„EIN ABBILD ÖSTERREICHISCHER KULTUR“

Seit Jahrzehnten sammelt Günther Havranek mit dem Verein Rettet den Stephansdom erfolgreich Spenden für das Wahrzeichen im Zentrum Wiens. Später bemühte er sich um das TierQuartierWien. Sein jüngstes Projekt ist der 2017 gegründete Verein Rettet den jüdischen Friedhof Währing. Im Gespräch mit WINA erzählt Havranek, warum ihm dies ein Anliegen ist, aber auch, dass dies sein bisher schwierigstes Unterfangen ist.

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Günther Havranek (M.) leistet mit seinen Vereinen Wesentliches zum Erhalt des Stephansdoms und des jüdischen Friedhofs, den er hier unter anderen wichtigen Mitstreiter:innen mit Kardinal Christoph Schönborn und IKG-Rabbiner Schlomo Hofmeister besucht. © Isabelle Ouvrard / SEPA.Media / picturedesk.com / Verein Rettet das jüdische Friedhof

Als kleiner Bub spielte Havranek in den Nachkriegsjahren auf dem Jüdischen Friedhof Währing. Wenn der 1938 geborene und in Währing aufgewachsene Wirtschaftsprüfer darüber erzählt, klingt es fast wie eine Mutprobe. „Wir waren oft da und kamen uns sehr tapfer vor, als wir in der Dämmerung über die Mauer stiegen.“ Und ergänzt schmunzelnd: „Aber der Golem ist nicht gekommen.“ Lange hatte er sich nicht mehr an die Abenteuer von damals erinnert. Doch dann wurde er von der Historikerin Tina Walzer zu einer Führung über das Friedhofsareal eingeladen. „Das war so ein Déjà-vu-Erlebnis. Ich betrat den Friedhof, und es fühlte sich vertraut und gleichzeitig verschwommen an.“ Den Eindruck, den er aus dem Heute mitnahm: „Es kümmert sich niemand um den Friedhof.“

Seit vielen Jahren bemüht sich die IKG um die Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich. Der damalige IKG-Präsident Ariel Muzicant hatte das Thema bei den Entschädigungsverhandlungen um die Jahrtausendwende immer wieder auf die Agenda gesetzt. Es wurde schließlich Teil des Pakets von 2001, eine konkrete Lösung allerdings erst in den darauffolgenden Jahren ausgearbeitet. Inzwischen gibt es einen Fonds. Um hier Mittel abrufen zu können, ist allerdings eine Kofinanzierung nötig. Soll heißen: Um einen Euro an Förderung zu erhalten, muss die IKG selbst einen Euro in die Sanierung eines Friedhofs investieren, wobei hier inzwischen zum Beispiel auch Freiwilligenarbeit angerechnet wird.

„Wenn man sich anschaut, wer
auf diesem Friedhof begraben liegt, dann ist
das ein Abbild der österreichischen Kultur.“
Günther Havranek

 

Der Jüdische Friedhof Währing ist dabei ein Mammutprojekt: Einerseits ist der Biedermeierfriedhof, der ab 1784 belegt und in den 1880er-Jahren dann vom Ersten Tor am Zentralfriedhof abgelöst wurde, grundsätzlich alt, andererseits wurden Gräber im Nationalsozialismus einerseits aufgelöst, andererseits ein Teil des Friedhofs überhaupt aufgelassen – heute steht dort ein Gemeindebau. Und das Areal ist mit 21.000 Quadratmetern auch ziemlich groß. Es muss im Rahmen einzelner Projekte daher ein kleines Feld nach dem anderen saniert werden.

Stichwort Freiwilligenarbeit: Die Grünen laden seit Jahren regelmäßig Interessierte ein, gemeinsam an Sonntagen das Friedhofsareal von Wildwuchs zu befreien. Doch am Ende ist nicht alles mit Gartenschere zu erledigen und reichen ein paar Stunden Arbeit alle paar Wochen nicht aus. Da gehören auch Bäume gefällt. Da müssen vor allem umgefallene Grabsteine wieder aufgerichtet und restauriert werden.

Der Jüdische Friedhof Währing: 1784 eröffnet und 1879 geschlossen, wird er seit über einer Dekade Schritt für Schritt renoviert. © Isabelle Ouvrard / SEPA.Media / picturedesk.com / Verein Rettet das jüdische Friedhof

Havranek weiß dank jahrelanger Erfahrung mit der Restaurierung des Stephansdoms, wie man an solche Mammutaufgaben herangeht. Er bemühte sich zunächst um Know-how, erkundigte sich also etwa sowohl beim Stadtgartenamt wie auch im Rabbinat, was hier zu berücksichtigen ist. Und er holte Jennifer Kickert von den Grünen, die sich hier bereits seit Längerem engagiert, ins Boot und gründete 2017 die als Vorstandsverein organisierte Initiative Rettet den Jüdischen Friedhof Währing.

Und hier Mittel aufzustellen,
ist wesentlich schwieriger als für den Stephansdom
oder den Tierschutz.

