Igor Levit – Porträt eines Ausnahmekünstlers

Zu einem musikalischen und filmischen Geschenk wurde das Filmporträt Igor Levit – No Fear, in dem die deutsche Regisseurin Regina Schilling den Künstler zwei Jahre begleitet.

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Regina Schilling: Igor Levit: No Fear. D 2022, 119 Min.

Wirklich entspannt ist Igor Levit erst nach 118 Minuten, nachdem er schelmisch lächelnd einen jüdischen Witz erzählt hat. Bis dahin zeigt die Regisseurin Regina Schilling den Ausnahmekünstler in ihrem berührenden, musikalisch beseeltem Filmporträt entweder unter Starkstrom spielend, als ob der Flügel ihn einsaugen, verschlingen würde, oder vollkommen erschöpft auf dem Boden und Bauch liegend, alle Viere von sich gestreckt. Aber auch das sind nur zwei von zahlreichen spannenden Sequenzen, die Schilling in No Fear (Keine Angst) eingefangen hat.

Der Titel passt auch gut zum politischen Menschen Igor Levit, der sich nie scheut, öffentlich gegen Antisemitismus, Ausgrenzung, Rassismus und Krieg aufzutreten – ohne darauf zu achten, ob es ihm als Pianist schaden könnte. Das Motto „No Fear“ stammt zwar von Levit, hat aber nur indirekt mit ihm zu tun. „Beethovens Musik ist frei von Angst“ begründet er unter anderem seine Faszination für Ludwig van Beethoven, dessen 32 Klaviersonaten er 2019 eingespielt hat und die den Ausgangspunkt des Dokumentarfilms Igor Levit – No Fear bilden. Die studierte Literaturwissenschafterin und Autorin Regina Schilling hat Levit über zwei Jahre begleitet, „sehr feinfühlig“, wie der Gefilmte konstatiert. Sie zeigt ihn bei Konzerten, Plattenaufnahmen, PR-Terminen, auf Reisen oder beim Einkaufen in einer Boutique. 

Aber das sind nur die faktischen Details, der Rahmen für ein beeindruckendes Filmessay, das sowohl Ruhe und Konzentration wie auch die körperliche Anstrengung bis zur Verausgabung dieses großartigen Künstlers einfängt. Schilling lässt Levit erfreulicherweise in langen Einstellungen einzelne Sätze ganz ausspielen – und das ist ein wahres Geschenk. Ebenso beglückend ist der häufige Blick in das Tonstudio, in dem er mit seinem langjährigen Tonmeister Andreas Neubronner die unmittelbar vorher eingespielten Passagen abhört und sich dabei an die Schulter des Tonproduzenten lehnt: Hier spielt er ganz sanft die Partitur mit den Fingern auf dessen Unterarm nach. Dabei wird der großartige Künstler unglaublich verletzbar und durchlässig. Diese vertraute Körperlichkeit und die Leidenschaft in den Bildern – das ist es, was den Film ausmacht: Er zeigt einen einsamen Menschen in der Ausübung seiner Kunst, die ihm auch Leiden schafft, aber für die er trotzdem mit jeder Faser brennt. 

Der Film zeigt einen einsamen Menschen in der Ausübung seiner Kunst, für die er mit jeder Faser brennt.

 Auf einer Taxifahrt zu Beginn der Dreharbeiten im Jahr 2019 erzählt Igor Levit der Filmemacherin, dass er sich für das Beethoven-Jahr für 108 Konzerte verpflichtet hat. Im März 2020 schlittert er dann mit der ganzen Welt in den Lockdown, das reißt ihn plötzlich aus seinem Hamsterrad heraus. Auf einen Schlag werden weltweit Konzerte abgesagt. Das weckt die Experimentierfreude des gefragten Weltstars. Er streamt als Erster Hauskonzerte auf Twitter und Instagram – und fasziniert damit auch eine Hörerschaft, die vorher nie in einem Klassikkonzert war. Obwohl er als Musiker von den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie selbst stark betroffen ist, macht sich Levit stets für eine kluge Pandemiepolitik stark und geht aktiv gegen Verschwörungserzählungen vor. 

 Insgesamt werden es dann 52 Hauskonzerte, die er live aus seiner Berliner Wohnung streamt. Regina Schilling filmt auch dabei weiter und fragt Levit, wie wichtig die Hauskonzerte in dieser Zeit sind. „Existenziell!“, ruft der Pianist aus. „Das ist der einzige entspannte Moment in meinem Tag – außer dem Kochen, meinem neuen Hobby – und das dreimal am Tag.“ Nur einmal gastiert er mit einem „Hauskonzert“ im Berliner Schloss Bellevue – der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat ihn dazu eingeladen. 

Von dieser Ehre und vielen anderen Auszeichnungen für Igor, der am 10. März 1987 im russischen Gorki (heute Nischni Nowgorod) geboren wurde, hat die Familie Levit damals sicher nicht geträumt. Igors Vater Semjon war Bauingenieur, seine Mutter Elena eine habilitierte Musikpädagogin und Opernkorrepetitorin. Bereits mit drei Jahren bekam er seiner ersten Klavierunterricht durch seine Mutter. Als Solist debütierte Igor im Alter von vier mit einer Ecossaise, einem schottischen Rundtanz von Ludwig van Beethoven. Das erste Konzert gab er mit sechs mit dem Philharmonieorchester von Nischni Nowgorod, Händels F-Dur-Klavierkonzert.

 Als Igor acht Jahre alt war, im Jahr 1995, übersiedelten die Levits als jüdische Kontingentfamilie nach Hannover. Dort besuchte Igor das Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium. 1999, im Alter von 12 Jahren, erhielt er ein Jahr lang Klavierunterricht am Mozarteum in Salzburg. Anschließend absolvierte er ein Studium am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter (IFF) in Hannover – damals war er erst 13 Jahre alt. Sein Klavierstudium schloss er mit der höchsten Punktezahl in der Geschichte des Instituts ab.

