Ein Trauma, das vererbt wird

In ihren Büchern beschäftigt sich die ehemalige Russland-Korrespondentin des ORF Susanne Scholl mit Familiengeschichten der jüngeren Vergangenheit und Schicksalen aus unserer Gegenwart. Welche Beziehungen und Parallelen es da geben kann, zeigt sie in ihrem neuen Roman Wachtraum auf.

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© Robert Newald

Fritzi ist eine starke Frau. Sie flieht aus dem nationalsozialistischen Wien nach England und kehrt bald nach dem Krieg mit Theo, den sie in der Emigration geheiratet hat, in ihre Geburtsstadt zurück. Ja, ihre Heldin Fritzi habe wohl einige Züge ihrer Mutter, die vor zwei Jahren hochbetagt gestorben ist, gesteht Scholl. „Sie hat sich halt immer wieder hineingedrängt ins Buch, wie im Leben auch.“ Ansonsten seien die geschilderten Lebensläufe fiktiv, und vor allem Lea, Fritzis Tochter, habe mit ihr rein gar nichts gemeinsam, wehrt die Autorin alle Versuche ab, irgendwelche autobiografischen Bezüge zum figurenreichen Erzählgeflecht ihres Romans herzustellen. „Es sind fiktive Biografien, die so sind, wie sie hätten sein können, und manche Personen sind natürlich schon so ähnlich, wie ich sie in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe. Jeder speist sein Schreiben ja aus seinem Reservoir an Erfahrungen.“

Die Nachgeborenen. Es ist das Biotop der jüdischen Wiener Emigranten, die vor allem aus England bald nach Kriegsende heimkehrten, beseelt von der Idee, hier den Kommunismus aufzubauen, in dem sowohl die Autorin als auch ihre Protagonistin Lea im Nachkriegs-Wien aufwuchsen. Gerade in den letzten Jahren wurde dieses sehr spezifische Milieu literarisch mehrfach aufgearbeitet. Claudia Erdheim etwa verfasste erst kürzlich die Biografie der Vilma Steindling, einer der Kämpferinnen dieser linken Emigrantenszene, die Auschwitz überlebt hatte. „Sie war eine gute Freundin meiner Mutter“, erzählt Scholl.

»Jeder speist sein Schreiben
aus seinem Reservoir an Erfahrungen.«
Susanne Scholl

In vielen psychologischen Details, in ihren Albträumen und Ängsten, ihrem Gefühl des Andersseins und letztlich auch in ihrer Hassliebe zu Wien ist Lea eine typische Nachgeborene.
„Es schreibt ja schon die zweite Generation und nicht die, die es erlebt hat. Diese Generation hat ein Trauma mitgekriegt und geerbt, und davon handelt auch mein Buch. Wir als Kinder jüdisch Verfolgter wissen ja genau, dass Flucht immer ein Trauma generiert, das vererbt wird, und das wollte ich aufzeigen. Als Tochter von Flüchtlingen, die überlebt haben, kann ich nicht zuschauen, wie man anderen das antut, was man meinen Eltern angetan hat. Ich habe auch große Ängste vor einem Rechtsruck und das Gefühl der Hilflosigkeit. Das, was ich tun kann, ist halt schreiben.“
Um ihr starkes Anliegen zu transportieren, erscheinen ihr Romane besser geeignet als Sachbücher, mit denen Scholl es auch schon versucht hat. „Aber da hatte ich weit weniger Resonanz.“

Susanne Scholl:
Wachtraum.
Residenz 2017,
220 S., € 22

Dennoch kommt die aktuelle Flüchtlingsfrage erst relativ spät ins Romangeschehen. Breiteren Raum nehmen die Wiener Vorkriegs- und Kriegszeit und der Holocaust ein, unter anderem mit tragischen Szenen aus dem Warschauer Ghetto, über das Scholl viel gelesen hat. „Über die Rolle der Frauen im Aufstand ist viel zu wenig bekannt.“ Weshalb sie einer heroischen, aber fiktiven Kämpferin ein literarisches Denkmal setzt. Kann man Derartiges erfinden? Man kann, meint die Autorin, wenn man genug darüber weiß. Und weil es damit ja nicht zu Ende ist, spannt Scholl in ihrem Wachtraum den Handlungsbogen bis zu einem Albtraum der Gegenwart, dem realen Terror in Paris, in dem einer von Leas Söhnen zu Tode kommt. Ein, wie sie meint, für die Romandramaturgie notwendiger Schicksalsschlag. Ihren eigenen Sohn, der auch in Paris lebte, musste sie diesbezüglich beruhigen. Alles pure Fiktion. Dass sie aber wie ihre Lea eine überaus besorgte Mutter ist, gibt sie gern zu. „Eine jiddische Mame, das sind wir doch alle.“

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