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„Es ist kein Feel Well Movie“

In seinem Film Schächten arbeitet sich Thomas Roth an Hand des authentischen Falles Johann Gogl an den skandalösen Freisprüchen von NS-Verbrechern in Österreich ab. Dabei vermengt er Facts und Fiction mit der Nachkriegsgeschichte der Wiener Unternehmerfamilie Wagner.

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Starbesetzung: Paulus Manker, Jess Wildbusch, Julia Stemberger, Robert HungerBühler und andere in Thomas Roths Schächten. ©Ricardo Gstrein

WINA: Mit Ihrem Vater, dem Schriftsteller Gerhard Roth, habe ich über viele Jahre Gespräche zu seinen Büchern, aber auch über die so genannte Vergangenheitsbewältigung geführt. Er hat sich sehr fürs Judentum interessiert, mich auch nach meiner Familiengeschichte gefragt und mir erzählt, dass er selbst aus einer ziemlich „belasteten“ Familie stammt. Kommt daher Ihr quasi ererbtes Interesse an der Thematik des Films?
Thomas Roth:
Ich glaube, dass meine Großeltern keine glühenden Nazis, sondern eher Mitläufer waren. Das ist noch immer nicht schön, damit hab ich mich zu deren Lebzeiten aber gar nicht befasst; erst als mein Vater das etwas recherchiert hat, ist das überhaupt aufgekommen.

Sie haben sich schon länger mit der Idee eines solchen Streifens, der die mangelnde Aufarbeitung der Nazivergangenheit in Österreich beleuchtet, getragen. Was war nun der Trigger für Schächten?

Thomas Roth, Sohn des im Februar verstorbenen österreichischen Autors Gerhard Roth, ist erfolgreicher Drehbuchautor und Regisseur. © Paulus Manker

I Ich hab vor einigen Jahren Simon Wiesenthals Buch Recht nicht Rache gelesen und war schockiert, dass es trotz der vielen Naziprozesse, die es in Österreich gegeben hat, nur so wenige Verurteilungen gab, möglicherweise hab ich auch mit meinem Vater über das Buch gesprochen. Dabei ist mir besonders der Fall Gogl in Erinnerung geblieben. Johann Gogl wurde zweimal vor Gericht freigesprochen, zuerst in Linz und dann wegen eines Verfahrensfehlers in Wien, wohin aber die Belastungszeugen des ersten Verfahrens gar nicht gekommen sind, weil sie in Linz verspottet und ausgelacht wurden. Das hat mich erschüttert. Ich hab das dann an Hand der Gerichtsprotokolle recherchiert und wollte eine Geschichte um so einen Prozess entwerfen. In dieser Zeit hat sich Michel Wagner bei mir gemeldet, ein junger Filmproduzent, der vorhatte, einen an seine Familiengeschichte angelehnten Stoff zu entwickeln und mit einem Rachethema zu verbinden. Jetzt hatte ich also zwei wahre Stränge, den Fall Gogl und die Familie Wagner. Michels Großvater war in der Résistance und sein Vater in Wien in einer Art Schutztruppe für die jüdische Gemeinde aktiv, und aus diesen beiden wahren Strängen hab ich meinen fiktiven Film gebaut. Mich hat auch interessiert, wieso eine jüdische Familie, nachdem sie geflohen war, nach Wien zurückkehrt, ihr arisiertes Unternehmen vor Gericht zurück erstreitet und hier wieder ein Leben beginnt in einer Gesellschaft, die noch immer antisemitisch war.

 

„Man kann als Künstler auch Fragen aufwerfen,
die man
nicht beantworten muss.“
Thomas Roth

 

Es gab ja bereits einige Filme zu diesem Thema, etwa den Film zum Murer-Prozess oder international Inglourious Basterds zum Rachethema. Welche neue oder weitere Perspektive fügen Sie nun hinzu?
I Ich wollte das, was für mich an der Recherche bedeutsam war, in diesen fiktiven Stoff einfließen lassen. Natürlich ist es aus der Perspektive der Hauptfigur Victor erzählt, das ist auch die Perspektive, die Zuschauer einnehmen werden. Ich möchte dem Publikum nicht vorgreifen, wie es diese Rollen interpretieren soll, aber wenn man sich auf den Film einlässt, kommt man irgendwann auf die Frage, was würde ich tun, wäre mir so etwas widerfahren. Also etwa, meine Schwester und meine Mutter sind im KZ Mauthausen grauenvoll ermordet worden, und ich finde den Mann, der das getan hat, stelle ihn vor Gericht, und der wird freigesprochen. Was mache ich jetzt?

