Lang lebe die Langeweile!

Das Gefühl der Langeweile ist elementar für unser Befinden und unsere Gesundheit, für die Erholung und Entwicklung unseres Gehirns sowie unserer Gesellschaft. – Ein Plädoyer für Leerläufe in Zeiten des allgegenwärtig Auf-uns-Einwirkenden.

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In einer (Medien-)Welt, die uns täglich die menschlichen Abgründe vor Augen hält, gibt Rastlosigkeit scheinbaren Halt. Das Tempo des Alltags scheint sich postpandemisch rapide beschleunigt zu haben; die Vorstellung, die Zeit untätig verstreichen zu lassen, wirkt bedrohlicher denn je. Das Phänomen Langeweile ist im Zeitalter der medialen Dauervernetzung und -beschallung rar geworden. Der Mangel an Möglichkeiten der Ablenkung ist heute von permanenten Reizen, Informations-Overload und von pausenlosem Beschäftigtsein bedroht. Auch die Freizeit ist durchgetaktet, muss effizient genutzt werden, Leerzeiten des Innehaltens sind rar geworden; Betriebsamkeit und Erschöpfung prägen unseren Alltag.

Dabei ist das Gefühl der Langeweile elementar für unser Befinden und unsere Gesundheit, für die Erholung und Entwicklung unseres Gehirns sowie unserer Gesellschaft. Es ermöglicht das Reflektieren von Aktuellem und das mögliche Entstehen von neuem und alternativem Handeln.

Fehlen die Motivation, die Konzentration, die richtige Aufgabe, sind die Umstände so, dass sich Leerläufe im Alltag auftun, droht die Zeitwahrnehmung sich auch nur ansatzweise zu dehnen: Der Griff zum Smartphone liegt in unserer Hand, das magische Portal zu unendlichen virtuellen Welten öffnet sich mittels minimaler Fingerbewegungen; der Flow der Posts und Kommentare, die 24/7-Newsflashes und Bilderfluten sorgen für affektevozierende Dopamin-Kicks.

„James Bond suddenly knew that he
was tired. He always knew when his
body or his mind had had enough and
he always acted on the knowledge.“
(Ian Fleming, „Casino Royale“)

Versuchen Sie einfach mal überhaupt nichts zu tun. Legen sie die Vorstellung der so genannten Work-Life-Balance, den Zwang zur optimalen Nutzung der Zeit und den damit einhergehenden Stress sowie jenen zur Überwindung des so genannten inneren Schweinehundes zur Seite. Verabschieden Sie sich vom Konzept des positiven Denkens, von Optimierungsimperativen, setzen Sie zur Abwechslung für einen Augenblick mal nicht auf Informiertsein, Konsum und Wachstum und die Verbesserung des Selbst, der Gesellschaft und der Welt.

Nutzen Sie vor allem auch die im Alltag entstehenden potenziellen Momente der Langeweile, die Wartezeiten im Zwischendurch, die sich unvermittelt auftuenden Pausen, Augenblicke von plötzlichem Ennui, in denen für gewöhnlich unmittelbar reaktiv der dauerreizvolle Blick auf das Smartphone erfolgt. Es sind genau jene Zwischenzeiten an der Straßenbahnhaltestelle, beim Warten auf Freund:innen, in einem Lokal, in denen wir bewusst wahrnehmen, mit unserem Umfeld in Resonanz gehen und unsere Gedanken schweifen lassen können, uns sozusagen ganz der Pflege der Langeweile im Hier und Jetzt hingeben können. Es sind jene wertvollen Augenblicke, in denen neue neuronale Verknüpfungen stattfinden, in denen „sich verschiedene Anteile des Denkens und Fühlens miteinander vernetzen“, wie der Psychiater und Psychotherapeut Claas-Hinrich Lammers feststellt.

Auf dass wir dann, nach einer kurzen Pause, besonnen wieder gedeihlich zukunftsweisend agieren können.

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