Editorial

Gedanken zu Rosch Haschana 5784

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Die Tage zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur

Kämpfen wir mit der realistischen Hoffnung, nicht um all das Unrecht in der Welt zu zerstören, sondern um das Gute in ihr wiederherzustellen.
Elisabeth E. Wein

Nach diesem nicht nur in Hinblick auf das Wetter turbulenten Sommer, der wohl nur ein weiterer Vorgeschmack auf kommende Klimaveränderungen war, versucht uns nun der Herbst mit seinen freundlichen Sonnenstrahlen mit dem Stress des Schulbeginns und der wiedergekehrten Alltagshektik zu versöhnen. Und die Hohen Feiertage stehen bereits vor der Tür.

In einigen Tagen werden Jüdinnen und Juden den Alltag beiseitelegen und sich auf das Neujahrsfest vorbereiten, um gleich danach in aller Ruhe Bilanz zu ziehen. Die Tage zwischen Rosch haSchana und Jom Kippur geben uns die Möglichkeit, all das Gute, das wir in die Welt gebracht haben, beziehungsweise jenes, das wir zu tun verabsäumt haben, auf die Waagschalen zu legen. Sie ermöglichen uns, unser Leben von außen zu betrachten, zu erkennen, was daran gut ist und was noch besser gemacht werden könnte.

Schindlers Liste hat jenen Teil der Welt, der privilegiert genug ist, ins Kino zu gehen und sich über moralische Fragen Gedanken zu machen, tief geprägt. So auch mich. Die Szene, als Schindler Bilanz zieht, bevor er flüchtet, und verzweifelt aufzählt, was er noch alles unternehmen hätte können, um weitere Leben zu retten, hat sich wie ein Filter über die Art, wie ich mein Tun wahrnehme, gelegt.

Was gut ist, entscheiden wir je nach unserem ganz individuellen Moralkodex, der uns mitgegeben und durch Lebenserfahrung weiterentwickelt wurde. Die Zeit zwischen Neujahrstag und Versöhnungstag bietet alljährlich eine gute Möglichkeit, dieses Regelsystem auf seine Tauglichkeit hin neu zu überprüfen.

Ich gehe davon aus, dass die meisten von uns grundsätzlich Gutes tun und die Welt einst ein wenig besser hinterlassen möchten, als wir sie betreten haben. In Zeiten ebenso drastischer Klima- wie politischer Veränderungen und angesichts der digitalen Entwicklungen scheint dieses Vorhaben eine kaum bewältigbare Herausforderung zu sein. Die Folgen von KI sind unabsehbar, auch wenn sie derzeit noch einem hochentwickelten Papagei ähnelt, das wir mit unserem heutigen digitalen Verhalten zu jenem Wortschatz erziehen, den es zukünftig benutzen wird. Sind wir uns dieser Verantwortung bewusst? Kriege, Krisen und Klimawandel sind Realität, doch wie viele Abstriche sind wir bereit zu machen, damit die Welt auch hinter uns nicht in der Sintflut versinkt? Können wir ein bisschen mehr verzichten, mehr Mitgefühl und Solidarität für unsere Umwelt und mehr Sensibilität für gefährliche gesellschaftspolitische Tendenzen entwickeln, um für die Benachteiligten von heute und die Generationen nach uns so viel Schönheit und Freude wie möglich hinüberzuretten? Handeln wir heute so, dass wir uns morgen nicht fragen müssen, wie viel mehr wir noch hätten tun sollen und können?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen die richtigen Fragen und inspirierende Antworten, eine erfüllte Zeit mit Ihren Lieben und uns allen ein süßes und git gebenschtes Jahr 5784 in Gesundheit.

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