Wenn das Trauma mitflüchtet

„Der Geruch von Ruß und Rosen“ heißt der dritte Teil der Jugendroman-Serie von Autorin und Kolumnistin Julya Rabinowich – nicht nur für Teenager, sondern auch für Erwachsene.

1636

Im dritten Teil ihrer Jugendroman-Serie rund um das Flüchtlingsmädchen Madina mit dem Titel „Der Geruch von Ruß und Rosen“ beschreibt Julya Rabinowich eindringlich, wie Krieg, Folter und Verfolgung Menschen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch beschädigen. Diesen Dienstag präsentiert die Autorin (und WINA-Kolumnistin) ihren neuen Roman im Jüdischen Museum Wien (JMW).

Madina hat über die Jahre viel erlebt: Krieg und Flucht, den Kampf um das in der neuen Heimat bleiben Dürfen, das Deutsch Lernen, das in der Sicherheit ausgegrenzt Werden. Kaum war ein Schritt nach vorne gemacht, stellte sich ein neues Hindernis in den Weg. In „Der Geruch von Ruß und Rosen“ ist der Krieg in der alten Heimat endlich zu Ende und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion macht sich der Teenager gemeinsam mit ihrer Tante auf die Suche nach dem inzwischen verschollenen Vater.

Es wird eine mehr als unangenehme Reise werden, mit einem Unglück, das Madina erst nach ihrer Rückkehr in die neue Heimat wirklich einordnen wird können, und mit einem kleinen Happy End, denn es gelingt ihr, den Vater aufzuspüren. Doch Glück ist etwas Zerbrechliches und Menschen verändern sich, wenn ihnen Gewalt angetan wurde. Die Familienzusammenführung ist daher schließlich ein ziemlich schmerzhaftes Unterfangen für alle – für Madina, für ihren Bruder, für ihre Mutter, aber auch für die Familie, die sie so herzlich bei sich aufgenommen hat.

Was Rabinowich auch in dieser Madina-Geschichte wunderbar gelingt: sich einerseits in die Teenager-Perspektive einzufühlen. Und andererseits die Leser und Leserinnen Stück für Stück in das Innenleben geschundener Seelen hineinzuführen. Da ist nichts weiß und schwarz, da gibt es viele emotionale Graustufen, da gibt es aber vor allem ein Hin- und Hergerissen-Sein zwischen dem Dort und dem Da, dem Früher und Heute, den Begehrlichkeiten der Eltern und den Vorstellungen, wie das eigene Leben, die eigene Zukunft aussehen soll. Wie Madinas Leben schließlich weitergeht? In „Der Geruch von Ruß und Rosen“ skizziert die Autorin einen interessanten, durchaus selbstbestimmten Weg. Ob Madina diesen schließlich gehen wird?

Eine zentrale Rolle schreibt Rabinowich in dem Roman der Psychotherapie zu. Sowohl Tochter als auch Mutter befinden sich in Therapie, nur so gelingt es ihnen Step by Step, mit Fortschritten und auch immer wieder Rückschritten die Dämonen der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hereinreichen, zu bekämpfen. Und ja, man spürt, dass die Autorin hier genau weiß, wovon sie schreibt: Rabinowich flüchtete selbst als Kind mit ihrer Familie aus dem heutigen St. Petersburg nach Wien, vor allem aber begleitete sie viele Jahre Kriegsgeflüchtete als Dolmetscherin.

Das Land, aus dem Madina fliehen musste, wird nicht näher namentlich genannt, es ist ein fiktives Kriegsgebiet, stellvertretend für so viele Konflikte im Hier und Heute. Und somit steht Madinas Geschichte auch stellvertretend für so viele Flucht- und Verfolgungsgeschichten, die mit Traumata einhergehen, die in Menschen tiefe Narben hinterlassen und sie oft in Personen verwandeln, die sie eigentlich nicht sein wollen und die auch das Ankommen in einem neuen Leben so schwer machen. Gerade davon können auch viele jüdische Familien erzählen. Indem Rabinowich, deren Familie in der ehemaligen Sowjetunion als Juden nicht wohl gelitten waren und daher das Land verließen, den Abschluss ihrer Madina-Reihe nun im Jüdischen Museum präsentiert, schließt sich nun auch ein Kreis.

Empfehlung, nicht nur für Teenager, sondern auch für Erwachsene. Und, mit ihrer wunderbaren Selbstironie, sorgt Rabinowich unter anderem mit einer Art Cameo-Auftritt trotz der Schwere der Handlung für Schmunzeln und ein Stück Heiterkeit. Das Leben ist eben nicht nur so oder so – auch bei den Befindlichkeiten kann sich oft viel parallel abspielen.


BUCHTIPP

Julya Rabinowich
Der Geruch von Ruß und Rosen
Hanser Verlag, München 2023
240 Seiten, € 19,-

VERANSTALTUNGSTIPP

Buchpräsentation im Jüdischen Museum Wien
Dienstag 19. September um 18.30 Uhr

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here