„Ich habe eine absolut jüdische Identität“

Er ist Regisseur, Clown und einer der wichtigsten österreichischen Experten für Maskentheater und Commedia dell’arte: Markus Kupferblum. Der künstlerische Weltenbummler und stets auch kritische Beobachter und Kommentator der heimischen Politik ist eine wichtige Stimme der österreichischen Kulturlandschaft. Im Gespräch mit Angela Heide erzählt er über seinen faszinierenden Lebensweg und so manche schwere Entscheidung.

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Wortstarker Vermittler zwischen den Kulturen: Markus Kupferblum. Wien ist und bleibt die Heimat des international viel gebuchten Künstlers und Lehrbeauftragten. © kupferblum.com/foto/portrait

WINA: Sie wurden 1964 in Wien als Sohn eines in Polen geborenen Nachkommens einer einst überaus wohlhabenden Familie von Großgrundbesitzern und einer um viele Jahre jüngeren Wienerin geboren. Das Schicksal Ihres aufgrund seiner jüdischen Herkunft sein Leben lang verfolgten und auch nach 1945 in Wien hart drangsalierten Vaters gehört ganz zentral auch zu Ihrer künstlerischen Biografie. 2010 ist Ihr Stück Antwort auf einen ungeschriebenen Brief über ihn entstanden. Wie kam es zu dieser viel beachteten Produktion?

Markus Kupferblum: Mein Vater war 1910 in Polen geboren worden und eröffnete dort noch im Frühling 1939 eine Anwaltskanzlei. Bald darauf wurde er von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager verbracht. Er hat durch viel Glück überlebt, konnte fliehen und hat sich dann der englischen Armee im Kampf gegen das NS-Regime in Nordafrika angeschlossen. Im Zuge der Gefechte wurde er verwundet und nach Tel Aviv gebracht, wo er dann auch geblieben ist. 1946 ist er nach Polen gereist, um zu sehen, ob noch etwas von dem großen Besitz, den meine Familie vor der Okkupation durch Nazi-Deutschland gehabt hatte, erhalten geblieben war. Doch nicht nur, dass dem nicht so war: Mein Vater wurde zudem bedroht, denn auch nach Ende des Krieges wurden weiterhin Juden, nun durch das stalinistische Regime, ermordet. So ging mein Vater nach Wien und wollte hier erneut seine Arbeit als Anwalt fortsetzen. Doch seine Ausbildung wurde hier nicht anerkannt. Er hat dann relativ rasch eine Export-Import-Firma gegründet, was es damals ja öfters gab, und seine Sprachkenntnisse genutzt, um den Betrieb in den folgenden Jahren mit Erfolg aufzubauen. Doch auch in Österreich holte ihn der Nationalsozialismus ein. Er war mit anhaltendem Antisemitismus, den es auch nach 1945 ungebrochen gab, sowie zahllosen Repressionen konfrontiert und saß lange Zeit aufgrund von Verleumdungen in Untersuchungshaft. Er konnte zwar letzten Endes die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entkräften – obwohl er aufgrund des Gutachtens des ehemaligen Nazi-Psychiaters Friedrich Stumpfl als „typisch jüdischer Querulant“ bezeichnet wurde, mit dem sich das Gericht nicht weiter auseinanderzusetzen hatte. Doch das Erlebte hatte ihn stark belastet, und er starb 1970 viel zu früh mit nur 60 Jahren. Ich habe ihn also nur knapp sechs Jahre meines Lebens gekannt, und ich habe mir immer gewünscht, er hätte mir jenen „ungeschriebenen Brief“ geschrieben, bevor er starb, in dem er über sich erzählt hätte. So bleiben mir nur die vielen Erzählungen über ihn – und was ich im Laufe meines Lebens selbst über Gerszon Kupferblum recherchiert und zusammengetragen habe.

