Von der Mutter verraten

Es ist einer der spektakulärsten Fälle von Denunziation in der NS-Zeit, der der Politikwissenschafterin Nina Scholz jemals unterkam: Eine Frau verrät sowohl ihren jüdischen Mann wie auch ihre sieben gemeinsamen Kinder an die Behörden. Ihr Mann wird von den Nationalsozialisten ermordet, ihre Kinder landen schließlich im KZ Theresienstadt – und überleben. Jasmin Freyer, Obfrau von ESRA, hat sich nun auf die Suche nach den Kindern von einst gemacht. In Norwegen fand sie Maria Gabrielsen (geb. Schwarz). Über eine bewegende Begegnung.

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Jasmin Freyer und Nina Scholz (c) Ouriel Morgensztern

„[…] so einen grausamen Fall würde ich schon
als einmalig oder sehr selten bezeichnen.“
Nina Scholz

2017 veröffentlichten Martin Krist und Albert Lichtblau mit Unterstützung von erinnern.at das Buch Nationalsozialismus in Wien: Opfer. Täter. Gegner (Studienverlag). Bei Jasmin Freyer lag es eine Weile auf ihrem Zu-lesen-Stapel. Doch als sie mit der Lektüre begonnen hatte, ließ sie eine auf wenigen Seiten erzählte Geschichte nicht mehr los: Es war die Geschichte der Familie Schwarz, die ihr zu Herzen ging und sie nicht mehr aufhörte zu beschäftigen. 

„Für mich ist das Ideal der jüdischen Mame ein Ideal, das ich gerne bei meinen Kindern ausleben möchte. Und dann gibt es da eine Frau, die übertritt zum Judentum, und es war ein ordentlicher Übertritt, ich habe mir das im Rabbinat heraussuchen lassen, und dann macht sie genau das Gegenteil von dem, was man von einer jüdischen Mame erwartet. Sie ist gegen alle sieben Kinder vorgegangen, gegen die Buben, gegen die Mädchen, gegen die älteren Kinder und die noch kleinen. Das ist so abgrundtief bösartig, dass es mich einfach erschüttert, ja, fast schon traumatisiert hat.“

Freyer machte sich zunächst auf die Suche nach mehr Informationen und stieß dabei auf das 2003 von Herbert Dohmen und Nina Scholz im Czernin Verlag veröffentlichte Buch Denunziert. Die Autoren haben sich für den Einstieg in ihre Zusammenschau zum Thema genau jenen Fall der Familie Schwarz ausgesucht. Warum diesen Fall? War dieser der spektakulärste? Dazu sagt die Politikwissenschafterin Scholz, die damals am Ludwig Boltzmann Institut für historische Sozialwissenschaft forschte, heute: „Ja, es ist ein sehr außergewöhnlicher Fall. Es kam zwar manchmal vor, dass Menschen Familienmitglieder denunziert haben, aber so einen grausamen Fall würde ich schon als einmalig oder sehr selten bezeichnen.“

Jasmin Freyer mit Autorin und Historikerin Nina Scholz im Gespräch. (c) Ouriel Morgensztern

 

Scholz ihrerseits wurde übrigens von dem inzwischen verstorbenen Holocaust-Überlebenden Rudi Gelbard, der selbst ins KZ Theresienstadt deportiert worden war, auf das Schicksal der „Schwarz-Kinder“ aufmerksam gemacht, wie sie erzählt. Sie arbeitete sich dann gemeinsam mit Dohmen durch einen Teil der im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) in Kopie vorliegenden Akten der Volksgerichtsprozesse. Die beiden suchten dabei gezielt nach Verfahren, in denen es um Denunziation ging. Das hatte sich davor noch niemand angesehen – und bis heute harrt dieser Aspekt des NS-Terrorregimes noch einer umfassenden Aufarbeitung, wie Scholz betont. In Denunziert werden einige Fälle präsentiert. „Aber dass eine Mutter ihre Kinder denunziert und sie auch tatsächlich loswerden will, also das war absolut schockierend.“

