„Ich lebe den amerikanischen Traum“

Suzi Weiss-Fischmann: Das ungarische Flüchtlingskind, Tochter von Shoah-Überlebenden, gründete vor über 40 Jahren OPI-Nagellacke in Los Angeles und kreierte damit eine Weltmarke.

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Das ungarische jüdische Mädchen, das zur First Lady der Nagelpflege wurde: Suzi WeissFischmann. © OPI/privat

In keinem ihrer Interviews vergisst Suzi Weiss-Fischmann (68) zu erwähnen, wie sehr sie sich bewusst ist, den – ihren – amerikanischen Traum zu leben. Denn ihr Weg zur First Lady of Nails, wie sie in den US-Medien genannt wird, als kreative Mitgründerin des Weltmarktführers in der professionellen Nagelpflege war weder voraussehbar noch vorgezeichnet.

Schon das Geburtsjahr 1956 war in Ungarn von der blutigen Revolution gegen den Kommunismus geprägt. Suzis Eltern, Magda und Laszlo Weiss, wussten zwar, dass viele Juden es geschafft hatten, die Grenze zu Österreich zu überqueren, um der russischen Invasion zu entfliehen. Doch Suzi – damals noch Zsuzsi – wohnte mit ihrer Familie zu weit von der Grenze entfernt, nämlich in Gyöngyös, etwa 90 Kilometer östlich von Budapest. So hatten sie keine Wahl, mussten in Ungarn bleiben – und ihr Trauma setzte sich fort: Magda, die das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mit 19 Jahren knapp überlebt hatte, sowie Vater Lazlo, der Zwangsarbeit an der russischen Front leisten musste, kehrten beide nach Ungarn zurück, wo sie einander begegneten und heirateten.

„Der Traum meines Vaters war es immer, nach Amerika zu kommen“, erzählt Suzi der Arizona Jewish Life, „er hasste den Kommunismus, und irgendwie schaffte er es, noch vor dem israelischen Sechs-TageKrieg 1967 Ausreisedokumente nach Israel zu beschaffen.“ Der Wunsch, nach Amerika zu fahren, konnte nach weiteren drei Jahren realisiert werden: 1969 landete die Familie Weiss in New York, wo Suzi das Hunter College besuchte, eine staatliche Universität. Nach der Schule arbeitete sie in einem Eisgeschäft und bei ihrem Schwager George Schäffer in dessen Textilwerkstatt: „Dort habe ich den Boden gekehrt, Zwirn geschnitten oder Blusen etikettiert. Aber am liebsten arbeitete ich im Ice Parlour, denn ich liebe Eiscreme bis zum heutigen Tag.“

Mit diesem Schwager beginnt auch Suzi Weiss-Fischmanns traumhafte Erfolgsgeschichte: Ihre Schwester Miriam und George Schäffer übersiedelten 1981 nach Los Angeles, wo sie sich in eine Dentalzubehörfirma einkauften. Ein Jahr später folgte der Rest der Familie nach Kalifornien, dort begann Suzi bei ihrem Schwager in den Odontorium Products, Inc. (OPI) zu arbeiten. Sie produzierten u. a. Methylmethacrylat (MMA), eine chemische Verbindung, die bei der Herstellung von Zahnbrücken und -kronen verwendet wird. Suzi and George entdeckten plötzlich unter ihren Kunden Nagelstudios, die diese Substanz kauften, um damit Kunstnägel oder Nagelverlängerungen zu machen.

„[…] dass diese jüdischen Tradi­tionen tausende
Jahre lang durch­ gehalten wur­den und wir
die Pflicht hätten,
diese auch für tausende weitere
Generationen zu bewahren.“

Suzi Weiss-Fischmann

Die beiden ergriffen die Chance und begannen ausschließlich für Nagelstudios zu produzieren. Zuerst verkauften sie Material für künstliche Nägel, ab 1989 auch Nagellacke in allen Farben des Regenbogens. „Das Lackfarbangebot war damals nur auf Rosé und Rottöne beschränkt. Ich fand das sehr langweilig, es sollte eine Bandbreite an Farben geben: von klassisch über sexy bis mutig. Jede Frau soll in meinen Kollektionen genau die Farbe finden, nach der sie gesucht hat“, erklärt es WeissFischmann, die schon lange in jüdischen Wohltätigkeitsvereinen aktiv ist und nicht nur in zahlreichen jüdischen US-Medien gefeiert wird.

