Jüdische Bürger auf den Schlachtfeldern

Ein neues Buch beschreibt die Teilnahme amerikanischer Juden am blutigen Sezessionskrieg 1861 bis 1865.

817
Eine 15-Inch-Rodman-Kolumbiade, die im amerikanischen Bürgerkrieg zum Einsatz kam.

Der amerikanische Bürgerkrieg war zwar weit weg, aber er wurde in Europa genau beobachtet, auch in jüdischen Kreisen. So berichteten etwa der Hessische Israelit und das Wiener Fremdenblatt im Jahr 1865 über einen Oberst Grün, einen europäischen Emigranten, wie dieser am höchsten Feiertag Jom Kippur zwar fastete, aber dennoch kämpfte. Im Feldspital, wo er wegen einer Verletzung behandelt wurde, versammelte er neun weitere jüdische Soldaten zum Gebet.

Diese Anekdote, von der man nicht genau weiß, ob sie stimmt oder eine Fabel ist, findet sich im aktuellen Buch des südafrikanischen Historikers vom Kaplan Center for Jewish Studies in Kapstadt, Adam D. Mendelsohn: Jewish Soldiers in the Civil War. The Union Army. Dieses beschreibt den Einsatz jüdischer Amerikaner im blutigen Sezessionskrieg der Jahre 1861 bis 1865 und ihre Motivationen, sich freiwillig zu melden, egal ob sie Neueinwanderer waren oder bereits im Land geboren.

Der Krieg, der heute vor allem am Thema Sklavenbefreiung erinnert wird, hatte mehrere ökonomische wie politische Ursachen. Die nördlichen und südlichen Staaten in den USA hatten sich wirtschaftlich unterschiedlich entwickelt, mit unmittelbaren Folgen auf ihre Handelspolitik. Der industrielle Norden wollte mit Zöllen seine Fabriken vor internationaler Konkurrenz schützen, der Süden, der vor allem Agrargüter wie Baumwolle exportierte, fürchtete durch ein Zollregime negative Auswirkungen auf seine eigenen Lieferungen nach Europa. Überdies hing seine Plantagenwirtschaft von der billigen Arbeitskraft ab, von massenhaftem Einsatz afroamerikanischer Sklaven. Als sich keine Kompromisse erzielen ließen, spalteten sich die Südstaaten ab, der Norden bestand auf einem einzigen Bundesstaat, es kam zum Krieg.

Dieser sollte länger andauern als gedacht, mit blutigen Schlachten und zeitweisen Vorteilen der einen oder anderen Seite. Die Bilanz nach dem Sieg der Union über die Konföderierten nach vier Jahren war schrecklich: verwüstete Landstriche und niedergebrannte Städte; geschätzte 750.000 Soldaten fielen dem Krieg zum Opfer, dabei starben mehr von ihnen an Krankheiten wie Typhus, Ruhr und Malaria als an Kugeln und Schrapnellen; zusätzlich dürften etwa 50.000 Zivilisten, mehrheitlich im Süden, gestorben sein. Mindestens 60.000 Amputationen in Feldspitälern verweisen noch auf die große Zahl Verletzter, Verstümmelter oder psychisch Geschädigter.

Warum interessierten sich schon die europäischen Zeitgenossen der amerikanischen Soldaten für das Geschehen jenseits des Ozeans? Mendelsohn beginnt sein Buch mit August Bondi aus Wien, der ein Kriegstagebuch hinterlassen hat. Er war ein 1848er-Revolutionär, der wie viele andere Gleichgesinnte aus Österreich und aus deutschen Ländern nach der Niederlage in die USA emigriert oder geflüchtet war. Bondi kämpfte dann im Sezessionskrieg auf Seiten der Union wieder für eine Sache, an die er glaubte, hier eben gleiche Rechte und die Befreiung der Sklaven, wie er in Europa für die Demokratie gefochten hatte.

Idealismus war es freilich nicht überall, der jüdische Amerikaner die Uniform anziehen ließ. Sie folgten einerseits – nach dem Kriegsbeginn durch einen Überfall der Konföderierten auf ein Fort des Nordens – einem kurzzeitigen Kriegstaumel, der der späteren Stimmung im Europa des Jahres 1914 ähnelte. Aber vor allem lockte die Armee Arme, Hoffnungslose und Verschuldete zu ihren Fahnen.

„Er war stolz darauf, Freimaurer, Jude und 48er zu sein,
und auch darauf im Sezessionskrieg gedient zu haben.“
Adam D. Mendelsohn über August Bondi

Zu ihnen gehörte etwa Marcus Spiegel aus Ohio, ein Stoffhändler auf dem Land, dessen Geschäfte nicht gut liefen und der sich in der Armee zweierlei erwartete: erstens ein Schuldenmoratorium gegen seinen drohenden Konkurs und zweitens einen soliden, ordentlich bezahlen Job. Er hoffte auf eine Stelle wie Zahlmeister. Spiegel, in Hessen geboren, war anfangs übrigens gar nicht gegen die Sklaverei eingestellt, doch diese Meinung sollte er ändern. Er bewährte sich im Gefecht, wurde zum Offizier befördert und schrieb in einem Brief an seine Frau: „Ich werde aus dem hier mit Ehre und Geld wieder herauskommen.“

Sehnsucht nach Status und Anerkennung. Ein weiterer Grund, sich zu verpflichten, neben Jingoismus und Armut, war, sich als Neueinwanderer in Amerika zu bewähren und Status zu erlangen. „Vier von fünf Juden in der Nordstaaten-Armee waren im Ausland geboren“, schreibt Mendelsohn. Die rund 9.000 jüdischen Soldaten (die überwiegende Mehrheit auf Seite des Nordens) entsprachen mehr als ihrem Bevölkerungsanteil, die großen Einwanderungen aus Osteuropa hatten noch nicht eingesetzt. Es gab in den USA zu der Zeit lediglich etwa 150.000 bis 200.000 Juden, ein halbes Prozent der Gesamtpopulation.

