Über antisemitische Kontinuitäten

Der Judenhass, der schließlich zur Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden und Jüdinnen in der Shoah führte, war in Österreich schon in den Jahrzehnten vor der Machtübernahme Adolf Hitlers stark präsent. In der Ersten Republik waren vor allem Vereine und Klubs Gewächshäuser für rechte Ideen inklusive Antisemitismus. Ein neues Buch, herausgegeben von Linda Erker und Michael Rosecker, macht sich nun auf die Suche nach den Spuren dieser antisemitischen und rechten Netzwerke in der Zwischenkriegszeit.

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Linda Erker/Michael Rosecker (Hg.): Antisemitische und rechte Netzwerke in der Zwischenkriegszeit. Zur Bedeutung informeller Machtstrukturen für die politische Radikalisierung in Österreich. Verlag Karl-Renner-Institut 2023, 327 S., € 14,90

Der Antisemitismus spielte in der Zusammenarbeit von Christlichsozialen, Deutschnationalen und Nationalsozialisten eine wichtige Rolle: Er bildete die weltanschauliche Klammer. Gepflegt und geschürt wurde er in einer Vielzahl von Vereinen und Klubs – dabei verband sich der von der katholischen Kirche und christlicher Volksfrömmigkeit traditionell gepflegte religiöse Antijudaismus mit dem pseudowissenschaftlich-rassistischen Antisemitismus. „Eigenständige Formen des Judenhasses trafen auf west- und osteuropäische Einflüsse. Gemeinsam machten sie die österreichische Variante zu einer der ausgeprägtesten in West- und Zentraleuropa – lange vor Adolf Hitlers Machtübernahme in Deutschland 1933“, halten Linda Erker und Michael Rosecker in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Antisemitische und rechte Netzwerke in der Zwischenkriegszeit fest.

Schon im habsburgischen Vielvölkerstaat sei Antisemitismus in Teilen der politischen Eliten eine spezifische politische Identifikationsrolle zugekommen. „In deutschnationalen Kreisen und den schlagenden Burschenschaften der Donaumonarchie wurde der völkisch-rassistisch begründete Antisemitismus nach dem Zerfall der alten liberalen Honoratiorenparteien ab den 1870er-Jahren dominantes politisches Element.“ Ins Zentrum rückte in diesen Kreisen die Vorstellung einer „nationalen Volksgemeinschaft“, die auf einer „rassenbiologischen Zugehörigkeit“ beruhte. Dem Antisemitismus sei aber eben auch eine Brückenfunktion zwischen bürgerlichen Parteien zugekommen. Karl Lueger zum Beispiel habe im Slogan „Antisemiten vereinigt euch!“ den weltanschaulichen Kitt und das politische Werkzeug erkannt, um bürgerliche Kooperation zu schaffen.

Anton Jerzabek war Vertreter des rechten Flügels innerhalb der CS und Gründer des Antisemitienbunds. © https://commons.wikimedia.org/wiki /File:Anton_Jerzabek

Auch in der Ersten Republik hatten verdeckte elitäre Machtstrukturen erheblichen Einfluss – und einige der männlichen Netzwerke waren auch daran beteiligt, Österreich nationalsozialistisch zu unterwandern. Eines davon war der Deutsche Klub. Er wurde, wie der Historiker und Soziologe Andreas Huber in dem Band nachzeichnet, bereits 1908 gegründet und sei der einflussreichste deutschnationale Verein Österreichs gewesen. Mit Beginn der 1930er-Jahre war er wichtiges Refugium für Mitglieder der NSDAP, besonders ab deren Verbot 1933. Nach dem „Anschluss“ kamen viele Mitglieder in Spitzenpositionen. Wer aber waren die Mitglieder in diesem Deutschen Klub? Huber hat sich hier durch Mitgliederverzeichnisse und das Vereinsperiodikum gearbeitet. Dabei fielen ihm interessante soziologische Zusammenhänge auf. Demnach waren nach dem Ersten Weltkrieg 45 Prozent der Mitglieder öffentlich Bedienstete. Diese Beschäftigtengruppe wurde in der Ersten Republik einerseits dezimiert, andererseits finanziell schlechter gestellt.

Einerseits wurden ihre Gehälter und Bezüge nicht an die gestiegenen Lebenshaltungskosten auf Grund von Hyperinflation angepasst. Andererseits waren öffentlich Bedienstete besonders von den Genfer Protokollen betroffen. Die Republik Österreich erhielt eine Völkerbundanleihe über 650 Millionen Goldkronen, musste dafür aber ein Reform- und Sanierungsprogramm zusagen. Eine Folge davon waren 84.000 Entlassungen und Frühpensionierungen, wodurch ein Drittel der öffentlich Bediensteten ihren Posten verlor. Und dann kam es Anfang der 1930er-Jahre auch noch zum Zusammenbruch der Creditanstalt. Um hier die Sanierungskosten zu decken, kürzte die Regierung die Beamtengehälter und senkte die Zahl der Angestellten im Bundesdienst ab 1930 innerhalb von drei Jahren von 195.000 auf 166.000. Viele der Betroffenen wandten sich der NSDAP zu.

