Paradise lost?

Endlos viele Grünschattierungen, exotische Blüten, Blick auf das Tote Meer und die Judäische Wüste: Der in seinem botanischen Garten gelegene Kibbuz Ein Gedi ist schlicht ein Paradies. Aber wie lange noch? Die Gründer der Gemeinschaftssiedlung übergeben das Zepter nach und nach einer neuen, stärker konsumorientierten Generation. Viele Grundpfeiler der Kibbuz-Ideologie werden demontiert, Klimawandel und Wasserknappheit machen den Pflanzen in der Oase zu schaffen, und das Meer geht immer weiter zurück.

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Wer diesen Garten einmal kennengelernt hat, bangt mit den Gründern um dessen Weiterbestand. © Daniela Segenreich

Einen Termin bei Niza Hofesch zu bekommen ist um einiges schwieriger, als ein Treffen mit einem beschäftigten Politiker zu arrangieren. Schließlich gelingt es mir es doch, obwohl die 85-Jährige prinzipiell kein Handy bei sich hat. Ich treffe sie mittags vor ihrem Büro bei der kleinen Gärtnerei, gleich neben dem Speisesaal des Ein-Gedi-Hotels. Sie trägt ein weites, viel zu großes dunkelblaues Männerhemd und alte Jeans und hat gerade die Gartenarbeit beendet. Der etwa zehn Hektar große botanische Garten, den sie seit zig Jahren täglich ab fünf Uhr früh, gleich nach ihrer Morgengymnastik, gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Anat betreut, ist ihr großer Stolz: „Dieser Garten wurde geschaffen, damit die Menschen hier leben können. Davor hat der Boden hier ausgesehen wie die Berge um uns herum – einfach Wüste und Steine.“

Für die 17-fache Großmutter und zweifache Urgroßmutter (zwei weitere Urenkel sind unterwegs) ist der Garten der „ästhetische und spirituelle Ausdruck der Arbeit, Liebe und Widerstandsfähigkeit von außergewöhnlichen Menschen“. Doch sie ist realistisch: „Nicht allen von den Neuen ist es wichtig, dass es hier einen schönen Garten gibt. Noch sind Landschaftsteile geschützt, aber das ist nicht für ewig. Es gibt keine Nachfolgegeneration, die arbeiten will. Immer mehr Leute hier vergrößern ihre Häuser und bauen sich Paläste. Oder sie bauen an, um Zimmer an Touristen zu vermieten. Das alles geht auf Kosten des Gartens.“ Sie sieht darin die Analogie zur Entwicklung in der Welt „draußen“: „Was im Kibbuz geschieht, ist genau, was im Staat geschieht.“

Botanisches Paradies. Ehe es geschaffen wurde, war Ein Gedi alles andere als eine Oase.© Daniela Segenreich

Niza kam Mitte der 1960er-Jahre in den Kibbuz an der jordanischen Grenze, der damals noch beinahe völlig abgeschnitten vom Rest des Landes war. Sie half beim Brot backen, fertigte Skulpturen aus Ton und Bronze und begann bald darauf in der Gärtnerei zu arbeiten. Weder sie noch die anderen im Kibbuz verstanden viel von Botanik, und sogar das Botanische Institut in Haifa, das die Pflanzen in den Süden lieferte, wusste nicht immer genau, um welche Gewächse es sich eigentlich handelte und was sie benötigten. Bedingung für die Lieferungen war, dass man im Kibbuz die verschiedenen Spezies, die das Institut schickte, recherchieren sollte: „Wir saßen Tage und Nächte lang und lernten die lateinischen und englischen Bezeichnungen jeder Pflanze, ihre Ursprungsländer und Lebensräume“, erinnert sich Niza. „Und so konnten wir nach und nach die Tafeln mit den Beschriftungen, die es heute an den Bäumen und Sträuchern gibt, verfassen.“

Teure Oase. Heute gibt es hier über 900 Pflanzenarten, darunter auch die riesigen Baobab oder Affenbrotbäume, die hier wegen des speziellen Klimas besonders rasch wachsen. Doch die Bewässerung ist, obwohl das Gebiet eine natürliche Oase ist, ein heikles Thema im Kibbuz. Das in der Wüste so kostbare Nass wird mittels teurer Technologien aus der Quelle Ein Gedi gewonnen und mit dem benachbarten Naturschutzgebiet geteilt. Durch den Bevölkerungszuwachs und den zusätzlichen Verbrauch durch das Spa und das Hotel erhöhte sich der Wasserkonsumerheblich. „Wo’s nicht mehr reicht, muss von außen angekauft und angepumpt werden, was den Preis noch erhöht. Unser Wasser ist sehr teuer geworden und wird den Mitgliedern zu astronomischen Preisen verkauft“, berichtet Meni Gal. Er kam mit 17, einige Jahre nach Niza, nach Ein Gedi: „Aber es gab immer noch genug Wüste für alle“, scherzt er. Der Kibbuz ermöglichte ihm damals die Ausbildung zum Grundschullehrer. Er „wuchs mit seinen Schülern“, unterrichtete schließlich in der Mittelschule und studierte dann noch Computerwissenschaft.