Wann haben Sie begonnen, sich für Ihre Familiengeschichte und Ihr persönliches Judentum zu interessieren?
Mein Vater, der auch im jüdischen Ritus begraben wurde, hatte einen engen Freund aus Polen, und der hat mich nach dem Tod meines Vaters immer bei den hohen Feiertagen in die Synagoge mitgenommen, in die ich stets mit meiner eigenen Kippa, die ich noch von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, ging. Das heißt, dass mir das jüdische Leben sehr wohl von klein auf sehr bewusst war. Ich habe mich immer als Jude gefühlt, weil ich auch immer als Jude behandelt wurde.

Ihr beruflicher Weg war ja schon irgendwie vorgezeichnet: Jurist wie Ihr Vater sollten Sie werden. Wie kam es dann dazu, dass Sie stattdessen Ihre Liebe für das Theater entdeckt haben?
Mit meiner Familie befreundet war auch die Familie von BurgSchauspieler Walther Reyer. Wir waren oft mit seiner Familie auf Urlaub, ich durfte ihn aber auch bei Proben besuchen oder vom Theater abholen. Mich hat das Theater also schon immer sehr beeindruckt; da ich aber ein eher sensibles Kind war und mich, bis heute, Lautstärke, aber auch zu viel Pathos abschrecken, war es vorerst nicht mein erster Berufswunsch. Doch mit 16 hatte ich dann ein Schlüsselerlebnis, als ich Hamlet und so von Justus Neumann gesehen habe. Da hab’ ich gewusst: Das ist es!

Sie haben sich aber vorerst noch für das Jusstudium entschieden, erst später für die Theaterkarriere. Warum?
Es hat lange gedauert, bis ich mich von der Erwartungshaltung meiner Familie befreien konnte. Meine Mutter, die eigentlich Pia-nistin gewesen ist, musste nach dem Tod unseres Vaters, der viele Jahre schwer herzkrank gewesen war, dessen Geschäft übernehmen, von dem sie aber zunächst gar keine Ahnung hatte. Darüber hinaus war mein Vater nach der Genfer Konvention staatenlos gewesen – und hatte deshalb keine Sozialversicherung. Das hieß, dass er bis zu seinem Tod alle Arztkosten und Spitalsaufenthalte selbst bezahlen musste: ein Vermögen, das er als Schulden hinterließ. So war es wichtig, dass meine um zwei Jahre ältere Schwester und ich meine Mutter als Alleinverdienerin so rasch wie möglich entlasteten und ich einen „seriösen“ Beruf wählte. Doch schon nach den ersten Monaten des Studiums, das zusätzlich durch zwei Todesfälle in unserem engsten Umfeld sehr belastet war, machte meine Schwester, die zu diesem Zeitpunkt in New York gelebt hat, für mich einen Clownskurs ausfindig, da sie wusste, wie wichtig mir diese Ausbildung nach der Erfahrung, die ich mit dem Besuch der Aufführung von Justus Neumann gemacht hatte, geworden war. Und so bin ich 1983 einen Sommer lang in die Clownschule in Barcelona gegangen. Damals wusste ich schon, dass das mein Weg sein würde. Doch im Herbst bin ich wieder nach Wien zurückgekehrt.

»Überall auf der Welt, wo ich ein Stammcafé habe und begrüßt werde,
fühle ich mich zuhause.«
Markus Kupferblum

 

Und haben hier Ihr Studium weiterverfolgt?
Ja, doch ich habe parallel dazu sofort im Dramatischen Zentrum mit Ruben Fraga gearbeitet, und nach wenigen Monaten war klar, dass ich mit dem Jusstudium aufhören musste, und ich bin für ein halbes Jahr nach Südamerika gegangen, da dort die Schwester meines Vaters gelebt hat. Binnen zwei Wochen habe ich dort eine Pantomimetruppe ausfindig gemacht, habe dann dort gelernt und auch schon als Regieassistent gearbeitet.

