„Leben unter unmöglichen Umständen fortsetzen“

Über den religiös-spirituellen Zusammenhalt als Widerstand gegen den NS-Terror spricht Rabbi Dr. Moshe Tarshansky im WINA-Interview mit Marta S. Halpert.

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Rabbi Dr. Moshe Tarshansky. „Viele Juden werden vielleicht nicht überleben, aber das Judentum schon“, zitiert er Rabbi Oshry im Gespräch mit Marta S. Halpert. © Reinhard Engel

Die Misrachi Österreich und das Wiener Wiesenthal Instituts für Holocauststudien (VWI) veranstalteten gemeinsam ein Tagesseminar zum Gedenken an das Novemberpogrom. Zum Thema „Belastbarkeit und Widerstand. Leben und lernen unter unmenschlichen Bedingungen“ wurden drei namhafte israelische Schoah-Forscher eingeladen. Zusätzlich gab es einen Workshop mit Schülerinnen und Schülern aus dem BRG Wien 5, Rainergasse, und dem Zwi-Perez-Chajes-Gymnasium.
Rabbiner Moshe Tarshansky von der Etzion Foundation in Israel widmete sich der rabbinischen Responsa-Literatur als Quelle zur Erforschung des religiösen, individuellen und gemeinschaftlichen Lebens während der Schoah.
Tarshansky, 1966 in New York geboren, kam 1971 mit seinen Eltern nach Israel, wo er sein Rabbinatsstudium absolvierte und an der Bar Ilan University sein Doktorat in jüdischer Geschichte und Holocaust-Studien erwarb. Der Vater von fünf Kindern machte seinen Militärdienst und lehrt seit über zwanzig Jahren an der Horev Yeshiva High School.

WINA: Woher kommt Ihr Interesse, das religiöse Leben in den Ghettos und Konzentrationslagern zu erforschen?
Rabbi Moshe Tarshansky: Ein Teil meiner großväterlichen Familie ist in der Schoah ausgerottet worden, andere Mitglieder erreichten die USA erst nach abenteuerlichen Fluchtwegen über Japan. Das Thema hat mich immer schon beschäftigt,
insbesondere auch in Zusammenhang mit dem Midrasch (Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum). Nach meinem BA in Erziehungswissenschaften unterrichtete ich eine Zeitlang und kehrte erst nach ein paar Jahren an die Bar Ilan University zurück, um Geschichte zu studieren.
Hier traf ich auf Dan Michman, Professor für moderne jüdische Geschichte, der dort seit 1983 das Finkler Institute of Holocaust Research leitet. Außerdem ist er auch als wissenschaftlicher Forscher an der Gedenkstätte Yad Vashem tätig.
Michman hat mir vorgeschlagen, eine Biografie über Rabbi Ephraim Oshry zu schreiben. Er ist der Begründer der She’elot uTeshuvot (Fragen und Antworten), also der Responsa-Literatur in der Holocaust-Periode.

Responsen waren im Mittelalter und in der Neuzeit Anfragen rechtlicher Art an eine jüdische halachische Autorität mit dem Ziel, eine normative Entscheidung (Psak Din) zu erhalten. Oft hatten diese Fragen einen hypothetischen Charakter, weil sie von Rabbinern zur eigenen Absicherung an einen bekannten jüdischen Rechtsgelehrten gestellt wurden. Sie sind bei Ihren Recherchen aber auf konkrete Fragen des religiösen Alltags während der NS-Zeit in Ghettos und Lagern gestoßen, mit denen Rabbiner, die selbst Häftlinge waren, konfrontiert gewesen sind.
❙ Ja, das stimmt. Es gibt einige Rabbiner, von denen außergewöhnliche Responsen in Ausnahmesituationen bekannt sind. Bekannte Beispiele sind von Rabbi Yitzhak Yaakov Weiss überliefert, der vor dem Krieg in Ungarn und Rumänien tätig war und dann in einem ungarischen Zwangsarbeiterlager den religiösen Juden mit Rat und Tat beigestanden ist. Ebenso von Rabbi Zvi Hirsch Meisels, der Auschwitz überlebte und dann die Überlebenden aus dem KZ-Bergen Belsen in Deutschland betreute.

