Eine Idee geboren im Babylon Bialystok

1887 veröffentlichte der jüdische Augenarzt Ludwik Zamenhof das erste Lehrbuch seiner Plansprache Esperanto. Das Esperantomuseum der Nationalbibliothek verfügt über die weltweit größte Sammlung zu dieser Sprache, die heuer weiteren Zuwachs erhielt: Nun ging auch das Archiv des Esperanto-Weltbundes (Universala Esperanto-Asocio) an das Wiener Museum. WINA sprach dazu mit dem Leiter der Sammlung, Bernhard Tuider.

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Ausstellungs- und Veranstaltungsplakate in Esperanto, Anfang 20. Jh © Österreichische Nationalbibliothek / Esperantomuseum

„Dieser mein Geburts- und Heimatort in meiner frühen Jugend gab mir die Richtung für alle meine späteren Bestrebungen. Die dortige Bevölkerung besteht aus vier Elementen: Russen, Polen, Deutschen und Juden. Diese vier Gruppen haben je ihre eigene Sprache und stehen einander feindlich gegenüber. In einer solchen Stadt empfindet eine sensible Natur mehr als sonst wo das lastende Unglück der Verschiedensprachigkeit und bei jedem Schritt drängt sich ihr der Gedanke auf, dass die Verschiedenheit der Sprachen der einzige oder wenigstens der Hauptgrund ist, der die menschliche Familie trennt und in feindliche Lager spaltet“, schrieb Ludwik Zamenhof in einem Brief über Bialystok.

Ludwik Lejzer Zamenhof (1859–1917) gründete 1887 die Plansprache Esperanto.

Der spätere Mediziner kam 1859 in der damals russischen Stadt, die heute zu Polen gehört, zur Welt. Im Alter von 13 Jahren übersiedelte die Familie nach Warschau. Sein Medizinstudium absolvierte er in Moskau und Warschau, wo er auch promovierte. Auf die Augenheilkunde spezialisierte er sich in Wien. Seine Muttersprachen waren Russisch und Jiddisch, es sollten sich über die Jahre viele weitere Sprachen dazugesellen: Polnisch und Deutsch, Hebräisch, Englisch, Latein, Französisch sowie Griechisch. Als Nationalität gab der Arzt auf einer Postkarte im Jahr 1906 übrigens „russischer Hebräer“ an.

Das babylonische Sprachengewirr in Bialystok empfand Zamenhof jedoch – siehe Brief – als trennend. Schon als Jugendlicher kreierte er eine Sprache, die leicht zu erlernen war, wartete mit der Veröffentlichung aber bis nach dem Studium, erzählt Tuider. Er veröffentlichte sie unter dem Autorenpseudonym „Dr. Esperanto“ – Dr. Hoffender –, und damit war auch der Name dieser neuen Plansprache geboren.

Zamenhof sei damit durchaus im Trend seiner Zeit gelegen: Zwischen 1880 und 1930 entstanden an die 250 solcher am Reißbrett entwickelten Idiome. Esperanto, das bis heute weltweit von Menschen erlernt wird, ist jedoch die erfolgreichste. Konkrete Zahlen dazu seien schwer zu eruieren, sagt Tuider. Schätzungen bewegen sich zwischen einigen zehntausend und zwei Millionen Sprechern und Sprecherinnen. Das Internet und Social Media hätten in den vergangenen Jahren zu einem neuen Aufschwung geführt. Auch Sprachlernplattformen wie lernu.net und Duolingo bieten heute Kurse in Esperanto an. Das Level B1 gemäß dem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen sei dabei relativ leicht zu erreichen, erklärt Tuider, der selbst Esperanto spricht.

 

Esperanto-Lehrbuch in Hebräisch, Gibraltar-Reiseführer in Esperanto, Gedanken über eine internationale Sprache in Neugriechisch, Anfang 20. Jh. © Österreichische Nationalbibliothek / Esperantomuseum

Doch warum war gerade das Ende des 19. Jahrhunderts so aufgeschlossen gegenüber einer neuen Plansprache? „Es war die Zeit einer frühen Globalisierungs- und Internationalisierungswelle“, weiß der Experte. Erfindungen wie das Dampfschiff, die Eisenbahn, der Telegraf und das Telefon ließen Menschen rascher reisen und leichter mit Menschen in anderen Ländern kommunizieren. Gleichzeitig war noch nicht klar, welche Sprache sich als lingua franca durchsetzen würde. Die Diplomatensprache Französisch habe an Bedeutung bereits verloren und Englisch noch nicht die Bedeutung erreicht, die es schließlich haben sollte. Und dann war da auch der erstarkende Nationalismus – und die Friedensbewegung, die versuchte, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen.

Genau zwischen der Friedens- und der Esperantobewegung sollte es zu vielen Überschneidungen kommen. Tuider verweist zum Beispiel auf den späteren Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried. Er war wie Zamenhof jüdisch und sowohl Friedens- wie auch Esperantoaktivist. Gemeinsam mit Bertha von Suttner gab er die pazifistische Zeitschrift Die Waffen nieder! heraus. 1903 veröffentlichte er ein Lehrbuch zu Esperanto – das war übrigens durchaus im Sinn Zamenhofs. Letzterer verstand sich lediglich als Initiator, er begrüßte es, dass die Sprache sich durch Beiträge anderer weiterentwickelte und sich der Wortschatz stets vergrößerte.