Die Sehnsucht nach Anerkennung hatten sicherlich auch andere, christliche Immigranten. Für sie galt ebenso die freiwillige Meldung zur Armee als verlockende Integrationschance. Zu den jüdischen Soldaten zeigte sich hingegen ein großer Unterschied: Während es ganze deutsche oder irische Regimenter gab, blieben die Juden in der Armee zum größten Teil vereinzelt, auf viele Einheiten aufgeteilt. Das machte es ihnen schwer bis unmöglich, genügend Männer zum Beten zusammenzubekommen, von koscherer Verpflegung konnte keine Rede sein, es gab „Schweinefleisch, Schweinefleisch, Schweinefleisch“, wie einer klagte.

Adam D. Mendelsohn: Jewish Soldiers in the Civil War. The Union Army. New York University Press 2022, 336 S., 35$

Diese Zersplitterung half ihnen aber auch, sich mehrheitlich unter den bereits einsetzenden antisemitischen Anfeindungen wegzuducken. Laut Mendelsohn betrafen diese etwa betrügerische Armeelieferanten, von denen es in der Realität gar nicht viele jüdische gab. Und es bezog sich auf den unrühmlichen Befehl von General Ulysses S. Grant, aus seinem Kommandobereich, der mehrere Staaten umfasste, Juden auszuweisen, weil es Korruption bei der Versorgung und Schmuggel mit dem Süden gegeben hatte. Das lastete er kollektiv den Juden an. Präsident Abraham Lincoln hob diesen Befehl umgehend wieder auf.

Die Schrecken des Krieges schilderten manche jüdischen Soldaten in ihren Briefen nach Hause. So schrieb etwa Friedrich Kappelmann davon, dass „Tote auf beiden Seiten liegen, wie gemähtes Gras, einer ohne Kopf, ein anderer, dem beide Beine fehlten, einem hingen die Eingeweide heraus, wieder ein anderer war ohne beide Arme.“ Manche Familien verloren gleich mehrere Söhne, oder diese kamen als Versehrte nach Hause. Derartige Berichte von den Fronten schlugen sich dann in einem Rückgang der freiwilligen Meldungen nieder, so dass zunächst die Konföderierten 1862 die Wehrpflicht einführten, die Union ein Jahr später.

Das führte allerdings zu heftigem Widerstand. In New York kam es etwa zu so blutigen Aufständen, dass sogar von Gettysburg größere Armeeeinheiten in die Stadt verlegt werden mussten. Zwar wurden nicht ganze Jahrgänge zwangsverpflichtet, sondern nur Männer, die in einer Art Lotterie gezogen wurden. Was aber den gewalttätigen Unmut auslöste, war die Ungleichheit: Wer es sich leisten konnte, mochte einen Ersatzmann schicken oder sich überhaupt freikaufen; das tat dann schließlich New York für seine Bürger. Unter dem Strich blieb die Wehrpflicht aber unbedeutend, die überwiegende Zahl der Soldaten waren weiterhin Freiwillige, die sich von 100 Tagen bis zu mehreren Jahren verpflichten konnten.

Wie durchlässig war die damalige Armee für Juden, die die Karriereleiter hinaufklettern wollten? Es gab durchaus Chancen, Offizier, sogar hoher Offizier zu werden. Dabei kamen manchen Europäern ihre „Vordienstzeiten“ bei Armeen oder Revolutionskorps zugute. Eine kleine Liste von Brigadegenerälen in Mendelsohns Buch nennt etwa Henry Moses Judah, Leopold Blumenberg, Jones Frankle, Frederick Knefler, Charles Mundee oder Edward Selig Salomon. Die Liste der Obristen und Oberstleutnants ist länger, hier fand etwa auch Marcus Spiegel Aufnahme.

Der Weg zurück ins Zivilleben war – wie bei jedem Krieg – für viele schwer. August Bondi, der Wiener 48er, der vor dem Sezessionskrieg Bauer in Kansas gewesen war, schrieb nach dem Abrüsten, er werde weiterhin demokratische Politik betreiben, „um die Herrschaft der republikanischen Buchmacher zu beenden“, mit denen er sich kurzzeitig im Kampf gegen die Sklaverei verbündet hatte. Für sein eigenes Begräbnis plante er eine eigenwillige Kombination aus freimaurerischem Bestattungsritual und Kaddisch-Gebeten seiner Kinder. Mendelsohn: „Er war stolz darauf, Freimaurer, Jude und 48er zu sein, und auch darauf, im Sezessionskrieg gedient zu haben.“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here