Fitness ohne Stress

Die Ukrainerin Anna Kriss ist eigentlich Zahnärztin. Seit einigen Monaten betreibt sie als Jungunternehmerin ein Studio für motorisierte Gymnastik in Wien Währing.

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Die in Wien lebende Zahnärztin Anna Kriss hat sich ganz der ganzheitlichen körperlichen Gesundheit verschrieben. Foto: Reinhard Engel

Auf den ersten Blick könnte der lichtdurchflutete Saal ein konventionelles Fitnessstudio sein. Doch etwas ist hier gänzlich anders: Nicht die Menschen arbeiten sich mühsam an Maschinen ab, im Gegenteil: Die schwarzen gepolsterten Betten, die den Raum dominieren, sind motorisiert. Sie bewegen die Frauen oder Männer, die auf ihnen liegen, mobilisieren jeweils unterschiedliche Muskelgruppen, stärken diese durch den Widerstand, den sie den Maschinen entgegen setzen.

„Es gibt insgesamt sechs Stationen“, erklärt Anna Kriss, die Besitzerin des Studios Shape-Line. „An jeder Station hält man sich zehn Minuten auf, also dauert ein volles Programm eine Stunde.“ Das Passivturnen ist ihrer Aussage nach für alle Altersgruppen geeignet und hat verschiedene Vorteile: „Es geht nicht nur um Abnehmen oder Körperformen. Man trainiert damit auch Kraft und Stabilität, und das hilft dabei etwa jungen Menschen, die sich nach Long Covid nicht anstrengen können, oder älteren Damen, die kein hartes Fitnesstraining schaffen, aber dennoch ihre Muskeln stärken wollen.“ Besonders hilfreich sei das Angebot für Menschen mit Gelenkproblemen, ebenso für solche mit Übergewicht.

Die sogenannten Bewegungstische wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA erfunden. Ursprünglich sollten sie Kinderlähmungspatienten wieder mobilisieren. Bald bemerkte man, dass dies auch andere Effekte hatte: Die Bewegten nahmen an Gewicht ab und formten ihre Körper. Bald gab es die ersten kommerziellen Anwendungen, und einige Jahrzehnte später kam die Technologie auch nach Europa.

„Ich wollte nicht einfach ein
Kosmetikstudio eröffnen, es sollte schon etwas mit meiner
medizinischen Ausbildung zu tun haben.“
Anna Kriss

Die Firma Shape-Line wurde 1995 vom Sonja und Wilfried Diem gegründet. Inzwischen gehört sie zur Wiener Hamberger-Gruppe, die unter anderem Hotels mit Kosmetika beliefert. Allein in Wien finden sich 12 Studios, daneben einige weitere in Niederösterreich, im Burgenland und in der Steiermark.

Anna Kriss ist in Döbling auf eines gestoßen, wurde Kundin und überlegte, dass das eine Möglichkeit sein könnte, sich selbstständig zu machen. Sie ist promovierte Zahnärztin aus dem ukrainischen Dnipro und arbeitete dort einige Jahre an der Universitätszahnklinik, unterrichtete auch Behandlungstechniken. Als ihr Mann 2012 als Sales Manager für eine ukrainische Röhrenfabrik nach Wien übersiedelte, folgte sie ihm ein Jahr später mit den beiden Kindern nach. Zum Nostrifizieren war ihr Deutsch noch zu schlecht, außerdem wollte sie nicht gleich arbeiten.

Doch als Boris und Eva größer waren und die Oberstufe der amerikanischen Schule in Wien besuchten, machte sie sich konkretere Gedanken, wie sie selbstständig werden könnte. „Ich wollte nicht einfach ein Kosmetikstudio eröffnen, es sollte schon etwas mit meiner medizinischen Ausbildung zu tun haben.“

Foto: Reinhard Engel

Neuer Wohlfühlort in Währing. Das ShapeLine-Konzept gefiel ihr, und die Vorbereitungen wurden konkreter. Sie erkundigte sich, in welchen Bezirken es noch kein Studio gab, denn diese müssen, auch wenn sie jeweils unterschiedlichen Unternehmerinnen gehören, eine gemeinsame Markenstrategie und einen strengen Gebietsschutz einhalten, um einander nicht zu konkurrenzieren. Dann fand sie an einer Ecke der Währinger Genzgasse ein ehemaliges Kindermöbelgeschäft, das genau ihren Anforderungen entsprach. Für den notwendigen Umbau wie den Kauf der Maschinen erhielt sie finanzielle Unterstützung von ihrem Mann und ihren Eltern.

Covid sollte den Start noch etwas verzögern, aber im Frühling 2023 war es dann so weit, sie konnte mit zwei Mitarbeiterinnen starten. Geworben wurde im Bezirk mit Postwurf-Foldern, bald stellte sich auch Laufkundschaft ein, mittlerweile reisen sogar Kundinnen aus anderen Bezirken an.

„Es ist vorrangig für Frauen gedacht“, erklärt Kriss. „Aber natürlich können auch Männer die Maschinen nutzen.“ Wichtig ist ihr ein ganzheitlicher Zugang, es gehe nicht nur um das mechanische Bewegen, sondern auch um die gleichzeitige Tiefenentspannung bei leiser Musik. Kriss nennt als Beispiel eine Zahnärztin in der Nähe. Diese sei zweimal in der Woche für eine Stunde gebucht, nach ihrer anstrengenden Arbeit habe sie keine Energie mehr für ein Fitness-Studio, wolle aber dennoch ihre einseitige Belastung ausgleichen und auch von ihrem beruflichen Stress herunterkommen. Angeboten werden bei ShapeLine auch Wickel zur Hautstraffung sowie Ernährungsberatung.

Kriss befindet sich zwar noch in der Anlaufphase, macht sich aber dennoch bereits Gedanken zur langfristigen Entwicklung. „Ich kann mir schon vorstellen, dass ich, wenn der Krieg vorbei ist, die Maschinen in die Ukraine bringe.“ Dort können diese eventuell auch der Rehabilitation von verwundeten Soldaten dienen.

Anna Kriss hat ihren Mann in Dnipro kennen gelernt, er stammte ebenfalls aus der Ukraine, hatte aber von 15 bis 25 in Israel gelebt, dort auch den Militärdienst absolviert. Auf einem seiner Urlaube in der Ukraine funkte es zwischen ihnen. Heute sind sie beide Mitglieder der russischsprachigen jüdischen Chabad-Gemeinde JRC Vienna in der Tegetthofstraße. In Dnipro hatten sie regelmäßig das moderne Menorah Center besucht, eines der größten multifunktionalen jüdischen Zentren der Welt. Dort feierte auch Sohn Boris seine Bar Mitzwa, Tochter Eva ihre Bat Mitzwa in Jerusalem. Annas Eltern leben inzwischen ebenso in Wien, aber ganz abgebrochen hat sie ihre Beziehungen zur Ukraine noch nicht.

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