„Das Dunkel bietet auch Geborgenheit und Schutz“

Dem in Tunis geborenen israelischen Künstler Ofer Lellouche ist in der Albertina die Sommer-Ausstellung als Retrospektive gewidmet.

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Künstlerische Freundschaft seit 2008: Ofer Lellouche (re.) mit Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder. © Albertina Wien, Schenkung Ofer Lellouche, Foto: Elad Sarig

In den hohen Räumen der Albertina, konkret in der Pfeilerhalle, wirkt der schmächtige, leger gekleidete Mann eher verloren. Eigentlich sollte er sich hier geborgen fühlen, steht er doch inmitten seiner künstlerischen Arbeiten, darunter Zeichnungen, Skulpturen, Radierungen und Holzschnitte. Aber Ofer Lellouche wirkt nicht nur bescheiden, er ist es auch.

Der 1947 in Tunesien geborene Lellouche ist ein israelischer Maler, Grafiker, Bildhauer und Videokünstler, der 1961 mit seiner Familie von Tunis zuerst nach Paris geflohen war. Aber bereits 1967 kämpfte er in Israel im Sechstagekrieg – nachdem er sein dreijähriges Studium der Mathematik in Paris knapp vor dem Abschluss unterbrach, um in den Kibbuz Yechi-Am zu gehen. Nach seiner Militärzeit studierte er von 1969 bis 1971 Malerei am Avni Institute of Art and Design und französische Literatur an der Universität Tel Aviv. Anschließend arbeitete er in den Ateliers des Bildhauers César Baldaccini in Paris.

„Wie ich vor dem Spiegel stehe, ähnelt der Art und Weise,
wie ich
eine Zeichnung auf dem Papier aufbaue.“
Ofer Lellouche

Nicht nur in Israel, sondern auch in angesehenen Galerien und Museen weltweit kennt man Lellouche, hierzulande jedoch kaum. Wie kommt man dennoch zu einer Ausstellung in der renommierten Albertina? Die erste Antwort darauf liefert Direktor Klaus Albrecht Schröder selbst: „Die Grafiken von Ofer habe ich zum ersten Mal in der Druckwerkstatt von Christoph Chavanne im burgenländischen Apleton entdeckt – und war fasziniert. Persönlich durfte ich ihn dann 2008 durch den Kunstsammler und Galeristen Jan Krugier kennenlernen.“ Lellouche, der mit diesem Galeristen zusammengearbeitet hat, fügt leise hinzu: „Die Albertina hatte schon Werke von mir über die Jahre ausgestellt, jetzt habe ich dem Haus eine Schenkung von 50 Objekten gemacht.“ Insgesamt besitzt die Albertina derzeit 77 Werke, von denen 46 in der bis 19. September 2023 laufenden Ausstellung zu sehen sind.

Selbstporträt mit erhobener Hand, 2012; Kohle auf Papier, 80 x 120 cm. © Albertina Wien, Schenkung Ofer Lellouche, Foto: Elad Sarig

Was ist der Mensch? Lellouche konzentriert sich in seinem Schaffen fast ausschließlich auf die – nackte und bloße – menschliche Gestalt, auf den Kopf und das Gesicht. Darin ist er Alberto Giacometti verwandt, mit dem er befreundet war. „Vereinsamung, verbrannte Haut, entstellte Gesichter – Lellouche stellt den Menschen auf ebenso mystische wie radikale Weise dar. Das Weltbild des Künstlers ist geprägt von der Erfahrung der Bedrohung, Verfolgung, Auslöschung. Der Künstler wirft die älteste universell gültige Frage auf: ‚Was ist der Mensch?‘“, so Schröder bei der Eröffnung.