Das Zeichen, das bis heute für Esperanto steht,
ist ein fünfzackiger Stern in Grün –
grün wie die Hoffnung.

Zamenhof trug sogar ganz aktiv dazu bei, indem er es Menschen ermöglichte, sich zum Erlernen der Sprache zu bekennen und in ein Adressenverzeichnis eintragen zu lassen. In der Folge publizierte der Arzt ein sich von Ausgabe zu Ausgabe vergrößerndes Adressregister von Personen, die Esperanto sprachen. Er schuf damit ein System der Vernetzung, das einen der Erfolgsfaktoren von Esperanto bildete – gemeinsam mit den Weltkongressen. Vier davon fanden bisher auch in Wien statt. Vergrößerte sich der Sprecher- und Sprecherinnenkreis in den ersten Jahren nur zögerlich, wuchs dieser ab der Jahrhundertwende rasant an, sagt Tuider. Die Hoffnung der Friedensbewegung sollte sich allerdings nicht erfüllen. Der Erste Weltkrieg sprach hier eine klare Sprache.

Kinderbücher in Esperanto, 20. Jh © Österreichische Nationalbibliothek / Esperantomuseum

Sammlungsgründung. Den größten Dämpfer erfuhr Esperanto aber durch zwei totalitäre Regime. Josef Stalin habe in der Sowjetunion vor allem ab 1936 Esperanto Sprecher und -Sprecherinnen während des „großen Terrors“ verfolgen und verhaften, zum Teil auch deportieren und ermorden lassen, so Tuider. Und ebenfalls 1936 ließ das nationalsozialistische Deutschland Esperanto-Vereinigungen verbieten. Das galt dann ab 1938 auch in Österreich. Adolf Hitler bezeichnete in seinem Buch Mein Kampf Esperanto als „jüdische Universalsprache“.

Zu diesem Zeitpunkt war in Wien das Esperanto-Museum bereits begründet. Aufgebaut worden war es von Hugo Steiner, einem pensionierten Eisenbahner. Beim 19.Weltkongress in Danzig 1927 hatte Ludwig Zamenhofs Bruder Felix angeregt, eine Esperanto-Bibliothek aufzubauen. Durch seine guten Kontakte in die Politik gelang Steiner noch im selben Jahr die Gründung der Sammlung, die dann zwei Jahre später in die Nationalbibliothek integriert werden sollte. Ludwik Zamenhof, den Steiner noch kennengelernt hatte, lebte da nicht mehr, er verstarb bereits 1917. Damit blieb ihm auch erspart mitzubekommen, dass seine drei Kinder Adam (1888–1940), Sofia (1889–1942) und Lidia (1904–1942) von den Nazis ermordet wurden. Doch auch sein geistiges Erbe war in Gefahr. Ursprünglich hatten die Nationalsozialisten angeordnet, dass die Esperanto-Sammlung von Wien nach Berlin transportiert und dort wohl zerstört werden sollte.

Doch der damalige Leiter der Nationalbibliothek, Paul Heigl, selbst Nationalsozialist, stellte sich dagegen. Schließlich wurden die Bestände im Keller der Bibliothek eingelagert und damit gerettet. Heigl selbst nahm sich am 8. April 1945 gemeinsam mit seiner Frau das Leben.

Heute verfügt das Esperanto-Museum mehr als 150.000 Objekte, darunter 75 Vorlässe, Nachlässe und Archive. Der jüngste Zugang ist eben jener des Esperanto-Weltbundes. Neben Büchern, Zeitschriften, Fotos, audiovisuellen Materialien sowie Plakaten und Korrespondenzen verfügt die Sammlung auch über eine ansehnliche Anzahl von Objekten, darunter viele Abzeichen. Wie sehr sie im Alltag präsent waren, lasse sich heute nicht mehr genau sagen, so Tuider. Aber auf Fotos von Weltkongressen seien sei immer wieder im Bild. Das Zeichen, das bis heute für Esperanto steht, ist ein fünfzackiger Stern in Grün – grün wie die Hoffnung.

Die in diese Sprache gesetzten Hoffnungen sollten sich zwar nicht ganz erfüllen. Das Interesse an Esperanto sei aber bis heute ungebrochen. Besonders freut sich Tuider, dass sich regelmäßig Forschende an das Wiener EsperantoMuseum wenden. An der schottischen Universität in St. Andrews seien in den vergangenen Jahren mehrere Dissertationen entstanden, die sich mit Aspekten von Esperanto und dem Internationalismus zwischen 1880 und 1930 befassen. Und im Rahmen des Projekts Militrakonto. A transnational look at World War II setze sich momentan ein internationales Forschungsteam verschiedener Fachrichtungen mit den transnationalen Wahrnehmungen zum Zweiten Weltkrieg auf der Basis von schriftlichen und mündlichen Quellen in Esperanto auseinander. Besonders von Interesse sei dabei unter anderem, ob beziehungsweise inwiefern sich die Narrative in Esperanto von jenen in den Nationalsprachen der Akteure und Akteurinnen unterscheiden.

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