Dann sind Sie zurück nach Wien und haben hier Ihre Theaterlaufbahn fortgesetzt?
Gleich nach meiner Rückkehr habe ich mich am Serapions Thea-ter beworben – und wurde sofort engagiert, da eben ein Darsteller ausgefallen war. Ich habe dort einige Monate gearbeitet und bin bis heute sehr dankbar für diese Erfahrungen. Doch mein künstlerischer Weg führte, dank meiner Begegnung mit Giora Seeliger, erneut ins Ausland und nach Paris an die dortige, damals neu von Philippe Gaulier gegründete Clownschule, die ich auch abgeschlossen habe. Kurz darauf lernte ich den Assistenten von Peter Brook kennen und habe dann acht Monate für ihn gearbeitet, der für mich in künstlerischer Hinsicht zu einem zentralen Vorbild geworden ist. Insgesamt bin ich knapp acht Jahre zwischen Wien und Paris gependelt, wo ich auch bald schon eine eigene Clowngruppe gegründet habe, ehe ich dann 1994 zurück in Wien mit meinem „Totalen Theater“ das Theater am Mittersteig eröffnete.

Das Theater am Mittersteig war Mitte der 90er-Jahre eines der meistdiskutierten Theaterprojekte. Warum ist es gescheitert?
In der Rückschau war das Theater am Mittersteig mein Ende als freier Theatermacher in Wien. Ich hatte bis dahin mit großem Erfolg freies Theater gemacht, zwei meiner Produktionen waren in Avignon ausgezeichnet worden und hatten danach monatelang weltweit getourt. Und auch dieses erste feste Theater in Wien startete sehr erfolgreich. Der Zuschauersaal hatte 430 Plätze, die Vorstellungen waren voll. Doch die fehlende Weitsicht der Kulturpolitik führte letztlich zum Aus für dieses traumhafte Theater, das heute eine Ruine ist. Seither arbeite ich vorwiegend international als Regisseur und unterrichte daneben an zahlreichen Universitäten Regie und Schauspiel.

Wenn Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben müssen, welchen zentralen Begriff würden Sie dafür verwenden?
Dringlichkeit. Wenn ich das Gefühl habe, es muss etwas gesagt, es muss etwas erzählt werden, dann gehe ich an eine Produktion heran und setze diese auch mit den geringsten Mitteln, oft auch ohne jede Förderung um. Das war mit meinem Musiktheaterensemble Schlüterwerke genauso, und das ist auch heute bei den Projekten und Produktionen der Fall, zu denen ich von großen Häusern oder aktuell etwa von der Jeunesse Wien eingeladen werde. Diese Dringlichkeit kann sich in einem Bild manifestieren, in einem Text oder auch in der Lebensgeschichte eines Menschen.

Mit den Schlüterwerken, die Sie zuletzt geleitet haben, haben Sie 16 Produktionen realisiert. Wie ist das zu leisten?
Da wir keinerlei Subvention bekommen, ist es möglich, dass ich, wenn mich etwas interessiert, Kolleg*innen anrufe und frage, ob sie mit mir daran arbeiten wollen. Und dann setzen wir uns zusammen und tun das einfach. Alle Künstler*innen, mit denen ich in den letzten Jahren gearbeitet habe, leben von ihrer künstlerischen Arbeit, jedoch eben nicht von den Projekten, die sie mit mir realisieren. Dass sie dennoch fast immer zusagen, ist ein unheimliches Glück, das ich trotz aller Rückschläge erfahren darf.

Wo führen Sie Ihre zahlreichen Lehraufträge zurzeit überall hin?
Im Moment lehre ich unter anderem an der Columbia University und am Hunter College in New York sowie an der Rutgers University in New Jersey; davor war ich auch lange in Michigan tätig und habe selbst an der New York University Film studiert und dort bis heute anhaltende Kontakte geknüpft. Einmal im Jahr bin ich auch in Südamerika, früher in Peru, heute vermehrt in Bolivien, wo es eine neue Schauspielschule gibt, und arbeite dort mit den Studierenden, aber auch mit Straßenkindern, in Slums und Dörfern, was mir sehr wichtig ist. Und in Wien habe ich einen fixen Lehrauftrag an der Opernabteilung der Universität für Musik und darstellende Kunst.