»Manche leisten Widerstand mit  dem Gewehr,
andere mit  dem Geist.«

Rabbi Ephraim Oshry

Warum erzählen Sie gerade die Geschichte von Rabbi Oshry?
❙ Seine Lebenslauf ist nicht nur außergewöhnlich und berührend, er hat auch Bedeutendes nach der Schoah dokumentiert: Oshrys fünfbändiges Werk, das er von 1959 bis 1979 verfasst hat, enthält allein 111 religiöse Fragen in Bezug auf den Holocaust. 62 dieser Fragen wurden ihm während der Zeit im Kownoer Ghetto gestellt. Oshry war ein 27-jähriger Absolvent der legendären Slobodka Jeschiwa in Kaunas, als die Nazis am 23. Juni 1941 Litauen besetzten. Innerhalb von wenigen Wochen waren im Ghetto etwa 30.000 Menschen in ärmlichen Holzhäusern zusammengepfercht, es gab dort keine Kanalisation und kein fließendes Wasser.
Die Nazis übergaben Oshry das Depot mit jüdischen Büchern, die für eine Ausstellung mit dem Titel Artefakte der ausgelöschten jüdischen Rasse bestimmt waren. Doch der junge Rabbiner nutzte diese spirituellen Quellen, um mit den Bewohnern des Ghettos zu lernen und ihnen beizustehen, damit sie ihr Leben als Juden unter diesen unmöglichen Umständen fortsetzen können. Dabei waren Zusammenhalt und Solidarität sehr wichtig.

Diente der Versuch, religiöse Regeln unter unmenschlichen Bedingungen zu befolgen, auch dazu, eine Struktur, eine Art von Normalität aufrecht zu erhalten?
❙ Ja, eindeutig, denn dadurch wurden sie seelisch und geistig gestärkt – und manchmal sogar von der Not und den Entbehrungen abgelenkt. Obwohl Treffen in Gruppen verboten waren, kamen viele der Männer nach der schweren Zwangsarbeit zum Rabbi und lernten mit ihm Thora. Sie machten das in einer Werkstatt oder in einer Küche – und wenn wer hereinkam, gaben sie vor, beschäftigt zu sein. „Das Lernen war unser einziger Lichtstrahl in diesen schrecklichen Zeiten“, formulierte es ein Student von Rabbi Oshry. Und er selbst wurde viele Jahre später mit dem Satz zitiert: „Manche leisten Widerstand mit dem Gewehr, andere mit dem Geist.“

Welche religiösen Fragen musste Rabbi Oshry zum Beispiel beantworten?
❙ Hier sind zwei Beispiel in Bezug auf die Entweihung des Toten, die von Rabbi Oshry unterschiedlich beantwortet wurden: Darf eine mittellose Witwe die Goldzähne ihres getöteten Mannes verwenden? Nein, entschied der Rabbi.
Darf man an einer toten Frau einen Kaiserschnitt ausführen? Ja, lautete die Antwort, denn wenn es darum geht, ein Leben zu retten, ist die Entweihung des Toten die niedrigere Priorität.

Wie hat Rabbi Oshry seine Entscheidungen (Psakei Din) für die Nachwelt bewahren können?
❙ Er hat sowohl die Fragen der litauischen Juden wie auch seine Antworten auf kleine Fetzen aus den Zementsäcken, die er als Zwangsarbeiter schleppen musste, gekritzelt, in Blechdosen versteckt und vergraben. Nach dreieinhalb Jahren befreiten die
Sowjets das Kownoer Ghetto, und Rabbi Oshry schaufelte seine Dosen frei. Er führte 65 Jugendliche aus dem Ghetto auf einem beschwerlichen Weg nach Rom. Auf dieser Route kamen noch mehr verwaiste Kinder dazu. Ein italienischer Jude stellte den Heimatlosen eine geräumige Villa zur Verfügung, und Rabbi Oshry gründet dort eine Jeschiwa. 1950 wanderte er mit seinen Schülern nach Montreal aus, und ein paar Jahre später übersiedelte er nach New York, wo er als Rabbiner des Beth Hamidrash Hagdol auf der Lower East Side fungierte. Fünfzehn Jahre vor seinem Tod (2003) gründete Oshry eine Jeschiwa für begabte Jungen in Monsey, New York.

Wie weit darf man in Ausnahmesituationen sein Leben gefährden, um die religiösen Vorschriften und Mitzwoth zu erfüllen?
❙ Prinzipiell darf man sich in Lebensgefahr begeben, um religiöse Gesetze zu beachten; Selbstmord begehen darf man nicht. Im Holocaust entschieden die Weisen aber, dass die Erhaltung des Lebens vor dem Gesetz kommt, denn die Nazis wollten uns nicht die Religion rauben, wie unsere Verfolger Jahrhunderte zuvor, sondern planten die Vernichtung und Auslöschung des jüdischen Volkes. Daher galt das Gebot von Kiddusch Chaim, also der Heiligkeit des Lebens. Rabbi Oshry befand das Beharren auf jüdischer Lebensweise als die höchste Stufe des Widerstandes gegen die Nazis: „Viele Juden werden vielleicht nicht überleben, aber das Judentum schon.“

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