© Paulus Manker; Julia Stemberger; Paulus Manker und Jeff Wilbusch; Ricardo Gstrein

Zu Beginn wird auf die „wahren“ Ereignisse, die dem Film zugrunde liegen, hingewiesen; da fragt man sich dann schon, was ist Fact und was ist Fiction?
I Ich habe aber dazu ergänzt, dass er zwar auf wahren Begebenheiten beruht, diese aber dramatisiert wurden. Auf die beiden wahren Teile habe ich schon hingewiesen. Für mich ist Victor eine Figur, die in England aufgewachsen ist und daher nicht weiß, wie stark der Antisemitismus hier noch ist. Der Fall Gogl ist authentisch, aber wie Victor mit dieser Situation umgeht, also der Rachegedanke, das ist Fiktion.

Dass Michel Wagner, der Enkel, an seine Familiengeschichte erinnern will, ist ein typisches Phänomen der so genannten Dritten Generation, während die zweite noch nicht so offen mit der traumatischen Geschichte umgehen kann. Wie war denn das Verhältnis der Familie zu dieser Fiktionalisierung?
I Ja, das stimmt absolut, was Sie über die Generationen sagen. Das Verhältnis war sehr gut, Michel hat dieses Buch frei finanziert, und Vater und Sohn waren sehr kooperativ im Sinne von Recherchen. Ich hab Victor Wagner auch den Hauptdarsteller Jeff Wilbusch vorgestellt, und wir hatten ein ausführliches Gespräch. Ich glaube, Vater wie Sohn waren von dem Film sehr angetan.

Johann Gogl, der als „Schlächter von Mauthausen“ 1975 vor Gericht stand, heißt im Film Kurt Gogl. Inwieweit haben Sie auch diese Figur fiktionalisiert?
I Ich wollte den Täter schon beim Namen nennen, aber auch durch die Besetzung mit Paulus Manker verhindern, dass es eine Klischeefigur wird. Ich fand den Aspekt spannend, wie jemand mit den Verbrechen, die er begangen hat, mit einer anderen Identität in ein normales Leben zurückkehren kann, ohne sich selbst in Frage stellen. Als Filmemacher beurteile ich das nicht und finde es gut, wenn ein Zuschauer sich das fragt. Doch wenn ein Charakter nur eine Seite als immer Böser hat, dann fragt man sich das nicht.

© Paulus Manker; Julia Stemberger; Paulus Manker und Jeff Wilbusch; Ricardo Gstrein

Die Figur passt perfekt in das von Ihnen so düster, fast unheimlich gezeichnete Salzkammergut, auch die dortige antisemitische Wirtshausatmosphäre ist wohl kein Klischee. Auf welche zeitgeschichtlichen Quellen haben Sie sich beim Schreiben des Drehbuchs gestützt?
I Johann Gogl hat sogar unter seinem wahren Namen als Uhrmacher in Bad Aussee gelebt. Den Fall habe ich aus Wiesenthals Buch und einigen Zeitungsartikeln recherchiert. Ich hab zwar versucht, in Details sehr genau zu sein, aber es gab keinen historischen Beirat.

Wie kamen Sie auf den Titel Schächten? Das Schächtmesser wird im Film ja ganz konkret als Corpus delicti eingesetzt.
I Ich fand den Begriff gut, weil dazu hier auch sehr hart und viel diskutiert wurde. Dadurch ist es den Leuten ein Begriff, der unmittelbar mit dem Judentum in Zusammenhang gebracht wird.

Möglicherweise bin ich da besonders sensibel, aber ich habe doch einige Klischees wahrgenommen. Etwa der reiche Jude, der sein Geld in die Schweiz bringt und massenhaft Bargeld im Safe hat, das sehr elitäre Umfeld des jungen Victor. Das jüdische Wien zu Beginn der 1960er-Jahre habe ich bescheidener in Erinnerung. Victor und sein Freund Arie verkörpern vielleicht auch jüdisches Klischees, oder sehen Sie das anders?
I Für mich ist das nicht so. Ich wollte unbedingt einen jüdischen Hauptdarsteller haben und hab ein umfangreiches Casting gemacht, und Jeff Wilbusch, der ja schon im Film Unorthodox gespielt hat und selbst sehr orthodox aufgewachsen ist, hat sich für mich als ideale Besetzung herausgestellt. Ich wüsste nicht, was da klischeehaft ist, aber der Film ist ja auch ein bisschen Fiktion, ein Spielfilm und keine Doku, und ich finde, sie spielen alle ihre Rollen sehr glaubwürdig.