Eine wichtige Gruppe innerhalb der öffentlich Bediensteten seien zudem die Offiziere gewesen, betont Huber in seinem Beitrag. Sie waren zwar innerhalb des Deutschen Klubs keine wirklich große Gruppe, hatten aber einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Klubs. Das Heer wurde nach dem Ersten Weltkriegs drastisch verkleinert. Von 9.000 Berufsoffizieren in der Monarchie wurden nur 2.100 in das Österreichische Bundesheer übernommen. Tausende Offiziere wurden beschäftigungslos und mussten sich eine neue Existenz aufbauen. Das wiederum habe sie für antidemokratisches und radikales Gedankengut empfänglich gemacht. Gleichzeitig brauchten sie Netzwerke, um beruflich wieder zu reüssieren. Hier bot der Deutsche Klub ein gutes Umfeld.

Die Radikalisierung wurde in Österreich von
vielen verschiedenen Gruppen vorangetrieben,
der Hass gegen Juden war dabei das verbindende Element.

 

Antisemitische Allianzen. Ein anderer Verein benannte seinen Zweck bereits unmissverständlich in seinem Namen: der Antisemitenbund. Diesen 1919 gegründeten Verein, der wiederum auf ähnlichen Vereinen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg existierten, basierte, nimmt der Wissenschaftsjournalist Klaus Taschwer näher unter die Lupe, muss dabei aber feststellen, dass es bis heute keine umfassende Aufarbeitung des Antisemitenbunds gibt. Klar ist allerdings, dass dieser mithalf, in Wien jenes antisemitische Klima zu schaffen, das mit dem „Anschluss“ 1938 für die jüdische Bevölkerung nicht nur Anfeindung, sondern persönliche Bedrohung brachte.

Schon bei seiner Gründung 1919 machte der Antisemitenbund die Schuldigen für die schwierige Situation des Landes aus: die Kriegsflüchtlinge aus dem Osten (sie wurden als „Ostjuden“ diffamiert), aber auch die schon länger in Wien lebenden Personen jüdischer Herkunft (egal, ob sie der IKG angehörten oder zu einer anderen Religion konvertiert waren). Interessant auch eine Wortmeldung eines christlichsozialen Politikers aus dem Gründungsjahr: Leopold Kunschak, er gilt als Mitbegründer der Zweiten Republik, empfahl Parteimitgliedern den Beitritt zum Antisemitenbund.

Dazu hält Taschwer fest: „Kunschaks Empfehlung, dem Antisemitenbund beizutreten und die Obmannschaft eines christlichsozialen Politikers in diesem Verein sind nur zwei von vielen Hinweisen darauf, wie wichtig der Antisemitismus als Thema für die Christlichsoziale Partei in dieser Zeit war. In klassischer rechtspopulistischer Weise wurde den jüdischen Migrant:innen, aber auch der assimilierten jüdischen Bevölkerung Wiens die Schuld für die politische und wirtschaftliche Krisensituation gegeben. Antisemitismus wurde dann auch zum großen Wahlkampfthema im Laufe des Jahres 1920, und dafür kam es auch zu strategischen Allianzen zwischen dem Antisemitenbund und den Christlichsozialen.“

Der Antisemitenbund schürte aber nicht nur den Hass gegen Juden und Jüdinnen. Er erstellte auch „Judenkataster“, sammelte also Informationen, wer jüdisch war, wo er oder sie wohnte und was er oder sie besaß. „Und die Protagonisten dieses Vereins nahmen in ihren Reden und Texten Elemente jener Vertreibungs- und Vernichtungspläne vorweg, die nach 1938 von NS-Politikern und -Bevollmächtigten brutal vollstreckt wurden“, so Taschwer.

Ressentiments gegen Juden und Jüdinnen wurden aber nicht nur in den Burschenschaften, im Deutschen Klub oder im Antisemitenbund befördert. Auch andere Netzwerke sind hier zu benennen: Teile des katholischen Klerus sowie katholische Laien, die sich etwa im Volksbund engagierten, beispielsweise, aber auch der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) sowie der 1933 abgespaltene Österreichische Cartellverband (ÖCV), Cliquen an der Universität Wien, aber auch der Alpenverein.

Fazit: Die Radikalisierung wurde in Österreich von vielen verschiedenen Gruppen vorangetrieben, der Hass gegen Juden war dabei das verbindende Element. Eine prominente Rolle kam dabei den Christlichsozialen – den Vorgängern der heutigen Volkspartei – zu. Im Namen von Leopold Kunschak, der sowohl die ÖVP wie auch den ÖABB mitbegründete und von 1945 bis 1953 Präsident des Nationalrats war, wurden übrigens seit 1965 Jahrzehnte lang von der ÖVP Wissenschafts- und Publizistikpreise vergeben. 2016 nahm der Journalist Andreas Schnauder den Preis unter Hinweis auf Kunschaks Antisemitismus nicht an – seitdem wurde der Preis nicht mehr vergeben. Aus 1936 ist diese Aussage Kunschaks überliefert: „Entweder löst man die Judenfrage rechtzeitig nach den Eingebungen der Vernunft und Menschlichkeit, oder sie wird gelöst werden in der Form des vernunftlosen Tieres, in der es seinen Feind angeht, in Formen wildgewordenen und unbändigen Instinkts.“

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