Falsche Juden

Nichtjuden, die sich als Juden ausgeben. Es gibt sie in der Wirklichkeit, aber gehäuft auch in der deutschsprachigen Literatur. Über ein Phänomen.

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Nike Thurn: „Falsche Juden.“ Performative Identitäten in der deutschsprachigen Literatur von Lessing bis Walser. Wallstein Verlag, 575 S., € 51,30

Mein Freund Itzig war blond und blauäugig, hatte eine gerade Nase, fein geschwungene Lippen und gute Zähne. Ich dagegen, Max Schulz, hatte schwarze Haare, Froschaugen, eine Hakennase, wulstige Lippen und schlechte Zähne.“ Und so eignet sich der KZ-Aufseher Schulz nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands in Edgar Hilsenraths Groteske Der Nazi und der Friseur die Identität von Itzig Finkelstein an, mit dem er in die Schule gegangen war, und wandert nach Israel aus. So entgeht er der Verfolgung als NS-Kriegsverbrecher durch die deutsche Justiz.

Die Idee zu diesem Roman, der in den USA 1971 erschien (und erst 1977 in deutscher Übersetzung, da sich zunächst kein deutscher Verlag fand, der das Buch verlegen wollte), kam Hilsenrath, als er vom Gestapo-Mann Erich Hohn las, der sich nach dem Krieg als Jude ausgegeben hatte und sogar zum Vizepräsidenten einer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes gewählt worden war. Hilsenraths Roman spielt mit Stereotypen, die so gar nicht der political correctness entsprechen, die aber in dieser Geschichte nicht nur stimmig, sondern wichtig sind.

Die Idee, der Verfolgung für ein Verbrechen zu entkommen, indem man in die Rolle seines Opfers schlüpft, ist jedenfalls perfide. Im Fall Hohns war sie allerdings nicht erfolgreich – er wurde enttarnt. Und zwar just von Mitgliedern der Vereinigung, zu deren Vizepräsident er es gebracht hatte.

Nur wer meint, sagen zu können, wie ein Jude aussieht, weiß auch, was zu tun ist,
um sich wie einer
zu verkleiden.

Nike Thurn, die diesen Winter auch in Wien eine Simon-Wiesenthal-Lecture zu diesem Thema gab, hat sich des Phänomens „falsche Juden“ in ihrem gleichnamigen Buch angenommen. Konkret hat sie sich hier die deutschsprachige Literatur angesehen, die reich an vermeintlichen Juden ist: von Recha, der Tochter von Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise, die sich am Ende als Christin entpuppt, bis zur Figur des Grafen Reschok, eines Antisemiten, der sich in Salomo Friedlaenders Der operierte Goj aus Liebe zu einer Jüdin in den Juden Moische Koscher verwandelt. Friedlaender veröffentlichte diese satirische Replik auf Der operierte Jud’ von Oskar Panizza übrigens unter dem Pseudonym Mynona. Aber auch Max Frisch schuf einen vermeintlichen Juden: Andri aus Andorra, das uneheliche Kind des Lehrers, wird von diesem als jüdischer Adoptivsohn ausgegeben. Bitter ist, dass hier – nämlich als in Andorra Antisemitismus wieder aufflackert – diese Lebenslüge zur existenziellen Bedrohung wird.

Thurns Buch ist eine Fundgrube für Literaturaffine. Wie auch die Schriftsteller sich ihre Inspiration für ihre fiktiven „falschen Juden“ – siehe Hilsenrath – teils in der realen Welt fanden, bringt die Wissenschaftlerin einleitend Beispiele aus dem Heute, die einen jedoch ins Grübeln stürzen. Da ist der Palästinenser, der 2010 in Israel verurteilt wurde, weil er sich als Jude ausgegeben hatte, um eine Beziehung mit einer Jüdin zu beginnen. Da ist die Idee der Amsterdamer Polizei aus demselben Jahr, deren Beamte mit Hut und Pejes als „Lockjuden“ im Kampf gegen Antisemitismus einzusetzen. Und dann ist da noch der französische Rechtsaußenpolitiker Jean-Marie Le Pen, der 2011 auf die Beschwerde eines Journalisten, er habe keinen Zugang zur einer Parteiversammlung des Front National erhalten, weil er Jude sei, antwortete, das sei weder auf seinem Ausweis noch auf seiner Nase zu lesen gewesen. Damit machte er, wie Thurn richtig ausführt, Name und Physiognomie zu den zentralen Merkmalen einer jüdischen Identität.

Am Ende bleibt: Eigenwahrnehmung versus Fremdzuschreibung. Nur wer meint, sagen zu können, wie ein Jude aussieht, weiß auch, was zu tun ist, um sich wie einer zu verkleiden. Was einem nach der Lektüre von Thurns Literaturanalysen bleibt, ist aber auch der Eindruck, dass was einst verpönt war, heute für manchen einen Reiz hat: Opfer zu sein. Oder einer Opfergruppe anzugehören.

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