 

„Johann Gogl hat sogar unter seinem wahren Namen
als Uhrmacher in Bad
Aussee gelebt.“
Thomas Roth

 

Simon Wiesenthal und seine Ideologie bzw. Moral spielen eine wesentliche Rolle, was besonders in den Diskussionen mit Victor thematisiert wird. Wiesenthal nimmt da eine klare Haltung gegen die Selbstjustiz ein, aber der Film bleibt diesbezüglich eine eigene Position schuldig. Hat Victor richtig gehandelt, indem er, enttäuscht von der österreichischen Justiz, das Gesetz des Handelns selbst in die Hand nimmt?
I Ich halte es für ganz wichtig, dass das Publikum sich das selbst fragt; deshalb bezieht der Film da keine Stellung, und ich möchte das auch offen lassen. Man kann als Künstler auch Fragen aufwerfen, die man nicht beantworten muss. Auch das Ende ist deshalb ein bisschen offen, damit man irgendwann zu dieser Frage gelangt, was würde ich selbst machen. Das ist eine moralische Frage, die man mit der Ratio allein gar nicht beantworten kann. Ich glaube, dass der Film eine universelle Relevanz hat, denn Antisemitismus, Rassismus, religiöse Morde: Das ist die Welt, in der wir leben. Ich habe in Amerika bemerkt, dass es ein universelles Interesse an dem Thema gibt.

Regisseur Thomas Roth (Mitte) mit einem Teil des Filmteams. © Jeff Wilbusch; Cultfilm, Ricardo Gstrein

Wie war das Echo bei der Uraufführung beim Jüdischen Filmfestival in San Francisco?
I Die Leute waren sehr interessiert, eher neugierig, viele haben Verbindungen zu den Geschichten und waren sehr berührt. Es gab wenige kritische Fragen.

Wer ist das Zielpublikum für diesen Film hierzulande?
I Es ist kein Feel Well Movie, eben ein düsterer Film mit einer düsteren Geschichte. Wie das funktioniert, ist nicht vorauszusehen, da kommt es auch auf die begleitende Promotion an. Ich denke, dass der Film auch in Schulen gezeigt werden könnte, denn leider ist mein Eindruck, dass sich Schüler:innen für diese Dinge nicht so sehr interessieren. Es wäre schön, wenn man diese Generation anregen könnte, sich mit der Geschichte ihres eigenen Landes und eben auch mit solchen moralisch schwierigen Fragen zu befassen; das würde ich mir sehr wünschen.


„SCHÄCHTEN“
A 2022, 105 MIN.

Erzählt wird die Geschichte des jungen jüdischen Unternehmenssohns Victor Dessauer, der als Kind Zeuge der brutalen Ermordung seiner Großeltern wird und dabei den Täter Kurt Gogl erkennt. In den 1960er-Jahren, Victor ist inzwischen im Textilhandel seines Vaters tätig und mit einer jungen Katholikin liiert, erfährt er, dass Gogl unbescholten als Volksschullehrer im Salzkammergut lebt. Er kontaktiert Simon Wiesenthal, um Gogl vor Gericht zu bringen. Nach den unerhörten Gerichtsverfahren im Nazimilieu und den Freisprüchen Gogls beschließt Victor, selbst Rache zu nehmen, und gerät dabei in Lebensgefahr.

Zum Starensemble zählen unter anderem Paulus Manker, Jeff Wilbusch, Miriam Fusseneger und Julia Stemberger. Die Uraufführung fand auf dem San Francisco Jewish Film Festival, dem weltweit größten jüdischen Filmfestival, statt.
Filmstart in Österreich: 2. Dezember 2022

 

       Mehr über den Film im Gespräch:       

„Da ist vieles so wie in meiner eigenen Jugend“

Wie die Geschichte der Familie Wagner in den Film Schächten kam und welchen Anteil Vater und Sohn dabei hatten, erzählen Victor und Michel Wagner in einem Gespräch mit Anita Pollak.

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