„Mein Baum steht in Israel“

Nach vielen Jahren in Luxemburg hat die Sängerin und Schauspielerin Shlomit Butbul vor ein paar Jahren für sich und ihre drei Kinder eine neue Heimat in Eisenstadt gefunden. Ihr Herz schlägt aber bis heute für Israel. „Dort sind meine Wurzeln, ich bin verbunden mit diesem Land, und wenn ich das anspreche, spüre ich, wie meine Tränen kommen. Vielleicht ist es karmisch“, sagt Butbul im Gespräch mit WINA.

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Shlomit Butbul hat gelernt, loszulassen und im Hier und Jetzt zu sein. © Daniel Shaked

Geradlinig war ihr Leben nie und einfach auch nicht. „Ich habe viele Wege genommen, die nicht notwendig gewesen wären und vielleicht aber trotzdem nötig waren, damit ich werden kann, wer ich heute sein soll. Nicht sein, wer ich will – das wäre zu kontrolliert. Sein, wer ich sein soll.” Viele Lektionen hat sie das Leben dabei gelehrt. Eine davon ist, im Moment zu leben. Denn: „Je mehr ich loslasse, desto mehr passiert alles, und es passiert richtig.”

Eben abgeschlossen hat Shlomit Butbul eine Tournee mit hebräischen und jiddischen Liedern. Ob solche Programme ankommen – diese Gedanken lässt sie heute gar nicht mehr zu. „Das interessiert mich nicht. Wir sitzen in Wien, und es gibt Konzerte, bei denen zum Beispiel portugiesisch gesungen wird. Ich glaube nicht, dass von 100 Leuten jeder Zweite Portugiesisch versteht. Es kommt darauf an, was wir mit Musik transportieren. Und es kommt auf die Person an, die es transportiert.” Menschen wollen berührt werden, ist die Künstlerin überzeugt. Und das ist das, was sie tue: Emotionen ansprechen. „Menschen wollen das Gefühl haben, dass sie verstanden werden in ihrem Schmerz und in ihrer Sehnsucht und ihrer Liebe. Und das kann ich erfüllen.”

Kommenden Sommer ist Butbul im Stadttheater Baden als Gouverneurin Miriam Ferguson in Bonnie and Clyde zu sehen. Darüber hinaus arbeitet sie an zwei Soloprogrammen: einer internationalen Tournee mit ihrem Erich-Fried-Programm (Regie: Tania Golden) anlässlich des Gedenkjahres 2021 – dazu hat sie Übersetzungen der Texte ins Hebräische, Englische und Französische in Auftrag gegeben. Das zweite Projekt ist ein Theaterstück (Dramaturgie und Regie: ebenfalls Tania Golden, mit der Shlomit Butbul seit vielen Jahren eng befreundet ist) zum Göttlichen nach dem Sufi-Dichter Hafiz. „Es geht darum, zu seinem inneren Ursprung zurückzugehen – und der bezieht sich auf den Moment. Wir leben zu viel in der Zukunft oder Vergangenheit.”

Blut ist kein Wasser. Sieht sie sich als politische Künstlerin? „Nein, gar nicht.” Sie meide es auch, politische Statements auf öffentlichen Plattformen wie Facebook abzugeben. Manchmal lasse sie sich hinreißen, doch dann ärgere sie sich darüber. „Ich glaube, dass wir diese Dinge füttern, wenn wir sie immer wieder ansprechen. Natürlich müssen wir Aktionen machen, auf Friedensdemonstrationen gehen, Unterschriften sammeln. Aber die Diskussionen in sozialen Medien finde ich sehr kontraproduktiv.”

Das heiße aber eben nicht, dass sie nicht gegen Antisemitismus und Neonazismus auftrete – und auch ein Stück Angst davor habe. „Das macht etwas mit einem, und es macht auch etwas mit mir. Ich habe drei Kinder, und meine Kinder tragen jüdische Namen. Meine Familie ist zum Teil vergast worden und umgekommen, ein anderer Teil hat Israel mit aufgebaut. Aber ich gehe mit meiner Angst so um, dass ich weitergehe und nein sage.”

»Es geht darum, zu seinem inneren Ursprung zurückzugehen – und der bezieht sich auf den Moment. Wir leben zu viel in der Zukunft oder Vergangenheit.«

An eine besonders persönliche Begegnung mit Antisemitismus kann sich Butbul bis heute erinnern. 1990 spielte sie am Stadttheater Chur die Rösslwirtin. Ein Schweizer Kollege hielt die Proben auf, da er in einer Szene eine Stiege hinaufzugehen hatte und stets zu langsam auf Position war. Butbul habe ihn freundlich gebeten, dafür zu sorgen, rechtzeitig auf Position zu sein. Seine Antwort: „Von dir Saujud lass ich mir nix sagen.” Er verlor umgehend sein Engagement an dem Theater.

Aber Butbul sagt heute: „Im Nachhinein hat das über Jahre etwas mit mir gemacht. Ich habe angefangen, mir einzugestehen, dass ich, als ich nach Österreich kam, immer die Ausländerin war. Ich habe realisiert, dass ich selbst in Israel, in meinem Land, für das ich gedient habe, kein Teil einer Kwuza, einer Gruppe war. Mein Hebräisch war noch nicht so gut, und da haben sie mich mit amerikanischen Juden zusammengetan. Aber ich habe etwas daraus gelernt: Ok, es gibt für mich keine Gruppe.”

Und dennoch spüre sie: „Blut ist kein Wasser. Ich bin so jüdisch, dass es mir schon weh tut.” Sie sei nicht religiös und folge auch keinen Ritualen. Aber in ihrem Innersten spüre sie: „Mein Baum steht in Israel.” Und seit sie nach ihrer Scheidung mittlerweile seit zwei Jahren mit einem Juden liiert sei, „habe ich das Gefühl, ich bin zu Hause. Ich kann es nicht erklären, und es ist urrassistisch, aber so ist es.” Klar ist ihr heute auch: „Ich lebe nur einmal.” In ihrer Ehe sei sie unglücklich gewesen. „Und ich will keinen Tag mehr unglücklich sein.”


Shlomit Butbul, 1965 in Haifa als Tochter der späteren österreichischen Sängerin Jazz Gitti und eines Israeli mit marrokanischen Wurzeln geboren. Nach der Scheidung der Eltern übersiedelt sie als Sechsjährige mit ihrer Mutter nach Wien. Militärdienst in Israel, Gesangsstudium (Musical, Operette, Chanson) am Konservatorium der Stadt Wien. In Luxemburg führte sie 14 Jahre lang ein Kulturcafé. Heute pendelt die Künstlerin zwischen ihrem Wohnort Eisenstadt, Wien, Kopenhagen (wo sie Complete Vocal Technique studiert) und New York, wo ihr jetziger Partner lebt. Sie ist geschieden und Mutter dreier Kinder zwischen zehn und 15 Jahren.

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