Kochbuch zum Überleben

Wie man im Lager Lichtenwörth überleben konnte, hat man bei einem berührenden Gastspiel des Golem Theaters aus Budapest im Volkstheater erfahren.

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Ungewöhnliche Inszenierung. Das Publikum wird zu Tisch gebeten. © Golem Szinhaz, Budapest

Das persönliche Interview war eigentlich schon Routine für Szilvia Czingel, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins Centropa in Ungarn. Sie hatte für die Datenbank des Zentrums zur Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa bereits viele jüdische Menschen zu ihrer Lebensgeschichte befragt – vor und nach der Schoah. Jetzt stand sie wieder einmal in der Küche der 92-jährigen Hedwig Endrei, und die gepflegte Frau im adretten Kostümchen sprach mit ihr, während sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nachging: Sie kochte. Aus einem unscheinbaren großen Kochbuch fielen plötzlich kleine, hellblaue Zettel heraus. Die Hausfrau hob sie hastig auf und wollte sie wieder verstauen. Doch die Besucherin war neugierig geworden und ließ nicht locker. Aus den folgenden Erzählungen der Frau Endrei, geborene Weisz, entstand ein berührendes Buch: Kochbuch zum Überleben (Szakácskönyv a túlélésért – Lichtenwörth, 1944–45).

© Golem Szinhaz, Budapest

Hedi Weisz, gelernte Modistin aus einer Kaufmannsfamilie in Budapest, hat mit vier Freundinnen das Zwangsarbeiterlager in Niederösterreich überlebt – auch weil sie sich gemeinsam vom plagenden Hunger ablenkten, indem sie regelmäßig imaginär kochten: Aus der Erinnerung wurden Rezepte mit phantasievollen Zutaten gegenseitig abgefragt und dann aufgeschrieben. „Ich war die Einzige, die dieses blaue Briefpapier und einen Bleistift mitgenommen hatte, ich wollte Briefe nach Hause schreiben“, erzählt sie. „Ich habe alles winzig klein und eng bekritzelt, denn wir wussten nicht, wie lange das Papier reichen musste.“ In sechsmonatiger entbehrungsreicher Haft schafften es insgesamt 148 Rezepte auf diese vergilbten Blätter. Darunter befand sich auch die beliebte ungarisch-jüdische Mehlspeise, der Flodni, den Hedi Weisz jetzt ihrer jungen Besucherin auftischt: eine Schicht kleingehackter Äpfel, dann Mohn, obendrauf süße Walnussfüllung; dazwischen dünner, delikater Teig. „Suppenrezepte haben wir gänzlich ausgelassen, denn unser Essen bestand fast immer nur aus einer wässrigen Dörrgemüsesuppe und etwas verschimmeltem Brot“, erinnert sich Weisz. „Indem wir über die Rezepte gestritten und uns über die ungenauen Mengenangaben unserer Mütter und Tanten mokiert haben, hielten wir uns bei Verstand und die Lebensgeister wach.“

148 Rezepte. Darunter auch der Flodni, die wohl beliebteste ungarisch-jüdische Mehlspeise. © Golem Szinhaz, Budapest

Ab 8. Dezember 1944 wurde in Lichtenwörth bei Wiener Neustadt ein Lager für 2.500 Schanzarbeiterinnen eingerichtet, die aus Westungarn hierher verbracht wurden. Die Lagerinsassen mussten auf dem nackten Betonboden schlafen und erhielten Hungerrationen. Bis zur Befreiung des Lagers am 2. April 1945 starben 180 Personen, danach noch weitere 75. Hedi war schon in zwei ungarischen Arbeitslagern gewesen, bevor sie nach Lichtenwörth kam: „Wir hatten jeweils einwöchige anstrengende Fußmärsche hinter uns.“ Obwohl ihre Eltern nach dem Einmarsch der deutschen NS-Truppen am 19. März 1944 in einem schwedischen Schutzhaus des Budapester Ghettos Unterschlupf fanden, wurde Hedi direkt von der Arbeit abgeholt und deportiert.

»Die Kochrezepte halfen uns,
den Verstand nicht
zu verlieren.«

Hedi Weisz

Jüdische Erinnerung bewahren. „Um Geld für unsere Produktionen aufzutreiben, organisierten wir die Präsentation von Szilvia Czingels Buch. Die Geschichte der Hedi Weisz und ihrer Freundinnen hat uns so fasziniert, dass wir sofort an eine Bühnenfassung dachten“, erzählt András Borgula, Gründer und Leiter des Golem Theaters in Budapest. „Als einziges jüdisches Theater, das ständig um seine Existenz kämpft, haben wir es dann doch realisieren können.“ Die Produktion wurde ein großer Erfolg. Dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) und dem Volkstheater ist es zu danken, dass es aus Anlass der Novemberpogromgedenken auch in Wien aufgeführt wurde.
Das Stück basiert auf den mehr als zehnstündigen Aufzeichnungen der Kulturantropologin Czingel, die für Centropa zwanzig der insgesamt 220 in Ungarn durchgeführten Interviews machte. Das Motto des Vereins, „jüdische Erinnerung bewahren – Geschichte zum Leben erwecken“, nahm sich auch das Golem Theater für diese ungewöhnliche Inszenierung zu Herzen: Das Publikum wird zu Tisch gebeten. Auf der rechteckigen Fläche, die von vier Tischen umschlossen ist, verkörpern drei gestaltungsfreudige, wunderbare Schauspielerinnen die fünf Freundinnen aus dem Lichtenwörther Lager: Sie erzählen von ihrem Elend, zupfen einander die Läuse aus den Haaren, flüchten sich in ihre Träume und in bissigen Humor – und servieren dem Publikum Essen. Zu jeder geschichtlichen Phase wird ein anderes spezifisches Gericht aufgetischt. die Zuschauer im Volkstheater sind neugierig und kosten alles – bis auf die dunkle Brühe mit den schwarzen Rübenbrocken. Die rührt niemand an.

Lese auch ein Interview mit András Borgula: „Tragik mit Witz brechen“ 

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