 

„[…] das Bedauern und den Schmerz darüber,
dass so ein Baum
stirbt,
kannst du mir nicht nehmen.“

Niza Hofesch

Und vor zehn Jahren, als er längst pensioniert war, machte er die Ausbildung zum Reformrabbiner, ganz nach seinem Motto: „Lebe, als gäbe es kein Morgen, lerne, als würdest du ewig leben.“

Niza Hofesch (85) arbeitet täglich stundenlang im botanischen Garten des Kibbuz und
setzt sich leidenschaftlich für dessen Erhalt ein. Doch seine Zukunft ist ungewiss. © Daniela Segenreich

Der bereits über 80-Jährige gibt weiterhin Vorlesungen zu biblischen Themen und leitet Führungen durch den botanischen Garten: „Das süße Wasser hier, das zum Teil als Mineralwasser verkauft wird, ist auch herrlich für die Pflanzen. Und die Wintertemperaturen sind sehr mild, deswegen können wir hier viele Spezies vorstellen, die man sonst nirgendwo im Land kennt.“ Zu diesen gehören beispielsweise Myrrhe und Weihrauch, aber auch andere Arten aus afrikanischen Ländern, die es anscheinend einmal zu biblischen Zeiten hier gegeben hat. Menis Geschichten klingen wie aus Tausend und einer Nacht. Für den gelernten Rabbiner deutet alles darauf hin, dass es im biblischen Ein Gedi ein professionelles Geheimnis gegeben hat, Rezepte über die Verarbeitung von Pflanzen zu wertvollen Düften und zu lebensrettenden Heilmitteln.

Garten und Kibbuz liegen ihm am Herzen, und er sorgt sich um deren Zukunft: „Ich würde mir wünschen, dass hier weiterhin Menschen leben, die diesen Ort als den ihren ansehen und lieben, so wie ich, und die weiterdenken, was in der Zukunft hier geschehen soll. Leute, die die sozialen Vorteile hier genießen, aber auch die Verantwortung übernehmen und das Schicksal des Kibbuz mit uns teilen.“ Ein Gedi laboriert noch immer an den Schulden aus der großen Krisenzeit der Kibbuzim, die durch ideologische und gesellschaftliche Veränderungen, aber auch durch die enorme Inflation der 1980erJahre verursacht wurde. Dazu kommt, dass die durch den Rückgang des Toten Meers entstandenen Dolinen, die riesigen Erdlöcher, den Dattelhain des Kibbuz und den Strand zerstört haben. Und schließlich versetzte dann die CoronaEpidemie das Hotel, eine der wichtigsten Einkommensquellen der Gemeinschaft, in einen Dornröschenschlaf. Und das Spa, das durch den Wasserschwund bereits über einen Kilometer vom Ufer entfernt ist, musste geschlossen werden.

Große Sorgen, kleine Erfolge. Um sich der Zeit anzupassen, mussten die landwirtschaftlichen Kollektive viele Änderungen vornehmen. Die drastischste und für Meni am schwersten zu akzeptierende war die Entscheidung, dass die Mitglieder des Kibbuz gemäß ihrer Arbeit bezahlt werden und nicht mehr, wie früher, alle den gleichen Lohn erhalten.

Er hatte damals, vor 15 Jahren, dagegen gestimmt, obwohl er persönlich von dieser demokratisch getroffenen Entscheidung profitiert und als Lehrer eine höhere Pension ausgezahlt bekommt. Und er kann nicht ganz optimistisch sein, was die Zukunft betrifft: „Vielleicht kommt ja ein Millionär aus Saudi-Arabien, der den ganzen Kibbuz aufkauft und alles aus der Entfernung managt.“

Gegenwärtig hat Ein Gedi 220 Mitglieder und beherbergt inklusive Kinder und temporärer Bewohner je nach Saison insgesamt 500 bis 600 Menschen. Und zum ersten Mal seit Langem werden wieder neue Bungalows für junge Paare errichtet. Meni glaubt fest daran, dass der Kibbuz ein großes Potenzial hat, qualitativ gute junge Leute anzuziehen. Doch im Konflikt mit dem Wunsch weiterzuwachsen steht unter anderem die im Moment verfügbare Wassermenge. „Wirklich leiden wird unter dem Wasserproblem vor allem der botanische Garten“, ist er sich sicher.

 

„Dieser Garten wurde geschaffen,
damit die Menschen hier leben können.

Davor hat der Boden hier ausgesehen, wie die Berge
um uns herum – einfach Wüste und Steine.“

Auf die Frage, wie sie mit den düsteren Prophezeiungen für „ihren“ Garten umgeht, erzählt Niza die Geschichte von ihrem jüngsten Disput mit der Kibbuz-Leitung. Es geht um einen der ältesten Bäume im Kibbuz, einen riesigen, schattenspendenden Eichenbaum. Er vertrocknete langsam, weil die Bewässerung der Gärten rund um die Häuser in die Verantwortung der jeweiligen Bewohner fällt. Der Baum stört bei der Vergrößerung des benachbarten Hauses, und das Wasser ist teuer. Das Fällen von Bäumen ist hier verboten, also wurde er nicht bewässert. Vom Grundwasser können die Pflanzen in Ein Gedi wegen seines großen Salzgehalts nicht profitieren, und so wäre der Baum beinahe gestorben. Doch Niza gab nicht auf. Sie ging noch einmal zum Manager, und nach weiteren erfolglosen Verhandlungen sagte sie schließlich zu ihm: „Ich verstehe deine Argumente, aber das Bedauern und den Schmerz darüber, dass so ein Baum stirbt, kannst du mir nicht nehmen – das ist meine Antwort.“ Und siehe da, es ging noch einmal alles gut: Noch am selben Tag ließ das Management zwei Sprinkler neben dem Baum installieren.

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