In diesen Interviews verrät sie auch weitere Geheimnisse ihres Erfolges: „Ich schaue zuerst auf Farbtrends in Zeitschriften aus Paris, Mailand, Barcelona, beobachte aber gleichzeitig gesellschaftliche Trends. Diese beeinflussen meine Kollektionen genauso.“ Doch woher kam ihre Inspiration für neue Farben? „Wir haben mit Stars gearbeitet in der Film- und Musikindustrie, aber ich habe z. B. einmal für einen Küchengeräteproduzenten Nagellackfarben kreiert. Ein tolles Rot namens I don’t Do Dishes (Ich wasche kein Geschirr), ich finde diese Farbe sollte jede Frau auf ihrem Küchenbord stehen haben.“

Kreative Namensgeberin. Eine von WeissFischmanns ersten Farbtönen hieß I‘m Not Really a Waitress (Ich bin nicht wirklich Kellnerin). Der Name beschreibt nicht nur dunkelroten Lack, eine Trendfarbe der frühen Neunzigerjahre, sondern auch die Atmosphäre von Los Angeles und Hollywood, wo jede Kellnerin auch eine Schauspielerin ist, die den Durchbruch gerade noch nicht geschafft hat.

Suzi Weiss-Fischmann: I’m Not Really A Waitress:
How One Woman Took Over the Beauty Industry.

Seal Press 2019, 240 S., € 24,90

Mit ihren originellen und äußerst kreativen Produktnamen hat die quirlige Ungarin das Alleinstellungsmerkmal der Marke OPI auf dem Weltmarkt etabliert. „Weil unsere Farbnamen nach verschiedenen Destinationen, von Irland bis Japan, benannt oder einfach nur witzig sind, merken sie sich die Frauen, das wurde zur DNA von OPI“, weiß die Kreativdirektorin, die gleich mit einigen Beispielen aufwartet: Orange You Glad It‘s Summer, Suzi Sells Sushi By The Seashore, Bubble Bath oder Don’t Bossa Nova Me Around. Suzi Weiss-Fischmann ist nach vierzig Jahren – und auch nach dem Verkauf der Firma an den Coty-Wella-Konzern – nicht nur weiterhin Markenbotschafterin, sondern auch die kreative Instanz bei OPI. Sie ist damit ebenso für neue Farben verantwortlich wie für die humorvollen Namen, die in stundenlangen Meetings mit ihrem Team entstehen. OPI Product Inc. ist heute weltweit der größte Hersteller von Nagelpflegeprodukten, die – einschließlich der Vereinigten Staaten, Europa und Asien – in über 100 Ländern erhältlich sind.

Auch diese atemberaubende Karriere hat Suzi Weiss-Fischmann nicht von ihrer religiösen Tradition entfernt. „Mein Mutter betete zwei Mal am Tag und schwor sich, als sie Ungarn verließ, egal, wo sie künftig leben werde, einen koscheren Haushalt zu führen und den Schabbat einzuhalten. Mein Vater sah das nicht so streng“, gestand sie in British Jewish News.

„Wann immer wir nach Ungarn reisten, sagte mein Vater ‚ich gehe spazieren‘, aber wir wussten alle, auch meine Mutter, dass er zum Würstelstand ging.“

Ihr Ehemann, Dr. George Fischmann, kam aus Guatemala in die USA, weil seine Eltern aus der CSSR dorthin geflohen waren. Er legt täglich Tefillin (Gebetsriemen) an, und das Freitagabendessen mit Familie und Freunden ist ein fixes Ritual. Suzi Weiss-Fischmann: „Ich erklärte meinen Kindern Andrea und Andrew sehr früh, dass diese jüdischen Traditionen tausende Jahre lang durchgehalten wurden und wir die Pflicht hätten, diese auch für tausende weitere Generationen zu bewahren. Und wir haben hier die Freiheit, das zu tun.“ Und sie erinnert sich, dass sie zehn Jahre alt und noch in Ungarn war, als der Rabbiner einmal in der Woche ins Haus kam, um ihnen das Beten beizubringen: „Meine Mutter hat alle Fensterläden und Vorhänge schnell geschlossen, damit niemand sehen konnte, dass er bei uns war.“

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