 

Seitdem ist viel passiert. So konnte Havranek das Bundesheer dafür gewinnen, eine Woche lange den Friedhof von Wildwuchs zu säubern. Erstmals gelang es damit, das ganze Areal zu bearbeiten und damit auch Steine freizulegen, die die Freiwilligen bis dahin nie erreicht hatten. Denn, das sagt Havranek auch: Dieses Projekt ist in mehrerer Hinsicht Sisyphusarbeit. Da bahnt sich einerseits die Natur immer wieder ihren Weg. Da muss die Sanierung andererseits in viele kleine Etappen zerlegt werden, denn: Das Restaurieren der Steine kostet viel Geld. Um eine Teilfläche mit 60 bis 70 Gräbern zu sanieren, braucht man um die 80.000 Euro. Und hier Mittel aufzustellen, ist wesentlich schwieriger als für den Stephansdom oder den Tierschutz.

Harte Überzeugungsarbeit. Wir hart das Bohren dieser Bretter werden würde, war Havranek nicht klar. „Menschen fühlen sich zwar angesprochen, aber nicht verpflichtet. Man muss mit jedem einzeln sprechen. Es ist nicht so, dass jemand seinerseits auf einen zukommt.“ Etwas enttäuscht ist Havranek auch über die bisher mäßige Spendenbereitschaft von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde – wenngleich er das Grundproblem versteht: Die Shoah hat die Community massiv dezimiert. Die kleine Gemeinde von heute kann nicht aus eigener Kraft die vielen über die Jahrhunderte gefüllten Gräber erhalten. Erschwerend kommen die Zerstörungen in der NS-Zeit und die vielen Jahrzehnte, in denen die Friedhöfe dem Verfall überlassen wurden, in denen also niemand die Pflege übernahm, hinzu. Immer wieder ist er in Gesprächen dann auch mit der Haltung konfrontiert, dass Juden und Jüdinnen sagen: Da braucht es eben Bemühungen der gesamten Gesellschaft.

Bilder aus dem Oktober 2020: Zahlreiche der zerstörten Gräber konnten bislang erhalten werden. Zahllose warten noch auf ihre Rettung. © Robert Newald / picturedesk.com; ALEX HALADA / picturedesk.com

VEREIN RETTET DEN JÜDISCHEN FRIEDHOF WÄHRING
Spenden, die für die Sanierung des Jüdischen Friedhofs Währing an das
Bundesdenkmalamt überwiesen werden, sind steuerlich absetzbar.
Bundesdenkmalamt 1010 Wien • BAWAG-PSK •
IBAN: AT07 0100 00000503 1050 •
BIC: BUNDATWW
Aktionscode für
die Spendenaktion: A283

Das kann Havranek auch nachvollziehen. Deshalb bemühte und bemüht er sich auch, hier auf der politischen Ebene Bewusstsein zu schaffen, aber ebenfalls konkret Mittel zu lukrieren. Enttäuscht ist er, selbst SPÖ-Mitglied, daher, bisher bei Bürgermeister Michael Ludwig nicht wirklich auf offene Ohren gestoßen zu sein. Hier gelang es aber nun im merhin, Mittel für eine Umgestaltung des 2012 bereits sanierten Taharahauses in einen Ausstellungsraum zu bekommen. Das Konzept stammt vom Architekturbüro KENH, die Fertigstellung soll im Frühjahr 2023 erfolgen.

Erfolgreicher in Sachen eigentlicher Friedhofssanierung verliefen Gespräche mit dem Vizekanzleramt. Für drei Jahre – von 2021 bis 2023 – gab beziehungsweise gibt dieser dem Verein jeweils 200.000 Euro aus dem Kulturbudget. Gespräche über weitere Mittel ab 2024 seien am Laufen. Mit dem Geld aus dem Kulturbudget gelang es zum Beispiel bereits, alle Gräber entlang der Westmauer zu sanieren, ebenso wie die Flächen gegenüber dem Friedhofseingang. Vorher-nachher-Aufnahmen sind hier eine eindrückliche Bilanz. Sie finden auch Eingang in die Tätigkeitsberichte, die der Verein einmal im Jahr veröffentlicht.

2021 konnten beispielsweise die Grabstätten der Familie Ephrussi und Epstein saniert werden, wie dem Tätigkeitsbericht für das vergangene Jahr zu entnehmen ist. Genau hier will Havranek ansetzen, um bei Menschen das Bewusstsein zu erhöhen, dass dieser Friedhof nicht nur Sache der Juden ist, sondern dass hier viele Familien begraben liegen, „die das Fundament für unser heutiges Wien gelegt haben. Wir leben heute auf der Basis dieser Pionierzeit. Da geht es um Industrie und Banken, um die Textilbranche, aber auch um die Eisenbahn. Ohne diese Familien gäbe es heute die Ringstraße nicht. Man könnte auch sagen: Wenn man sich anschaut, wer auf diesem Friedhof begraben liegt, dann ist das ein Abbild der österreichischen Kultur.“

Für diese Kultur will Havranek weiterkämpfen – und Spender und Spenderinnen in- und außerhalb der jüdischen Gemeinde für sein Projekt gewinnen. Zu oft ist ihm heute, wenn es um Erinnerungskultur geht, vom Holocaust die Rede, zu wenig vom Beitrag von Juden und Jüdinnen zum Wien von einst und damit auch dem Wien von heute. „Die Basis unserer Stadt haben nicht die tschechischen Ziegel- und nicht die italienischen Textilarbeiter geschaffen. Es waren die jüdischen Bankiers und Industriellen.“

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