„Aber dass eine Mutter ihre Kinder denunziert
und sie auch tatsächlich loswerden will,
also das war absolut schockierend.“
Jasmin Freyer

Für Dohmen und Scholz endeten die Recherchen mit dem Aufzeigen dieser historischen Fälle. In Bezug auf die Scholz-Kinder hatte Gelbard zudem gesagt, dass diese sich in alle Welt verstreut hätten. Freyer aber ließ diese Frage nicht los: Was wurde aus diesen sieben Kindern, die da von ihrer Mutter den NS-Behörden ausgeliefert worden waren? Eine Internetabfrage lieferte bereits in wenigen Sekunden ein Ergebnis: Eines der Kinder von einst, Maria (geb. 1934 in Wien), lebt heute betagt in Norwegen und ist seit 2004 auch als Zeitzeugin aktiv. In dieser Rolle hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit zwischen ärmlichem Elternhaus, Kinderheim der IKG in der Tempelgasse, dem KZ Theresienstadt, einer Pflegefamilie im Nachkriegs-Wien, von der sie erneut schlecht behandelt wurde, und schließlich ihrer Aufnahme in einer endlich wohlwollenden Familie in Norwegen inzwischen zu Papier gebracht. Angezeigt von Mama hat sie diese Erinnerungen betitelt, 2018 hat der Metropol Verlag dieses Buch auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

„Alltag“ in Theresienstadt. Die Lektüre dieser Erinnerungen lässt einen fassungslos zurück. Die kleine Maria hatte zunächst unter der Grausamkeit der Mutter und der Trennung vom Vater zu leiden. In Theresienstadt war der Alltag von Hunger, aber auch ständigem Elend und dem Tod geprägt (sie musste Kartons mit der Asche von verbrannten Toten weiterreichen, als die Nazis gegen Kriegsende versuchten, diese Beweise aus dem Lager wegzubringen und die Asche durch eine Menschenkette so lange weitergegeben wurde, bis sie auf einem LKW landete). Das Mädchen war aber auch medizinischen Versuchen ausgesetzt (es wurden ihr regelmäßig Spritzen verabreicht), was Jahrzehnte später bei einem Spitalsaufenthalt für retraumatisierende Momente sorgte. In diesen Erinnerungen zeigt Maria Gabrielsen aber auch, wie es ihr gelang, in Norwegen ein neues Leben zu beginnen, bei ihren Adoptiveltern Geborgenheit zu erfahren und später eine eigene Familie zu gründen.

Die Begegnung: Jasmin Freyer mit der NS-Überlebenden Maria Gabrielsen in Norwegen.

 

Freyer stieß aber bei ihrer Google-Abfrage nicht nur auf dieses Buch, sie fand auch die Telefonnummer von Maria Gabrielsen. Und sie rief an. „Maria hat sofort abgehoben und losgequatscht. Das erste Telefonat hat über eine Stunde gedauert.“ Es folgten Videokonferenzen, auch mit der Tochter und einer Enkelin Marias, und im Juni reiste Freyer schließlich gemeinsam einem TV-Team des ORF nach Sandejford. Inzwischen hat auch erinnern.at Gabrielsen in Norwegen besucht, das dabei entstandene Interview mit der Zeitzeugin wird im Rahmen der Reihe weiter_erzählen veröffentlicht.

Marias Mutter Rosa Schnedlitz (sie hatte nach einer Beziehung zu einem Nationalsozialisten in der NS-Zeit, mit ein Grund für die Denunziation ihres Mannes und der Kinder, der allerdings 1945 starb, erneut geheiratet) wurde von einem Volksgericht nach Paragraf sieben des Kriegsverbrechergesetzes zu fünf Jahren Kerker verurteilt, allerdings nach wenigen Jahren begnadigt. „Die anderen Richter“ aber, wie es Freyer formuliert, die Kinder, hätten ihr bis heute nicht verziehen. Wenn man Maria Gabrielsen heute frage, was in ihrer Kindheit am schlimmsten gewesen sei, dann antworte sie: die Mutter. 