 Seit 2000 gibt er Konzerte, darunter mit der NDR Radiophilharmonie Hannover, den Nürnberger Symphonikern, dem English Chamber Orchestra, den Stuttgarter Philharmonikern und dem Israel Philharmonic Orchestra. Als jüngster Teilnehmer gewann Igor Levit beim 2005 ausgetragenen International Arthur Rubinstein Wettbewerb in Tel Aviv neben Silber auch den Sonderpreis für Kammermusik, den Publikumspreis und den Sonderpreis für die beste Aufführung des zeitgenössischen Pflichtstücks. Zyklen der gesamten Klaviersonaten Beethovens präsentierte Igor Levit unter anderen bei den Salzburger Festspielen, dem Lucerne Festival sowie dem Musikfest Berlin, an der Hamburger Elbphilharmonie und an der Londoner Wigmore Hall. 

Soloauftritte führen Igor Levit regelmäßig zu den weltweit wichtigsten Konzerthäusern und Festivals. Mit musikalischen Größen wie Sergei A. Krylow, Gavriel Lipkind und Mischa Maisky frönt er auch der Kammermusik. Seit 2019 lehrt der gebürtige Russe Klavier als Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Wie hat Regina Schilling, den Pianisten und Menschen Levit für sich entdeckt? „Er und das Thema haben eigentlich zu mir gefunden. Der Produzent, mit dem ich schon seit 20 Jahren an meinen Filmen arbeite, hat mich im Zusammenhang mit Levits Einspielung der Beethoven-Sonaten angesprochen“, erinnert sich die Regisseurin. „Ich höre zwar Klassik – die Beethoven-Sonaten haben mir in meinen 20ern einmal über eine Krise hinweggeholfen – bin aber keine Spezialistin. Levit war mir natürlich ein Begriff, er machte mich neugierig:  Als ich ihn spielen sah, fand ich besonders spannend, dass da so eine Verwandlung mit ihm passiert, mit seinem seelenvollen Spiel wirkt er auf mich wie aus einem anderen Jahrhundert.“ 

Fasziniert war Schilling auch davon, dass Levit mit seinen politischen Statements den Klassikbetrieb aufbrechen, aufwecken will, und zwar eine Branche, die es gar nicht so gerne sieht, wenn Künstler sich politisch äußern. „Levits Bodenständigkeit hat mich auch überrascht, er ist trotz seiner Berühmtheit überhaupt nicht abgehoben“, erzählt sie. „Er sagte mir, falls er sich zwischen Bürgerpflicht und Musik entscheiden müsste, würde er immer die Bürgerpflicht an erste Stelle setzen.“ So hat Levit zum Beispiel im März 2021 die 840 Notenblätter seiner Live-Darbietung von Erik Saties Vexations verkauft, um Musiker in der Pandemie zu unterstützen. Im Juni 2022 kritisierte Levit Äußerungen des ukrainischen Botschafters in Berlin, Andrij Melnyk, über den ukrainischen Partisanenführer und NS-Kollaborateur Stepan Bandera. Er unterstützte Ukraine-Flüchtlinge gleich zu Beginn des Krieges, unter anderem nahm er welche bei sich zu Hause auf.

Levit habe zwar keine Konditionen gestellt, nur zu seinem Privatleben habe er Schilling relativ bald gesagt, dass der Film zwar persönlich, aber nicht zu privat sein solle. Auf die Frage, warum sie das Politische im Leben und Wirken Levits in ihrem Film als Nebensache behandelt, erklärte die gebürtige Kölnerin so: „Dass Igor Levit Humor hat, sich politisch und gesellschaftlich positioniert, das wusste ich schon. Aber ich habe ein anderes Verständnis dafür gewonnen, was dieses auf Bühnen sein, dieses Auf und Ab mit Adrenalin, der dröhnende Applaus und dann, zack, die Stille danach bedeuten: 180 Tage im Jahr unterwegs, beim Konzert allein, morgens und abends allein. Das ist schon sehr schwierig.“ Und für die Zuschauer gäbe es laufend die Chance, Levit-Interviews zu politischen Themen medial zu konsumieren. „Aber diese verborgenen Schätze, die ich in den einsamen und hektischen Stunden dieses großartigen Künstlers gehoben habe, sind sonst für sein Publikum nicht zugänglich.“ Diesen Blick hinter die Kulissen gewährt Regina Schilling in Igor Levit – No Fear mit viel Können und Empathie. 

Regina Schilling, geboren 1962 in Köln, studierte Literaturwissenschaft und Pädagogik. Neben ihrer Tätigkeit als Dokumentarfilmerin schreibt sie Kinder- und Jugendbücher. Seit 2001 verantwortet sie das Programm des Literaturfestivals Lit.Cologne. Im April 2013 arbeitete sie an einer 24-stündigen Fernsehdokumentation über Jerusalem und seine Bewohner mit. Darin wird in Echtzeit vom Alltag von 90 Protagonisten aus den verschiedensten Berufen, sozialen Klassen, Religionen und Ethnien berichtet.

Für ihren Film Titos Brille, der die berührende Familiengeschichte der kroatisch-deutsch-jüdischen Schauspielerin und Autorin Adriana Altaras schildert, wurde sie ebenso ausgezeichnet wie für Kulenkampffs Schuhe (2018): Darin porträtierte Schilling bekannte Fernseh-Entertainer der Nachkriegszeit (Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander, Hans Rosenthal), die noch entscheidend durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt waren. Schilling erhielt zwei Mal den Grimme-Preis und den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie Beste Dokumentation/Reportage.

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