst, dass man sich zu stark gegen links positioniert, weiß ich nicht. Schäbig ist es auf jeden Fall.“

Die ganz bösen Mails kämen nicht von Muslimen, sondern von sogenannten Altösterreichern, erzählt Rosen. Beispiele dafür: „Ihr Juden verhaltet euch wie die Nazis.“ Oder: „Ihr gehört ausgelöscht, weil ihr seit tausenden Jahren keine Ruhe gebt.“ Von der extremen politischen Linken wiederum komme der vorgeschoben antiisraelisch orientierte Antisemitismus. „Mich hat jetzt ein Grazer Stadtrat, mit dem ich seit vielen Jahren thematisch viel Positives auf die Beine gestellt habe, angerufen und gesagt: ‚Elie, ich habe nicht gewusst, wie viele Antisemiten es hier gibt.‘ Er hat geklungen wie ein naives Kind, das jetzt erst etwas realisiert.“ Da Graz seit Langem eine relativ große Dschihadisten-Szene beherbergt, ist der IKG-Präsident mit der Arbeit der Polizei und des Verfassungsschutzes zufrieden, die großes Augenmerk darauf richten.

Ein Beispiel, wie sehr es auf einzelne Persönlichkeiten ankommt, bietet für Präsident Rosen die katholische Kirche, zu der er bisher guten Kontakt hatte. „Wilhelm Krautwaschl, Bischof der Diözese Graz-Seckau, hat sich überhaupt nicht geäußert; hingegen hat sich der Erzbischof von Salzburg, Franz Lackner, eindeutig proisraelisch positioniert. Beide sind Vorbilder, daher färben ihre Prioritäten auf die Basis ab.“

Was können Aufklärung und Veranstaltungen an der Gesamtsituation ändern? „Ich glaube nichts, auch abgesehen von den Muslimen. Weder radikale Muslime noch die gegen Israel gerichteten Antisemiten können durch eine Veranstaltung verändert werden. Da bin ich radikal. Ich setze meine Hoffnung auch nicht auf Programme mit 38 Punkten und vier Stunden Workshop. Wer 85 Jahre nach der Shoah mit sechs Millionen Opfern noch immer antisemitisch fühlt und denkt? Ich konzentriere mich lieber auf Menschen, die mir positiv gesinnt sind, denn diese können Multiplikatoren im besten Sinne werden.“

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