Zwei weitere Momente hätten sich in den vielen Gesprächen mit Maria als für diese zentral herausgestellt, analysiert Freyer. Da sei zum einen immer wieder die Frage gekommen: „Warum hast du dich nicht früher bei mir gemeldet?“ Bis zuletzt habe sie den Eindruck, dass Gabrielsen sie nicht als Vertreterin der jüdischen Gemeinde wahrnehme, sondern als Vertreterin Österreichs. „Und das ist ja eine weitere Tragödie für Holocaust-Überlebende, dass sie sich allein gelassen fühlen.“

Neue Freundschaften. Zwischen Jasmin Freyer und der Familie der überlebenden Zeitzeugin hat sich in der Zwischenzeit eine enge Freundschaft entwickelt. Nun kommt Maria Gabrielsen auf Besuch in ihre Geburtsstadt Wien.


„Ich bin doch keine Jüdin“:
Erst durch die Kontaktaufnahme Freyers wurde in der Familie langsam klar, dass sowohl Maria wie auch ihre Nachkommen jüdisch sind. „Als ich die Maria gefragt habe, wie lebst du jetzt dein Judentum, antwortete sie mir, ich bin doch keine Jüdin.“ Sie habe nun das Gefühl, dass diese Frage vor allem in der Enkelgeneration viel Nachdenken und Auseinandersetzung mit dem Judentum in Gang gesetzt habe. Scholz schildert in ihrem Buch, dass die Schwarz-Kinder zwischen 1938 und 1939 getauft wurden – solche Taufen waren ein verzweifelter Versuch, der einsetzenden Verfolgung von Juden und Jüdinnen zu entgehen. Da die Kinder zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ Österreichs an Hitler-Deutschland Mitglieder der IKG Wien waren, galten sie nach den NS-Rassegesetzen aber als „Volljuden“ und waren daher eben vor Verfolgung nicht geschützt.

Die Rolle Österreichs im Umgang mit NS-Opfern nach 1945 – und das Thema Identität: Das sind mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des NS-Terrorregimes also die Themen, die Maria Gabrielsen und ihre Familie heute beschäftigen. Dass sie damit nicht allein sind, zeigen die vielen NS-Überlebenden, die in den vergangenen Jahren auf Einladung des von Leon Zelman begründeten Jewish Welcome Service Österreich besucht haben.

Das Jewish Welcome Service war nun auch eine von vielen Organisationen und Institutionen – neben ESRA und erinnern.at zählen auch der Nationalfonds, der Zukunftsfonds, der OeaD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung), das Bildungsministerium und das Jüdische Museum Wien dazu –, die Freyer dabei unterstützten, Maria Gabrielsen noch einmal nach Wien zu bringen. Mitte November wird sie nun, so ihre Gesundheit dies zulässt, mit ihrer Familie in ihre Geburtsstadt reisen. Was sie sich für ihren Wien-Aufenthalt wünscht? Neben einer Fahrt mit dem Riesenrad und einem Spaziergang durch die Gassen ihrer Kindheit auch ein Besuch im Stadttempel, im Archiv der IKG, aber auch der Namensmauer im Ostaricchi-Park, auf der sich der Name ihres Vaters findet: Michael Schwarz, 1897–1943, ermordet im KZ Auschwitz. 

BUCHTIPPS
Maria Gabrielsen mit Oddvar Schjølberg:
Angezeigt von Mama.
Die Geschichte einer Denunziation.
Metropol 2018, 136 S., € 16

Herbert Dohmen/Nina Scholz:
Denunziert.
Czernin 2003, 272 S., € 27

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