Sie war eine Begeisterte

Zum Tod der Schauspielerin Dagmar Schwarz (1948–2024).

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„Dramatisch, tragisch und Weltschmerz.“ So umriss Dagmar Schwarz ihr bevorzugtes Rollenfach. „Tragisch“ wurde die Schauspielerin in ihren Engagements am Theater, in Filmen und Fernsehproduktionen auch meist besetzt. „Aber eigentlich bin ich auch komisch“, hat sie in einem Gespräch, das wir 2015 anlässlich der Uraufführung des Schauspiels Weltflucht führten, fast entschuldigend gleich hinzugefügt. Ihre Freundin, die israelische Autorin Savyon Liebrecht, hatte das Stück über die deutsch-jüdische Lyrikerin Else Lasker-Schüler eigens für Dagmar und ihr sozusagen auf den Leib geschrieben, und sie hatte dazu mit Gedichtauswahl und Übersetzungen beigetragen.

Jüdischen Dichter:innen wie Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger und Paul Celan, die sie erst nach und nach für sich entdeckt hatte, galt ihre späte Liebe und ihr berufliches Engagement. Else Lasker-Schüler wurde für sie dabei fast zu einer Identifikationsfigur und einem literarischen Alter Ego. „Ich bin Elses Schwester, wenn ich dichten könnte, würde ich sein wie sie“, sagte Dagmar Schwarz, und wenn sie dann unvermutet aus deren Gedichten zu rezitieren begann, konnte es schon passieren, dass ihr dabei das Wasser in den Augen stand.

„Ich bin Elses Schwester, wenn
ich dichten könnte, würde ich sein wie sie.“
Dagmar Schwarz

 

Die Solistin. Dagmar Schwarz war eine Begeisterte und konnte begeistern, vor allem mit ihren Soloprogrammen, Monodramen und in Lesungen, die sie aus Texten ihrer Lieblingsautor:innen oft selbst zusammenstellte. Auch jüdischer Humor, unter anderem von Fritz Grünbaum, kam dabei öfter zu Wort, unvergesslich ist mir eine zum Schreien komische Litanei aus jüdischen Namen, die sie einmal im Gemeindezentrum zum Besten gab.

In Salzburg, wo sie 1948 zur Welt kam, hatten ihre Großeltern Schwarz einst ein Kaufhaus, das später in kleinerer Form in Jerusalem wiedererstanden ist und zu Dagmars Freude sogar von Lasker-Schüler in deren Jerusalemer Epoche erwähnt wurde. Ihr Aufwachsen in einer Patchwork-Familie mit insgesamt sieben Kindern aus drei Ehen ihres Vaters führte sie als Kind auch nach London – Englisch sprach sie daher fast wie Deutsch – und in ihrer Jugend oft für längere Zeit nach Israel. Weil sie zionistisch, aber nicht religiös erzogen wurde, versuchte sie ihr jüdisches Wissen in den „Schiurim“ mit Oberrabbiner Eisenberg zu vertiefen, in denen sie wohl auch eine Art Geborgenheit gefunden hatte, die sie im Alltag offenbar vermisste.

Zum Theater wollte Dagmar angeblich schon mit fünf Jahren, besuchte daher in Wien das Max Reinhardt Seminar und spielte danach an verschiedenen Bühnen in Österreich und Deutschland, wirkte in Spielfilmen und Fernsehproduktionen mit. Dass ihr in ihrer Schauspielkarriere der große Durchbruch nicht gelang, war eine schmerzliche Enttäuschung, die im Umgang mit ihr auch spürbar werden konnte. In Dornbach, wo sie meine Nachbarin war, traf ich sie öfter mit ihrem Hund spazierend an, in letzter Zeit leider nicht mehr. Am 18. Jänner ist Dagmar Schwarz in Israel, wo sie einige Geschwister hatte, gestorben.

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