„Das ‚Warum‘ steht seit jeher im Zentrum jüdischen Denkens, sei es in Bibel oder Talmud: Im Hebräischen teilt sich das existenzielle Fragewort densel ben Zahlenwert wie das Wort für Mensch (Adam), um auf die bestehende enge – und ewig gültige – Verbindung der beiden Worte hinzuweisen.“ Und der Direktor fügt aktuell dazu: „Vor dem Hintergrund jahrtausendelanger Verfolgung ist es jedoch in der Geschichte des jüdischen Denkens – leider bis heute – von besonderer Stellung und Brisanz.“

Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.
Andreas Gryphius

Lellouche begann in den 1970er-Jahren mit Videokunst und Malerei zu experimentieren und hat sich im Laufe seiner Karriere mit den verschiedensten Medien beschäftigt. „Wie ich vor dem Spiegel stehe, ähnelt der Art und Weise, wie ich eine Zeichnung auf dem Papier aufbaue. Wenn ich bei der Anlage der Zeichnung das Gefühl habe, dass der Kopf mehr nach unten schauen sollte, begreift dies der Mann im Spiegel noch vor mir und senkt seinen Kopf – als wäre er in der Lage, meine Absichten vorauszuahnen. Es ist eine seltsame Art von Dialog zwischen dem Maler und seinem eigenen Abbild.“

Selbstporträt, 2008; Holzschnitt, 160 x 120 cm. © Albertina Wien, Schenkung Ofer Lellouche, Foto: Elad Sarig

Der Künstler geht auch auf seine Schwarz-weiß-Fixierung bei den Arbeiten ein: „Vielleicht glauben manche, das Schwarz wäre deprimierend, aber Dunkelheit kann viele Assoziationen wecken – für mich ist es meist die Landschaft meiner Kindheit“, erzählt Lellouche. „Die Dunkelheit des Wohnzimmers, sobald die Jalousien heruntergelassen worden sind, um uns vor der Hitze und der Gewalt der Sonne da draußen zu schützen. Für mich bedeutet Dunkelheit vor allem auch Geborgenheit. Schwarz habe ich für mich entdeckt, als ich in den Bergen rings um Jerusalem arbeitete. Ich hatte die Gelegenheit, dort einige Wochen zu verbringen, um diese Landschaft zu erfassen.“

Als Lellouche seine Bilder ins Atelier zurückbrachte, war er von ihnen enttäuscht, denn sie ähnelten zu sehr Landschaftsgemälden aus der Provence, etwa mit dem weichen Licht eines Paul Cézanne. „Von der Intensität und der Gewalt des Lichts, dem ich ausgesetzt gewesen war, war nichts mehr zu spüren. Eines Tages machte ich eine Radierung und ließ die Platte aus Versehen in der Säure liegen. Ich machte trotzdem einen Abdruck davon, der fast ganz schwarz war“, berichtet Lellouche von jener Entdeckung, die seine Arbeit vollkommen veränderte: „Da begriff ich plötzlich, dass ich die Intensität des Lichts in die Farbe Schwarz übersetzen konnte, und mir wurde klar, wie leuchtend Schwarz sein kann. Das hat auch etwas mit dem starken Licht in Israel und überhaupt im Süden zu tun. Viele Gemälde, die mir in Tel Aviv sehr farbenfroh vorkamen, sahen in Paris ziemlich dunkel aus.“

Selbstporträt (Detail), 2022; Kohle auf Papier, 110 x 80 cm. © Albertina Wien, Schenkung Ofer Lellouche, Foto: Elad Sarig.

Dem aufmerksamen Besucher entgeht nicht, dass die Schenkungen des Künstlers zumeist die Widmung tragen: Im Gedenken an Dov Gottesman. Warum diese häufige Erwähnung? „Dov wurde ursprünglich in Wien geboren und war ein sehr guter Freund sowie ein großer Förderer der Künste. So bringe ich ihn wenigstens spirituell hierher zurück. Er war auch ein Gourmet, und wir gingen viel und gut essen“, lacht Lellouche. Gottesman war nicht nur ein Wiener wie der legendäre Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek, sondern dessen Nachfolger als Direktor des Jerusalem Museums von 2001 bis zu seinem Tode 2011.

Neben den dramatisch ansprechenden Selbstporträts, teils abstrakt, ohne Nase und ohne Ohren, gibt es auch eines mit der Büste des Vaters. „Mit dem Vater ist in meinen Augen natürlich nicht der biologische Vater gemeint. Er ist Dantes Vergil, der Geist in Hamlet oder Moses in der Bibel. Er ist der Vater, von dem wir spüren, dass er hinter uns steht. Souverän, aber abwesend: der Führer des Dichters, der im selben Augenblick verschwinden muss, in dem der Stift das Papier berührt; der sich auflösen muss, damit wir sein können.“

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