Neben dieser Lehrtätigkeit, die einen großen Teil Ihres Jahres ausfüllt, sind Sie aber auch ein international gefragter Regisseur, vor allem im Musiktheaterbereich.
Ja, denn es ist mir wichtig, neben dem Unterrichten auch weiterhin eigene künstlerische Arbeiten machen zu können. Ich war in Aserbaidschan, im Iran, wo ich auch im Untergrund Theater gemacht habe. Ich war viel in Israel, ich habe im Libanon, in Korea inszeniert, in Litauen, in Russland. Ich habe lange in Paris und London gearbeitet, Zirkus in Italien gemacht und so vieles mehr, das mich erfüllt hat. Heute aber ist es für mich wichtig, dass ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Frau und meinem Kind verbringe, die mich beide zum Beispiel auch während meiner Lehrtätigkeiten in den USA begleiten. Ich bin durch die Geburt meines Kindes ja fast schon „sesshaft“ geworden, früher war ich oft acht Monate des Jahres unterwegs – nicht zuletzt natürlich auch, weil ich in Wien selbst kaum künstlerisch arbeiten kann.

»Wir müssen als Zivilgesellschaft gegen
die Zerstörung der liberalen Demokratie aufstehen.«
Markus Kupferblum

Woran arbeiten Sie aktuell?
Diesen Sommer inszeniere ich in Bad Ischl Jacques Offenbachs Pariser Leben in einer von mir verfassten Neubearbeitung. Davor realisiere ich auf Einladung der Jeunesse im Wiener Konzerthaus eine musiktheatralische Kindergeschichte anhand der Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski. Ich werde ein Projekt für die Niederösterreichischen Tonkünstler machen, für das Elisabeth Naske die Musik komponiert und das die Vorurteile Migrant*innen gegenüber zum Thema hat. Und ich lade einmal im Monat im Wiener Porgy & Bess unter dem Titel Wild but Heart zu einem Frühstück, bei dem ich gemeinsam mit meinem Gast über Kunst, Politik und Gesellschaft spreche. Ich bin glücklicherweise wieder mehr in Österreich beschäftigt. Dennoch ist es traurig, dass ich nicht mit meinem eigenen Ensemble arbeiten kann, denn natürlich ist man als Theatermacher mit einem festen Ensemble besser. Das wichtigste Instrument des Theaters ist das Ensemble.

Sie sind bei all dem auch ein sehr genauer politischer Beobachter. Wie stehen Sie den aktuellen Veränderungen in Österreich gegenüber?
Ich erlebe es vor allem aus der Distanz, wenn ich international arbeite. Und es ist erschreckend, wie wenig die Gefahr erkannt wird, die von populistischen Politikern ausgeht, die autoritäre Strukturen etablieren wollen und damit das zerstören, was demokratische Länder so lebenswert gemacht hat – Chancengleichheit, Fairness, soziale Sicherheit, Vielfalt und ein gutes Gesundheits- und Pensionssystem. Die Situation hier macht mir mehr Angst als jene in den USA, die eine jahrhundertelange demokratische Tradition haben. Das haben wir nicht, und das macht das erneute Aufkommen faschistischer Strömungen so brandgefährlich. Wir müssen als Zivilgesellschaft gegen die Zerstörung der liberalen Demokratie aufstehen.


Markus Kupferblum

wurde 1964 in Wien als Sohn eines aus Polen stammenden jüdischen Juristen und Kaufmannes geboren. Nach dem Tod des Vaters studierte er vorerst selbst Jus, entschied sich jedoch schon bald für das Theater- und Film-Studium, das es u. a. in Paris bei Philippe Gaulier und Monika Pagneux sowie an der New York University absolvierte. Der heute vielbeschäftigte österreichische Opern- und Theaterregisseur, der auch zahlreiche Lehraufträge für Opernregie und Maskentheater inne hat, gründete Mitte der 80er-Jahre das Totale Theater (Paris, Wien), mit dem er bis 2013 tätig war; bis 2017 leitete er das Ensemble Schlüterwerke. 2012 rief Markus Kupferblum gemeinsam mit Bernd C. Sucher den Europäischen Theatertag der Toleranz ins Leben, 2013 erschien sein Buch Die Geburt der Neugier aus dem Geist der Revolution – die Commedia dell’Arte als politisches Volkstheater. Markus Kupferblum lebt und arbeitet heute in Wien und international.

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